Neuer Generaldirektor

Das hat Georg Vierthaler mit der Berliner Opernstiftung vor

Georg Vierthaler, der neue Generaldirektor der Opernstiftung, will Choreografin Sasha Waltz an die Staatsoper binden. Ansonsten kämpft der Betriebswirtschaftler vor allem mit Tarifsteigerungen.

Foto: Martin U. K. Lengemann

Er setze sich in kein Wespennest, sagt Georg Vierthaler, die Stimmung in der Berliner Opernstiftung sei im Moment wirklich gut. Im August wird der gebürtige Oberbayer, Jahrgang 1957, neuer Generaldirektor und damit über die drei Opernhäuser und das Staatsballett in der Stadt herrschen. Vierthaler ist ein Insider, er war lange Jahre Geschäftsführer der Staatsoper und zuletzt des Konzerthauses und des Staatsballetts. Volker Blech sprach mit dem studierten Betriebswirtschaftler.

Berliner Morgenpost: Wenn ein neuer Chef antritt, sind auch Veränderungen geplant. Was wird bei Ihnen anders werden?

Georg Vierthaler: Die Aufgaben der Opernstiftung sind ziemlich klar umrissen. Ich hoffe, dass es mir gelingt, die administrativen Aufgaben noch effektiver zu lösen. Sicherlich sollte die Opernstiftung künftig lauter sagen, was sie alles Gutes tut.

Preisen Sie doch einmal Ihr neues Unternehmen an. Wie viele Mitarbeiter, Zuschüsse, Auslastung haben Sie?

Wir sind bei rund 1900 Mitarbeitern in den drei Opernhäusern, dem Ballett und im Bühnenservice. Anzupreisen ist die unvergleichliche Spielplanvielfalt: 2012 haben wir 90 Inszenierungen in 900 Vorstellungen vorgehalten.

Nach Gründung der Stiftung gab es Streitigkeiten, weil die einzelnen Häuser auf ihre Unabhängigkeit gepocht haben und der Generaldirektor eben keine Marke „Oper in Berlin“ manifestieren durfte?

Die Identität der einzelnen Häuser kann auch gar nicht verbogen werden, weil sie derartig stark von den einzelnen künstlerischen Persönlichkeiten, den Intendanten und Generalmusikdirektoren, geprägt wird. Aber der Stiftungsvorstand hat längst erkannt, dass es Sinn macht zu zeigen, was künstlerisch in der Opernstiftung möglich ist. Dabei wird der einzelne Dirigent oder Regisseur gar nicht verraten.

Was heißt das praktisch?

Ein kleiner Ansatz: Wir vermarkten uns international gemeinsam unter dem Label „Oper in Berlin“. Es gibt kleine Prospekte und anderes. Wenn wir dabei Berlin mitdenken, das gemeinsame Opernplakat etwas attraktiver gestalten, wird die Oper und das Ballett besser wahrgenommen.

Sie reden also allein von Marketing, denn der erste Generaldirektor, Michael Schindhelm, war daran gescheitert, auch künstlerisch mitreden zu wollen.

Ich möchte überhaupt keinen künstlerischen Zuschnitt eines Hauses beeinflussen. Sicherlich gibt es einige Reizwörter wie etwa die Dubletten im Spielplan. Die Diskussion hat sich glücklicherweise durch die zehnjährige Praxis der Stiftung verringert. Das System funktioniert ganz gut, auch wenn intern immer wieder mal diskutiert wird, wer denn jetzt den „Parsifal“ machen darf und wer mit dem „Tannhäuser“ dran ist. Die Stiftung wird künftig hinterfragen müssen, ob wir nicht besser jeden Tag spielen sollten. Also keine freien Montage oder Dienstage mehr zulassen.

Wenn die Häuser autark sind, was kann dann ein Generaldirektor überhaupt beeinflussen?

Er kann zumindest die Stimmung in der Stiftung positiv beeinflussen, indem er seine Moderationsfunktion wahrnimmt. Es gibt einen besonderen Bereich: den Bühnenservice mit den gemeinsamen Werkstätten. Es ist ein ständiges Ringen um Arbeitszeiten, um Kapazitäten.

Sie bleiben weiterhin Geschäftsführer des Staatsballetts. Ist das nicht eine ungute Verquickung?

Das habe ich mir kurze Zeit auch überlegt. Aber das Ballett steht nicht mit den drei Opern im Wettbewerb. Es handelt es sich auch um den kleinsten künstlerischen Betrieb der Stiftung und benötigt außerdem die Infrastruktur der drei Opernhäuser. Das Staatsballett hat ja kein eigenes Haus, keine technische Mannschaft und auch kein Orchester. Ich glaube sogar, es ist ganz gut, wenn der Generaldirektor die Geschäfte des Balletts führt. Im Übrigen herrscht im Vorstand der Stiftung eine derartige Transparenz, dass jede Art von Bevorzugung gar nicht möglich ist.

In den letzten Jahren war Vladimir Malakhovs künstlerische Lethargie, die ja auch zum Auslaufen seines Intendantenvertrags führt, nicht mehr zu übersehen. Hat es auch Ihr Geschäft beeinträchtigt?

Das Staatsballett ist insgesamt ein sehr erfolgreicher Betrieb. Wir haben stabil 82 Prozent Platzausnutzung. Wir haben über 100000 Zuschauer. Wirtschaftlich steht das Ballett hervorragend da. Die Berufung eines anderen Intendanten durch den Stiftungsrat hatte eindeutig künstlerische Gründe. Für mich war es aber immer ein angenehmes Arbeiten mit Herrn Malakhov.

Die Berliner Choreografin Sasha Waltz soll künftig mehr an der Staatsoper produzieren. Ist es denn überhaupt möglich, Sasha Waltz und ihre Compagnie an die Opernstiftung zu binden?

Die Frage wird man noch gemeinsam mit Sasha Waltz erörtern müssen. Zunächst stellt sich die Frage, welche Interessen verfolgt die Berliner Kulturpolitik. Geht es um eine Stärkung der Compagnie „Sasha Waltz & Guests“, sorgen wir also in Berlin für mehr Auftrittsmöglichkeiten. Oder geht es um Sasha Waltz als Einzelkünstlerin, als Choreografin und Regisseurin, die exklusiv eine neue Herangehensweise an die Oper entdeckt hat, nämlich vertanzte Oper, wo Musik, Gesang, Tanz eine Ebenbürtigkeit haben. Das gilt es zu erhalten, aber dazu braucht Sasha Waltz einen großen Opernapparat. Dazu reicht nicht die Stärkung ihrer Compagnie.

Sasha Waltz und ihre Compagnie gehörten einmal zur Schaubühne. Das ging ziemlich schnell schief.

Ja, sie hat ihre Erfahrungen mit Institutionen. Die Situation wurde schwierig, weil sich Sasha Waltz in ihrer Freiheit beschränkt fühlte. Jetzt ist die Schaubühne aber ein ungeheuer flexibles Institut, während die Opernhäuser aufgrund der Größe eher starre Gebilde sind. Orchester, Chor und internationale Sänger müssen erst einmal koordiniert werden. Ich denke, im Herbst, wenn die Staatsoper ihre erste Produktion mit ihr macht, wird es greifbare Ergebnisse geben. Ich erinnere mich noch an die Entstehung von Purcells „Dido & Aeneas“, da war ich noch Geschäftsführer an der Staatsoper, das Projekt war damals nicht leicht aus der Taufe zu heben, aber wir wussten um die überaus wertvolle Koproduktion. Sasha Waltz hat meine ganze Unterstützung.

Gehört Sasha Waltz dann zur Staatsoper oder allen drei Opernhäusern?

Es ist zu diskutieren, ob die Staatsoper die neue Heimat für Sasha Waltz sein kann. Das wäre eine wunderbare Entscheidung.

Damit bekommt Ihr Staatsballett eine eigene, neue Konkurrenz?

Sasha Waltz & Guests ist heute schon ein Mitbewerber in der Stadt. Aber eine klassische Compagnie, die vom neuen Intendanten Nacho Duato sicherlich weiter in die Moderne geführt wird, verträgt sich wunderbar mit Sasha Waltz’ reinem Tanztheater.

Rechnet sich das Ganze überhaupt?

Die Stadt muss über das Modell nachdenken. Sasha Waltz in die Opernstiftung zu implementieren und zu denken, das kost dann nix, ist eine Illusion. Gleichwohl sehe ich einige Synergien. Vorausgesetzt, dass die Opernhäuser bereit sind, Proben- und Vorstellungstage bereit zu stellen.

Derzeit liegt der Zuschuss der Opernstiftung bei 124 Mio. Euro aus Landesmitteln. Darüber hinaus zahlt der Bund für Daniel Barenboims Staatskapelle 1,8 Mio. Euro und für die Sanierung der Staatsoper insgesamt 200 Mio. Euro. Wie viel Bund steckt in der Berliner Opernstiftung?

Abgesehen von der Sanierung der Staatsoper eigentlich ziemlich wenig. Der Bund hat sich bisher elegant aus einer Kofinanzierung der Opern herausgehalten. Obwohl sich das die Häuser ja gewünscht hätten.

Was glauben Sie, wann wird die Staatsoper wieder eröffnet?

Ich muss bei dem Termin bleiben, den die Senatsbaudirektorin Frau Lüscher als zwar ehrgeizig, aber machbar bezeichnet hat: Herbst 2015.

Ihre größte Baustelle aber sind die im Land Berlin geplanten Tariferhöhungen ab 2015. Es geht um 14 Mio. Euro. für die Opernstiftung.

Nein, damit haben wir bis letzte Woche gerechnet, aber am Wochenende ist der Tarifabschluss für die Länder erfolgt. Ich will das nicht im Detail ausführen, aber es bedeutet, dass wir jetzt in eine Größenordnung von 15,5 Mio. Euro kommen. Wie wir damit umgehen, bleibt in der Diskussion. Die Opernstiftung hat mit ihrer Gründung immense Strukturveränderungen vorgenommen, wozu auch rund 250 Stellen abgebaut wurden. In den Senatsverwaltungen werden jetzt die Tarifsteigerungen durch Personalabbau aufgefangen. Wir müssen uns fragen, ob wir diesen Weg mitgehen oder ob der Senat nicht die gute Struktur akzeptieren sollte, die wir für die Opernhäuser gefunden haben.

Dann wird also wieder über die Schließung eines Opernhauses gestritten?

Bei der Größenordnung kämen wir schnell wieder in die Debatte einer Schließung oder der Fusion. Die 15,5 Mio. Euro sind nicht ohne größere Einbußen aus dem laufenden Betrieb heraus einzusparen.

Welche Signale haben Sie aus der Berliner Politik?

Die Stimmung in Berlin schwankt, wie in den letzten Jahren bei den Landesbetrieben, eher hin zum Verständnis, dass ein Tarifausgleich notwendig ist. Aber es gibt Stimmen aus der Finanzverwaltung, die sagen, es müsse ja kein hundertprozentiger Ausgleich sein. Ein gewisser Eigenbeitrag wäre zu leisten. Wir werden jedenfalls nicht im Stich gelassen.