Sechzehn gekündigte Ensemblemitglieder, Tanzfreunde, die gegen den neuen Ballett-Intendanten eine Kampagne starten, viel öffentliche Aufregung, Gerichtsprozesse, die alle abgeschmettert wurden. Nein, dieses Horrorszenario ereignet sich gegenwärtig nicht beim Berliner Staatsballett, obwohl auch dort, kurz vor der zehnten Jubiläumsspielzeit, nicht alles zum Besten steht. Es passierte dem 1973 mit dem eisernen Qualitätsbesen durch das schnarchige Hamburger Ballett fegenden John Neumeier. Heute ist der 74-jährige Amerikaner Ehrenbürger der Hansestadt und wurde eben zu seinem 40. Jubiläum nach einem dreiwöchigen, dauerbejubelten Festival in die Spielzeitpause geschickt.
Solches wird dem designieren neuen Chef des Staatsballetts wohl kaum widerfahren. Doch der ab August 2014 amtierende Spanier Nacho Duato lässt bereits jetzt die Späne fallen, wo er angefangen hat zu hobeln. Entgegen seinen eher utopischen öffentlichen Ankündigungen, er wolle für seine erste Spielzeit noch keine Tänzer kündigen, wurden jetzt die ersten Demissionen bekannt. Es werden nicht die letzten sein. Vorerst müssen wohl fünf Tänzer, darunter die beiden Solisten Rainer Krenstetter und Ibrahim Önal, sowie die Ballettmeisterin Alessandra Pasquali mit Ende der nächsten Spielzeit gehen. Auch der Marketingchef Wolfgang Kaldenhoff verlässt die Kompanie.
Knallharter Arbeitsalltag
Das hört sich grausamer an, als es ist. Tänzer sind, wie jede andere künstlerische Personal am Theater, jährlich kündbar. Ab acht Jahren Betriebszugehörigkeit muss die der Kündigung vorangehende Anhörung zwölf Monate vorher erfolgen, bei weniger Jahren am Haus neun Monate früher. Deshalb wird es im September noch einige Anhörungen am Staatsballett geben, aber „deutlich weniger“, wie Georg Vierthaler, der Geschäftsführende Direktor des Staatsballetts, gegenüber der Berliner Morgenpost versichert. Ab 15 Jahren am gleichen Haus ist man unkündbar, einen Zustand, den heute kaum ein Ensemblemitglied mehr erreicht, weil die Theater sich lieber vorher von ihm trennen, auch wenn es noch in der Blüte ihres Könnens steht. Das ist sozial nicht schön, aber inzwischen knallharter Arbeitsalltag.
Hysterie hinter den Kulissen
Es gibt freilich eine Übergangsmöglichkeit für die Tänzer: Nach 13 Jahren werden die Verträge aufgehoben, dafür dürfen sie anschließend noch vier Jahre garantiert bleiben. Das erleichtert vielen den Übergang in einen anderen Beruf, zumindest wissen sie rechtzeitig, dass die Weichen unumkehrbar gestellt sind. Eine der Tänzer am Staatsballett, besonders die, welche mit Vladimir Malakhov nach Berlin kamen, haben davon Gebrauch gemacht. Gerade in der Solistenriege gab es in den letzten Jahren kaum Veränderungen, mit Ausnahme der Geschwister Semyonov. Starsolistin Polina Semyonova, deren Ehemann weiterhin als Gruppentänzer firmiert, schied im Unguten, auch von ihrem Bruder Dimitri trennte man sich inzwischen, da er die Erwartungen höchstens zum Teil erfüllte.
Manchmal ist eine Trennung ein simples Rechenexempel. Bei den Trainingsmeistern, zumeist unkündbare ehemalige Tänzer, ist nur eine Stelle verfügbar, die Nacho Duato für einen eigenen Mann braucht: eben die der erst seit drei Jahren engagierten Alessandra Pasquali. Also muss sie gehen. Für andere ist ein (erzwungener Wechsel) freilich auch eine Chance: der 30-jährige Rainer Krenstetter, von Malakhov eben noch zum (auch finanziell besser gestellten) Ersten Solisten ernannt, wird keine Schwierigkeiten haben, auch anderswo einen attraktiven Vertrag zu ergattern. Eine Abfindung von bis zu sechs Monatsgehältern kassiert er ebenfalls, falls er nicht gleich eine neue Anstellung findet. In drei, vier Jahren würden freilich auch für ihn die Chancen auf eine Veränderung sinken, denn für alle Tänzer tickt heute die Uhr. Und so wird eben auch so mancher Gruppentänzer schon mit 37 Jahren ausgemustert.
Das Staatsballett ist über lange Jahre personell konstant geblieben. Deshalb löste die Ankündigung einer ersten Kündigungswelle am Ende des kürzlichen China-Gastspiels Tränen und Gerüchte aus. Anderslautenden Meldungen zufolge müssen die hochverdiente erste Solistin Beatrice Knop, die einzige deutsche Erste Solistin in einer deutschen Kompanie, und der Halbsolist Martin Szymanski nicht gehen. Mit beiden wurden individuelle Lösungen ausgehandelt.
Die Hysterie hinter den Kulissen macht freilich deutlich: Nacho Duato, der schon bei der Einführungspressekonferenz wenig souverän wirkte, hat seine Truppe lange noch nicht im Griff. Er selbst hat außer dem modernen Abend mit seinem eigenen Stück seither keine Aufführung der Berliner gesehen, er kennt das Repertoire nicht. Er kam auch nicht, obwohl eingeladen, zu den letzten „Ring um den Ring“-Aufführungen, wo er 21 Solotänzer hätte sehen können. Zu einem Trainingsbesuch ließ ihn dann freilich der beleidigte Vladimir Malakhov nicht, der von seinem Hausrecht Gebrauch machte. Die zehnte Spielzeit des Berliner Staatsballetts, sie wird sicherlich keine leichte.
Am zweitklassigen Michailowsky Theater in St. Petersburg, wo Duato engagiert ist, wird er angeblich zum Ende des Jahres ganz aufhören, das sagt zumindest Georg Vierthaler. Denn je näher sein Start in Berlin rückt, desto dringender wäre seine Anwesenheit. Dafür gastiert in der Zwischenzeit Daniel Barenboim mit der Staatskapelle am Michailowsky Theater. Also scheint zumindest dessen Chef, der zweifelhafte Bananenmagnat Vladimir Kekhman, noch zahlungsfähig.





