Kultur

Fummel, Fetisch und Neurosen

Rosa von Praunheim mit „Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht“ an den DT-Kammerspielen

So was muss man sich erst mal trauen: „Analverkehr“, singt Božidar Kocevski mit vergnügt kieksender Stimme, „ein Hoch auf den Analverkehr“. Zuvor ist er schon mit deutlicher Beule in den Glitzerleggings auf die Bühne gekommen, also eigentlich im quietschrosafarbenen Kleid, aber die Kostüme fallen an diesem Abend so zahlreich wie die Pointen. Die Beule stammt von einem Dildo, den Kocevski sich mit dem Schlachtruf „Alles für die Kunst“ in den Rachen schiebt, um sich dann tränenreich als hetero zu outen.

Die Tränen sind so künstlich und erfunden wie vieles an diesem bemerkenswerten Abend, mit dem Filmemacher und Aktivist Rosa von Praunheim in den Kammerspielen des Deutschen Theaters seinen 75. Geburtstag feiert. „Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht“ ist ein Spektakel von gut zwei Stunden, eine schräge Lied-Revue voll Glitzer-Punk und Anarcho-Pop, wie man es dem DT nie zugetraut hätte.

Zur Premiere staut sich die Prominenz im Parkett, Tom Tykwer, Klaus Lederer, Zazie de Paris. Viele kennen Rosa von Praunheim vor allem durch seine skandalisierten Zwangsoutings von Hape Kerkeling und Alfred Biolek 1991. Damals, auf dem Höhepunkt der deutschen Aids-Hysterie, wollte er positive Rollenbilder etablieren. Dass heute so selbstverständlich positiv über schwule und lesbische Paare berichtet wird, ist auch sein Verdienst. Noch wichtiger war seine Rolle für die Schwulenbewegung der 70er-Jahre, die sich erst als Reaktion auf seinen Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ bildete.

Außerdem drehte er herrlich trashige Streifen wie „Die Bettwurst“, billig gemachte Biopics, wichtige Dokus wie „Die Jungs vom Bahnhof Zoo“. Später hat er als Hochschullehrer Filmemacher wie Tykwer und Axel Ranisch geprägt.

Das alles wird an diesem Abend allenfalls gestreift, durch Videoeinblendungen, Fotoprojektionen, im Text. Der wuchert schnell von biografischen Fakten zu Fiktionen, lässt im magischen Realismus Neurosen und Fetische blühen. Virtuos spielt Praunheim mit seinem öffentlichen Image, mit Boulevard-Schlagzeilen und Klischees, wird dann aber bei aller Überdrehtheit plötzlich ernst, wenn es um Aids-Tote oder die Liebe geht.

Dass diese wild wuchernde Mischung aufgeht, liegt am Bühnen-Traumpaar Božidar Kocevski und Heiner Bomhard. Kocevski jongliert virtuos mit Praunheims provokativen Textfetzen, wechselt in atemberaubenden Tempo Spielhaltungen und Masken. Im viel zu knappen Strickoberteil wirft er seine Arme zur Pirouette in die Luft, giert wie ein Tier über die Bühne, lässt sich lasziv auf der leuchtenden Freitreppe nieder. Wenn er ins Publikum rennt, wirkt das bedrohlich – diesem Spielwütigen traut man alles zu. Dabei will er nur Gucci-Bonbons loswerden.

Bomhard begleitet Kocevski an Klavier, Akkordeon und Ukulele, emanzipiert sich aber bald von seiner Rolle als Begleiter, Sidekick, Knutschpartner, wenn er als Thomas-Gottschalk-Karikatur Kocevskis Rosa fertigmacht. Er hat auch die analanarchischen Liedtexte Praunheims wunderbar ironisch vertont (die CD gibt’s im Theater für fünf Euro). Am Ende lässt sich Praunheim im flimmernden Zauberer-Mantel feiern. Für seine Lebensleistung, sicher. Aber auch für diesen wilden, feinen Abend.

Kammerspiele des Deutschen Theaters, Schumannstr. 13a, Mitte. Tel.: 284 41 221. Nächste Termine: 26. Januar, 15. Februar

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