Das Deutsche Theater wird zur Open-Air-Bühne. Zum Kabarett. Und zur Oper. Und all das an einem einzigen Tag. Dem letzten Tag dieses Monats. Da wird im Hinterhof „Der Gesang des Pottwals“ gegeben, eine vergessene und wiederentdeckte Oper in drei Akten von Giacomo Puccini, im Original „Il Canto di Carpodoglio“. Das kommt uns spanisch vor. Von einer solchen haben wir noch nie gehört. Jetzt stehen wir mit Heiner Bomhard vor der 200 Menschen fassenden Tribüne, vor der der „Pottwal“ seine Premiere feiern wird. Kann schon sein, dass das nicht so ganz stimme, gibt er zu. „Das alles ist ein großer Schein, wie so oft beim Theater.“
Mit herkömmlichem Theater war der Schauspieler nie glücklich
Tatsächlich ist er der Autor und Regisseur des Stücks. Das von einem Regisseur handelt, der wohl viele Opern inszeniert und diese nun ausgegraben hat. „Vermutlich ist sie seine eigene Erfindung“, sagt der schlaksige, langmähnige Mann mit Augenzwinkern. „Reiner Größenwahn.“ Das andere stimmt aber schon. Der „Pottwal“ bietet auch Kabarettistisches. Es treten Figuren namens Merz und Musk und Neonazis auf. Und das Ganze wird ein Open-Air-Spektakel: „an einem hoffentlich schönen, vorsommerlichen Frühlingsabend“, so der Regisseur. Freiluftbühne, das sei wie ein Klassenausflug. „Das erfordert eine andere Spielweise, mehr Volkstheater, mehr Commedia dell’arte.“ Das passe sehr gut zu seinem Stück. Jetzt muss nur noch das Wetter mitspielen. Denn es gibt kein Dach über der Bühne. Es steht aber ein Klavier darauf. Und das darf nicht nass werden.

Heiner Bomhard wurde am Deutschen Theater (DT) bekannt durch die Stücke Rosa von Praunheims. Das erste war 2018 „Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht“, dann folgten 2020 „Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs“ und 2023 „Die Insel der Perversen“, wilde, rasend komische Abende. Bomhard spielte hier immer zusammen mit Božidar Kocevski, wie auch in Praunheims Film „Darkroom – Tödliche Tropfen“ (2019).
Zu all diesen Produktionen komponierte Bomhard auch die Musik – wie auch zu Praunheims Musical „Die Bettwurst“ (2022), das nicht am DT, sondern in der Bar jeder Vernunft gespielt wird. „Der Gesang des Pottwals“ ist nun die erste eigene Produktion des 40-Jährigen, in der er ganz viele Rollen innehat: Autor, Regisseur, Musiker und Schauspieler. Aber nein, beeilt er sich gleich zu erklären, den größenwahnsinnigen, tyrannischen Regisseur, den spiele nicht er, da gebe es keine Parallele.
Theater kann man auch anders realisieren: als Kollektiv
„Wir wollen die Vielfältigkeit der Kultur feiern“, so das Multitalent über sein Stück. „Das wird eine Feier im besten Sinne. Auch als Verteidigung des Theaters: dass wir uns nicht rechtfertigen müssen, was wir hier tun.“ Theater sei immens wichtig als Ort, an dem Menschen zusammenkommen und gemeinsam etwas erleben und diskutieren. Aber an der Kultur werde immer zuerst gespart. Das betreffe dann erst mal nicht das Ensemble, das fest angestellt ist. Aber Gäste wie ihn, die nur stückeweise eingeladen werden. „Und darum geht es eben auch: Was ist Kultur, und was ist sie uns wert?“ Im „Pottwal“ gibt es nicht nur Sparmaßnahmen, in dieser überspitzten Satire wird gleich das ganze Theater abgerissen.

Von der Berliner Kulturpolitik drohen erneute Einschläge. Aber Bomhard sorgt sich nicht. Er hat das Glück, durch Praunheim an dieses Haus gekommen zu sein und hier einige Produktionen gemacht zu haben, die gut angekommen sind. Das DT sei eine künstlerische Heimat. „Und ich genieße einen gewissen Sonderstatus. Weil ich nicht nur spiele, sondern auch Musik mache.“ Deshalb hat man ihm Carte blanche gegeben. Um einen eigenen Abend zu gestalten.
Die Vorankündigung liest sich in bester Praunheim-Manier, wie eine Fortführung von „Die Insel der Perversen“. Ja, gibt Bomhard zu, „das kann man so sehen“. Als er das Stück geschrieben habe, war Praunheim noch am Leben. Und der war in den letzten Jahren eine Art Mentor für ihn. Sein Tod im vergangenen Dezember hat ihn schwer getroffen. „Dass ich so jemanden kennenlernen durfte, ist ein Geschenk. Weil er durch sein Credo – nicht nachdenken, einfach machen! – unheimlich kreativ war. Und auch andere so angetrieben hat. Das habe ich mitgenommen.“
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Wie ist Praunheim überhaupt auf ihn gekommen? Das war reiner Zufall. „Jeder Idiot hat eine Oma“ war eigentlich als Soloabend für Božidar Kocevski gedacht. Da gab es aber auch viele Lieder. Und Kocevski fragte, wer das denn machen solle. Der Schauspieler war zuvor im Ensemble am Theater Freiburg, zusammen mit Bomhard. Den schlug er vor. Und Bomhard hat dann ein paar Ideen geschickt, die Praunheim überzeugten. So kam er nach Berlin. Eigentlich als Musiker. Aber dann durfte er auch schauspielern. Und jetzt ist er auch Autor und Regisseur.

Als was versteht er sich am meisten? „Ich bin ausgebildeter Schauspieler, das mache ich am liebsten“, so Bomhard. Vier Jahre war er in Freiburg am Theater, das wurde ihm aber bald zu langweilig. „Weil ich meine eigenen Ideen nicht verwirklichen konnte.“ Und auch, weil zu „zu viel von oben vorgeschrieben wurde“. Er kann auch nur schwer mit hierarchischen Strukturen umgehen. Er habe erlebt, wie „gewisse Regiepersonen“ – Namen werden nicht genannt – Ideen hatten, aber nicht wussten, wie sie das umsetzen sollten. „Das hat mich schon immer genervt.“
Umso dankbarer ist er nun, dass er am DT all die verrückten Ideen, die er hat, auch realisieren darf. In all den Funktionen, die er dabei innehat. Dadurch kann er zeigen, dass es anders geht: „Man kann auch das ganze Team mit ins Boot holen.“ Beim „Pottwal“ sei das mehr ein Kollektiv, jeder habe eine Stimme und könne etwas beitragen. „Das ist mir ganz wichtig. Und das zahlt sich auch über die Arbeit hinaus aus.“

Bleibt noch der Elefant im Raum. Der „Gesang“ handelt zwar von einem Pottwal. Timmy, der vor Lübeck gestrandet ist und dessen Schicksal die Nation für Wochen beschäftigt hat, war ein Buckelwal. Klar, reine Koinzidenz. Aber hilft die neue Liebe der Deutschen zum Wal vielleicht bei der Werbung? Oder ist das womöglich kontraproduktiv, weil es falsche Erwartungen weckt? Das sei ein tragikomischer Zufall, so Bomhard: „Das Stück wurde natürlich schon vorher konzipiert.“

Donnerstag
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Der Ausgangspunkt für den Stücktitel war allerdings ein Pottwal, der vor einem Jahr vor Sylt gestrandet ist. Da stand jemand auf dem Wal und zerteilte ihn mit einer Kettensäge, weil man das Tier anders gar nicht wegbekommen hätte. „Dieses Bild war für mich sehr eindrücklich: Da kommt etwas in unser Leben, womit wir umgehen müssen. Vielleicht sind wir sogar selbst schuld, dass es da hingekommen ist.“ Ein drastisches Symbol, das für die Sparpolitik stehen könne. Oder für den Kapitalismus, der sich alles nimmt. „Und der Wal bietet ja seit ,Moby Dick‘ reichhaltige Projektionsflächen und weckt viele Fantasien.“ Man darf gespannt sein, was da auf uns zukommt.






