Die junge Bürgerstochter Marie träumt vom sozialen Aufstieg und lässt sich mit dem Falschen ein. Er, der adelige Offizier, ist ihrer bald überdrüssig und gibt sie am Ende zur Vergewaltigung frei.
Das Verbrechen wird in der Komischen Oper fast rituell vollzogen. Erst wird ein Kanister mit Bühnenblut hereingebracht, dann schmiert sich die Marie-Darstellerin damit ihre Hose im Schambereich ein. Anschließend legt sie sich vorn an die Rampe, hinter ihr lässt ein junger Soldat die Hose herunter. Der Rest ist ebenso erschreckend wie artifiziell.
Skandalregisseur Calixto Bieito hat die Oper „Die Soldaten“ inszeniert. Aber der Skandal bleibt aus. Er wird am Ende ebenso bejubelt wie das Orchester und die Sänger.
Verzicht auf blutigen Realismus
Was ist passiert? Dass der katalanische Regisseur zahmer, altersmilder geworden ist, muss man angesichts der Bilder voller Blut, Missbrauch und Gewalt verneinen. Aber er verwendet die Bilder diesmal anders. Als Bieito vor zehn Jahren Mozarts „Entführung aus dem Serail“ ins brutale Rotlicht-Milieu verlegte und das Publikum quasi live dabei war, wie einer röchelnden Statistin auf der Bühne die Kehle durchgeschnitten wurde, da herrschte blankes Entsetzen im Saal. Viele gingen empört hinaus, es folgten auch ästhetische Diskussionen über die Grenzen des Regietheaters.
Das Theater des blutigen Realismus meidet der Regisseur jetzt, er zelebriert dafür eine Passion über den Leidensweg der jungen Maria. Sie hat Bachsches Format. Es ist eine große, bedrückende Produktion geworden. Und es ist eine der gewagtesten, besten in dieser Berliner Opernsaison, die mit dieser Premiere zu Ende ging.
Der Komponist wählte den Freitod
„Die Soldaten“ ist das Opus magnum des Komponisten Bernd Alois Zimmermann. Die Oper gilt als sein pazifistischer Aufschrei gegen alles Unmenschliche einer durch Krieg und Militarismus geprägten Gesellschaft. Der 1918 in Köln geborene Zimmermann hatte im Zweiten Weltkrieg selbst an der West- und Ostfront gekämpft. Seine Nachkriegsmusik war wohl ein Stück Therapie. Für sein apokalyptisches Trauerspiel nahm er die gleichnamige Komödie des Sturm-und-Drang-Schriftstellers Jakob Lenz zur Vorlage. Es geht um die Verrohung von Soldaten, Zimmermann wollte seine Oper als eine zeitlose Geschichte verstanden wissen. Die Uraufführung war 1965, fünf Jahre später wählte der depressive Komponist den Freitod.
Es ist ungewohnt laut
In der Komischen Oper sitzt das riesige Orchester in Stahlgerüsten auf der Bühne. Die Musiker und auch Dirigent Gabriel Feltz tragen Tarnuniformen, und sie hüllen das Publikum zwei Stunden lang in ein musikalisches Stahlgewitter. Es ist ungewohnt laut. Normalerweise passen bis zu 75 Musiker in den Orchestergraben des kleinsten der drei Berliner Opernhäuser. Der Graben bleibt diesmal leer und ist abgedeckt. Bühnenbildnerin Rebecca Ringst hat die 110 Musiker umplatziert und aus der Bühne ein militärisches Hauptquartier gemacht. Der Dirigent lenkt das Geschehen, und wie rhythmisch schweißtreibend das Ganze ist, kann man Gabriel Feltz ansehen. Zwischendurch wird das üppige Schlagwerk wie ein Panzerwagen nach vorn gerollt. Das Bedrohliche, Grausame liegt zuerst in der Musik, und Bieito hütet sich glücklicherweise davor, es szenisch nur verdoppeln, übertrumpfen zu wollen.
Eine große Zwölftonoper
Es gehört längst zum guten Ton, sich die Zwölftonmusik schön zu reden. Und an einen Gewöhnungseffekt zu glauben. „Die Soldaten“ ist eine der großen Zwölftonopern des vergangenen Jahrhunderts, die rein inhaltlich an Alban Bergs „Wozzeck“ erinnert. Aber nein, die ausgefeilte und vielschichtige serielle Konstruktion geht nicht zu Herzen. Das will sie ja auch gar nicht. Die Schroffheit, das Aufwühlen gehört zu Zimmermanns Programm. Auch die verwendeten Zitate aus Bach-Chorälen, in denen das Erbarmen beschworen wird, bringen nicht wirklich eine Erleichterung. Zumal es ein gängiger Irrtum ist zu glauben, dass im Gegensatz zur zeitgenössischen Musik in Bachs Werken alles nur in schönster Harmonie geschieht. Seine Kantaten und Passionen sind voller Hadern. Zimmermann hat im Geiste daran angeknüpft. Dirigent Gabriel Feltz gelingt es in dieser Produktion auf bemerkenswerte Weise, der Oper Züge eines expressionistischen Seelendramas abzutrotzen.
Der Folterskandal von Abu Ghraib
Dem steuert Bieito seine düstere Gesellschaftssicht bei. In einem Bild erinnert er an den Folterskandal von Abu Ghraib, an die vorgetäuschte Hinrichtung und die sexuellen Entgleisungen. Die Bilder aus der moralisch verkommenen Soldatenwelt überführt Bieito ins Verhältnis der Handelnden zueinander. Schmerz und Lust, Gewalt und Sex gehören zusammen. Missbrauch wird in verschiedensten Konstellationen vorgeführt. Als der buhlende Edelmann Desportes seinen ersten Liebesakt mit Maria im Bühnenhintergrund vollzieht, sieht man vorn auf einer Videoleinwand nur sein Gesicht. Es zuckt schmerzvoll, kurz darauf schwenkt die Kamera herunter, er macht gerade seine Hose zu. Dann schlendert er an der Knienden vorbei davon.
Susanne Elmark als Marie ist ein Lichtblick in dieser Inszenierung. Die Sopranistin kann singend lachen und schrill verzweifeln. Die Solisten, die zackenreichen Gesangslinien folgen müssen, überzeugen durchweg. Jens Larsen singt ihren Vater Wesener in vollbrüstiger Attitüde, Tom Erik Lie reift als betrogener Stolzius zum Giftmischer heran. Naemi Nadelmann ist eine wunderbar intrigante Gräfin. Kurz und gut: Das Saisonfinale ist ein Erfolg, der beiläufig auch zeigt, dass man an Barrie Koskys Komischer Oper weit mehr als nur Unterhaltsames liefern kann.
Komische Oper, Behrenstr. 55-57, Berlin-Mitte. Tel. (030) 47997400. Nächste Termine: 20., 25. Juni, 1. und 9. Juli 2014





