Berliner Kultur

Sasha Waltz droht im Berliner Haushalt leer auszugehen

Die Berliner Politik treibt ein seltsames Spiel mit der Starchoreografin Sasha Waltz. Die Opernstiftung soll jetzt für ihre Compagnie bezahlen. Doch die Opernleute sträuben sich.

Foto: Reto Klar

Es geht wieder einmal um Geld, nur um Geld. Aber für die international gefeierte Berliner Choreografin Sasha Waltz ist es eine Voraussetzung, um mit ihrer Compagnie weiter wachsen zu können. Von der Größe her leitet sie ein mittelständisches Unternehmen.

Knapp eine Million Euro war als Mehrbedarf im Hauptausschuss für sie beantragt. Im Vorfeld begann das Geraune über 500.000 Euro. Irgendwann hieß es, das Geld solle besser aus der Opernstiftung kommen. Schließlich stellte der Hauptausschuss die Summe für Waltz auf Null, wohingegen die 14,5 Millionen Euro Mehrbedarf der Opernstiftung durchgewunken wurden, allerdings eine ungewöhnliche Fußnote erhielten, wonach letztlich Klaus Wowereit darüber entscheiden kann, der Opernstiftung eine halbe Million Euro für Waltz wegzunehmen. Jetzt sitzen alle Beteiligten dieses seltsamen Spiels in ihren Büros und müssen sehen, wie sie damit umgehen.

Georg Vierthaler hat ein ziemlich großes Büro. Er ist Generaldirektor der Berliner Opernstiftung, einem kulturellen Großunternehmen mit gut 160 Millionen Euro Jahresbudget. Er ist der Finanzchef der drei Opernhäuser und des Staatsballetts und von Amts wegen seinen Leuten verpflichtet. Von ihm weiß man außerdem, dass er Sasha Waltz mag.

Einsparungen ohne weiteres Personal zu entlassen

Dennoch sieht er in der möglichen „Querfinanzierung ein verheerendes Signal“. Und das wirkt vor allem nach innen. Der Mehrbedarf war, wie er sagt, nach langwierigen und kontroversen Diskussionen mit Klaus Wowereit entstanden. Es ging um den politisch gewollten Ausgleich der Tarife, die in Berlin ja über fünf Jahre hinweg eingefroren waren.

Die Opernstiftung hatte zuvor drei Rechenmodelle mit ihren Folgen für die Häuser durchgespielt. Demnach gab es keinen Ausgleich beziehungsweise der Senat übernimmt 50 oder 80 Prozent des Tarifausgleichs. Das alles wurde mit dem Kultursenator Wowereit, der zugleich Stiftungsratsvorsitzender ist, ausverhandelt.

Jetzt übernimmt der Senat 90 Prozent; zehn Prozent, sprich: 1,6 Millionen Euro sparen die Häuser in künstlerischen Abläufen ein, ohne weiteres Personal zu entlassen. Wenn die Stiftung im nächsten Doppelhaushalt eine Million für Sasha Waltz zahlen würde, so Vierthaler, dann hätte er beispielsweise dem neuen Intendanten des Staatsballetts, Nacho Duato, noch vor seinem Antritt anzukündigen, dass er zwei Tänzer entlassen müsse. Das will er nicht.

Compagnie feiert ihr 20-jähriges Bestehen

Sasha Waltz hat bereits signalisiert, dass sie sich auf diese Art der Querfinanzierung auch nicht einlassen will. Die Choreografin empfängt allerdings im Moment nicht in ihrem Büro. Das Schweigen ist sicherer. Bei einem ihrer letzten öffentlichen Statements hatte sie gesagt, sie werde Berlin verlassen, wenn sie nicht mehr Geld bekäme. Liebesentzug, das gilt für Menschen wie für Städte, ist eine riskante Strategie. Inzwischen trifft man sich mit ihren Weggefährten im Opernfoyer bei den Premieren oder im Café, um etwas über die Stimmungslage der Compagnie zu erfahren.

Eigentlich feiert die Compagnie ihr 20-jähriges Bestehen und es ist eine Berliner Erfolgsgeschichte, zweifellos. Aus der freien Szene heraus ist eine gemeinnützige Repertoire-Compagnie, so die Selbstdarstellung, hervorgegangen. Zurzeit hat das Ensemble 18 große Produktionen von Sasha Waltz im aktiven Repertoire. Knapp ein Dutzend davon werden jährlich weltweit gezeigt. Man weiß, dass das internationale Tourneegeschäft eine kriselnde Angelegenheit geworden ist. Aber die Gastspiele deckten bislang immer auch die Berliner Auftritte mit ab.

Das sollte sich ändern. Bereits 2006 war von Rot-Rot ein Haushaltstitel über 600.000 Euro eingerichtet worden, dazu kamen Gelder aus dem Hauptstadtkulturfonds. Seither gibt es regelmäßig freundliche Absichtserklärungen ohne Folgen und jetzt obendrein eine fragwürdige Fußnote. Vier Millionen Euro haben Sasha Waltz & Guests als Jahresetat vorgelegt, bislang fließt eine Million Euro aus Berlin hinein. Neben zusätzlichen Vorstellungen und Uraufführungen in Berlin geht es bei dem Mehrbedarf knallhart auch um neun Tänzerstellen und fünf Positionen Backstage.

Wowereit wird sich hüten, Geld aus der Opernstiftung zu nehmen

Es ist schwer zu sagen, wer Sasha Waltz gut leiden kann und wer nur so tut. Als Kultursenator hätte Wowereit jedenfalls viel früher den richtigen Haushaltstitel einbringen können. Die Gestaltungsmacht hat er allemal. Das Nachschieben von einer Million Mehrbedarf im Hauptausschuss ist gescheitert. Und das auch noch in der eigenen SPD-Fraktion. Dorther kam der ziemlich späte Vorschlag, der schließlich in die Fußnote mündete.

Der politische Wille des Parlaments gegenüber dem Senat lautet jetzt: 14,5 Millionen mehr für die Opernstiftung und nichts für Sasha Waltz. Punkt. Aber wenn er, der Regierende, wolle, dann könne er eine halbe Million aus seinem bestätigten Kulturhaushalt nehmen. Nicht etwa von Claus Peymann oder Shermin Langhoff, sondern ausschließlich von den Opernleuten.

Wowereit wird sich hüten. Tut er es, muss er sich mit Daniel Barenboim und Jürgen Flimm (Staatsoper), Donald Runnicles und Dietmar Schwarz (Deutsche Oper), Barrie Kosky (Komische Oper), Christiane Theobald (Staatsballett) und nicht zuletzt mit Georg Vierthaler auseinandersetzen. Tut er es nicht, bleibt Sasha Waltz trotzdem in der Stadt.

Eine würdeloser Vorgang und Rückfall in alte Zeiten

Es wäre ehrlicher gewesen, Sasha Waltz gleich reinen Wein einzuschenken. Der politische Vorgang ist würdelos und ein Rückfall in alte Berliner Zeiten, als Institutionen finanziell gegeneinander ausgespielt wurden. Zuletzt versuchte Kultursenator Thomas Flierl im Juni 2002, von der Staatsoper Unter den Linden einen Solidarbeitrag in Höhe von 255.000 Euro für die Zeitgenössische Oper Berlin abzuzweigen. Daraus wurde nichts, inzwischen ist die engagierte Off-Oper leider fast in der Versenkung verschwunden.

Es ist immer ein Kampf von David gegen Goliath, nur, dass in Berlin immer die Kleinen verlieren. Und nicht zuletzt haben all die städtischen Querelen schließlich Januar 2004 zum Bollwerk, der Stiftung Oper in Berlin, geführt. Es ist töricht, daran zu rütteln.

In der Tanzcompagnie herrscht viel Ratlosigkeit angesichts der Fußnote. Denn genau genommen geht es den Tänzern eben doch nicht nur ums Geld, sondern um die Möglichkeit, sich selbst neu zu erfinden. Nach 20 Jahren wird betont, gerade einen Generationswechsel zu vollziehen und überhaupt große Bühnen füllen zu können.

Daniel Barenboim steht zu Sasha Waltz

Die spektakuläre Frühproduktion „Allee der Kosmonauten“ stammt von 1996, zuletzt machten in Berlin „Dido & Aeneas“ (2005), „Medea“ (2007), „Matsukaze“ (2011) und zuletzt „Sacre“ Station. Das ist Teil von Sasha Waltz’ Regiemodell der „Choreografischen Oper“ und in Kooperation mit der Staatsoper entstanden.

Stardirigent Daniel Barenboim hat längst das Potenzial erkannt und der Choreografin einen roten Teppich ausgerollt. Zu den Festtagen wird sie sogar Wagners „Tannhäuser“ mit Barenboim am Pult inszenieren. Staatsoper wie Deutsche Oper bemühen sich um Sasha Waltz, sagt Vierthaler. Und man räume für sie sogar „die Spielpläne frei“. Im Sommer 2015 geht diese neue Kooperation los.

Weitere Quersubventionierungen lehnt Vierthaler ab. Natürlich wäre es nicht seine Aufgabe, sagt er, Vorschläge zu machen. Er tut es besser doch. Vierthaler jedenfalls plädiert dafür, den Etat von Sasha Waltz aus dem Hauptstadtkulturfonds für die zwei Jahre zu erhöhen. Das hat seine eigene Logik. Dort steht bekanntlich die freie Szene Schlange fürs Geld. Der Fall Sasha Waltz & Guests wäre dann wieder einmal vertagt.