Neuer Intendant

Peymann wünscht sich für das BE einen politischen Kopf

Claus Peymann, der Intendant des Berliner Ensembles, verlässt das Haus 2016. Wie er sich seinen Nachfolger vorstellt, welche seiner Träume geplatzt sind und was er zum Dauerkonflikt mit Rolf Hochhuth sagt.

Foto: Reto Klar

Claus Peymann, 76, hat seinen Rückzug für den Sommer 2016 angekündigt. Drei letzte Spielzeiten bleiben dem Intendanten des Berliner Ensembles, er vergleicht sich mit einem Boxer, der in die letzte Runde geht und auf ein K.O. hofft.

Peymann spricht über geplatzte Träume, den Jugendwahn und die Fernsehhast, die das Theater ergriffen hat, und natürlich über Rolf Hochhuth, der ihm aus dem Berliner Ensemble vertreiben will: Am heutigen Dienstag beschäftigt sich das Berliner Landgericht wieder mit dem Thema.

Berliner Morgenpost: Herr Peymann, als Sie 1999 das Berliner Ensemble übernommen haben, haben Sie ein großstädtisches, politisches Theater angekündigt, das den Mächtigen auf die Finger klopft. Haben sich Ihre Ansprüche erfüllt?

Claus Peymann: Ich bin vom Burgtheater nach Berlin gegangen, weil ich dachte, wir müssen alle nach Berlin gehen, um die neu entstandenen Macht-Fantasien des wiedervereinigten Deutschlands zu kontrollieren – der Traum von einer Rückkehr der zwanziger Jahre! Berlin als Schnittpunkt von Kunst und Politik! Aber der Traum von der großen, zentralen Rolle, die das Theater in dieser Stadt spielen müsste, war schnell ausgeträumt. Vielleicht ist es auch einfach so, dass das Theater diese Rolle des Aufklärers heute überhaupt nicht mehr spielt.

Wer hat die übernommen?

Der amerikanische Geheimdienst vielleicht? – Nein, im Ernst: Die wirklichen „Aufklärer“ unserer Zeit sind die Revoluzzer in den Internetcommunities; zum Beispiel der weltweit gejagte Snowden. Diese Leute sind die Robin Hoods unserer Zeit. Die Helden und Protagonisten der Stücke Büchners, Brechts oder Heiner Müllers scheinen nicht mehr zeitgemäß. Das Theater hat sich längst in eine Nische verkrochen. Die Verbrechen unserer Zeit, die kriegerischen Brandherde in Afrika, in Asien, im Vorderen Orient, das Gefälle zwischen Arm und Reich, die Korruption der Politiker – auch in Europa: Wir wissen es und sind ratloser denn je. Offenbar auch die Autoren. Es fehlt Mut und Leidenschaft.

Die Welt lässt sich nicht mehr so einfach in Gut oder Böse einteilen. René Pollesch ist einer, der das in seinen Stücken abbildet.

Über Pollesch hört man immer den selben Satz: ich fand’s toll, habe aber nichts verstanden. Vielleicht ist das aber tatsächlich der Zustand, in dem wir uns befinden, der Zustand von Theater und Literatur heute. Wir machen unsere eigene Hilflosigkeit und unser Nicht-Verstehen-Können zum Thema. Das Quasseln und Witzeln über diese Ohnmacht, das ist Pollesch. Alle 14 Tage eine Premiere.

Für Sie wäre das kein Autor?

Wir sind einfach langsamer! Wir haben ein eigenes Zeitmaß, eine andere Geduld. Der Jugendwahn und die Fernsehhast, die das Theater ergriffen hat, die soll sich ruhig woanders austoben. Hier nehmen wir uns noch Zeit für Sprache, für Handwerk und die großen Stories. Wo sonst arbeiten in Berlin die großen alten Meister? Ist das aber nicht möglicherweise die eigentliche Aufgabe des Theaters? Wir sind Video-Mikroport-und-Blut-spritz-resistent und haben den ganzen modischen Schmock der letzten Jahre nicht mitgemacht.

Sie haben Ihren Abschied für den Sommer 2016 angekündigt.

Ich bin in der letzten Runde. Wie beim Boxkampf, kurz vor Schluss, hofft man auf den „lucky punch“, den KO-Schlag –und wenn’s der eigene ist (lacht). Wir wagen einen Neustart. Schauen Sie unser Programm an: Luc Bondy kehrt zurück in diese Stadt mit Horváths „Don Juan kommt aus dem Krieg“, Leander Haußmann inszeniert den „Hamlet“ am BE.

Einen Neustart macht man, wenn man vorher etwas an die Wand gefahren hat.

Menschen wie George Tabori, Jürgen Gosch, Einar Schleef oder Thomas Langhoff, mit denen ich hier Theater gemacht habe, leben nicht mehr. Aber im Grunde fängt man sowieso mit jeder Spielzeit neu an.

Sind Sie enttäuscht, wenn Sie auf die vergangenen 14 Jahre zurückschauen?

Ich habe sehr früh erlebt, dass das Theater viel mehr sein kann als pure Unterhaltung. Die Aufführung von Handkes „Publikumsbeschimpfung“ in den wilden sechziger Jahren, die Auseinandersetzung in Stuttgart um den sogenannten „Zahnspende-Skandal“, die mit unserem Rausschmiss endete, am krassesten bei Bernhards „Heldenplatz“ im Wiener Burgtheater. Ein ganzes Land wird durch eine Theaterinszenierung aufgeschreckt und verstört. Ich glaube noch an die „Erziehung des Menschengeschlechts“ durch Kunst. Ich bleibe ein Weltverbesserer, das macht mich heute zu einer anachronistischen Figur. Ich bin gescheitert wie Don Quichotte. Was ich erwartet habe, hat mir diese Stadt nicht gegeben. Liegt es an mir, liegt es an der Blasiertheit der Berliner, die nichts mehr erschüttern kann? In Wien ist das Burgtheater der Mittelpunkt der Stadt. Ein neuer Haarschnitt von Gert Voss ist Thema für alle Wiener. Ob Martin Wuttke eine Glatze hat oder nicht, interessiert in Berlin niemand. Berlin ist keine gute Heimat für Künstler. Max Reinhardt, Lietzau, Gobert, Stein, Breth, Bondy – sie sind gegangen, weil die Stadt eine flackernde Kälte ausstrahlt. Ein Mensch wie Otto Sander, den wir am Samstag zu Grabe getragen haben, ist in einer solchen Stadt eine einmalige Kostbarkeit. Ein Schauspieler wird geliebt. Das ist selten in Berlin

Obwohl die Stadt vom Image der Kulturmetropole lebt.

Was wäre die Gesellschaft ohne Kunst, die Stadt Berlin ohne ihre Theater? Die Rolle der Künstler ist eine viel wichtigere als die der Politiker. Die Künstler bestimmen das Bild der Gesellschaft, das ist kein Privileg von Frau Merkel oder anderen. Das, was bleibt, sind die Künstler. Goethe, Shakespeare und Molière – wie hießen die Könige dieser Zeit? Geblieben ist das Menschenbild in den Stücken Büchners, Kleists oder Shakespeares. Spricht man über die Nachkriegsepoche in West- oder Ost-Berlin, kennt man kaum noch die Bürgermeister, aber Bernhard Minetti und Botho Strauß im Westen oder Helene Weigel und Bertolt Brecht im Osten, die kennt jeder. Sie verkörpern das Menschenbild, das Antlitz ihrer Zeit. Das ist die Aufgabe der Kunst: Was war der Mensch, was ist der Mensch, was könnte er sein? Die Hamlet-Frage!

Haben Sie Pläne für die Zeit nach dem Berliner Ensemble?

Mit 76 Jahren macht man sich keine Gedanken darüber, was man in drei Jahren macht. Ich wohne in einem schönen Haus in Köpenick, übrigens zur Miete, aber wann sehe ich es? Morgens um 9 Uhr gehe ich ins Theater, abends um 23 Uhr komme ich zurück. Im Moment blüht die Kresse so schön und ich habe in Nachtaktionen 82 Gläser Brombeergelee selbst eingemacht… Das kann ich mir auch vorstellen.

Claus Peymann kauft sich ein paar Gläser und eröffnet einen Hofladen?

Da kommen dann die ganzen Köpenicker vorbei, einschließlich Gregor Gysi! Ein Leben nach dem BE kann und – ehrlich gesagt – will ich mir auch nicht vorstellen. Ich empfinde das eher als Provokation der Biologie gegenüber – den lieben Gott will ich mal aus dem Spiel lassen.

Sie hören zeitgleich mit Frank Castorf, dem Intendanten der Volksbühne, auf.

Wir haben beide unsere beste Zeit hinter uns, scheinbar (lacht). Je mehr man kann, desto leichter wird es, denkt man. Ein tragischer Irrtum. Es wird immer schwerer. Man kann alles und hat das meiste schon gemacht. Das macht uns anfällig für Skrupel – und auch für Misserfolge.

Kulturstaatssekretär André Schmitz sucht für die Nachfolge am Berliner Ensemble einen jungen Peymann. Sind Sie dem schon mal begegnet?

Peymann ist sowieso einmalig, einen jungen CP zu suchen, ist Blödsinn. Aber auf den Intendantensessel des BE gehört ein Künstler oder eine Künstlerin. Keiner von den Managern und Schönrednern, die überall die Theater leiten. Auch der künftige Intendant des BE sollte wieder ein politischer Kopf sein – im Sinne Brechts und Müllers – hoffend auf die Verbesserung der Welt. Also ein Träumer…

Vorausgesetzt, Rolf Hochhuth hat das Haus nicht vorher übernommen. Er versucht, Sie herauszuklagen.

Warten wir doch erst mal den Prozess ab. Hochhuth ist ein weltferner, verzweifelter Traumtänzer geworden, der nicht begreifen kann, dass im Theater bestimmte Verabredungen eingehalten werden müssen. Wenn er drei Wochen vorher sagt, Mitte Oktober soll aber der „Stellvertreter“ am BE gespielt werden, dann haben wir doch längst die Karten für unsere angesetzten Vorstellungen verkauft! Hochhuth ist ein unglücklicher Narr, der seine eigene Wirklichkeit als Dramatiker einfach nicht erkennen will. Übrigens liebe ich ihn wegen seiner Wutanfälle, wegen seiner Empörungen, über jedes Unrecht der Welt – und sei es die Schließung eines Caféhauses am Kurfürstendamm.

Sie bekommen oft Post von Hochhuth, antworten Sie ihm denn?

Dann müsste ich ja ständig Briefe schreiben. Er hat einen Vertrag mit dem Berliner Senat, der nie richtig gelesen wird, weder von den Journalisten, noch von Hochhuth selbst. Darin werden ganz konkrete Fristen genannt, die man einhalten muss. Anders geht es nicht! Eigentlich möchte ich nett zu ihm sein, zu diesem verrückten „Lear auf der Heide am Schiffbauerdamm“! Vielleicht gibt es irgendwann ein „Happy End“ mit Rolf H. und Claus P. Aber bis jetzt hat Hochhuth alle Prozesse verloren – und wird auch den nächsten verlieren.