Deutsches Theater

„Hitlers Ziege“: Den Nazi-Spuk ins Klo spülen

Rosa von Praunheims lustvoll-provokanter „Führer“-Exorzismus in den DT-Kammerspielen: „Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs“.

Er ist wieder da: Der Hitler-Wiedergänger (Bozidar Kocevski, stehend) und sein AfD-Verehrer (Heiner Bomhard).

Er ist wieder da: Der Hitler-Wiedergänger (Bozidar Kocevski, stehend) und sein AfD-Verehrer (Heiner Bomhard).

Foto: Arno Declair

Berlin. In den Frühzeiten des Internets zirkulierte unter Journalisten der Witz, am besten bringe man in einer Schlagzeile die Reizworte „Hitler“, „Sex“ und „Schäferhund“ unter, und schon würde der Artikel alle Klick-Rekorde brechen. Ähnlich scheint auch Rosa von Praunheim bei seinem neuen Bühnenprogramm „Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs“ vorgegangen zu sein. Nur dass der auch mit 77 Jahren noch immer lustvoll provokante Multimediakünstler sein jüngstes Bühnenwerk damit nicht nur marktschreierisch bewirbt. Er löst es auch in allen Punkten genüsslich ein.

Er ist wieder da. Zu Beginn zieht Heiner Bomhard als Mann, der sich klar zur AfD bekennt, einen Leichensack auf die Bühne. Aus dem schnellt dann erst ein rechter Arm steil hitlergrüßend in die Höh’, dann schält sich Bozidar Kocevski als Hitler-Wiedergeburt heraus. Und ereifert sich beim Blick in den Spiegel, wieso er in keinem arischen Körper stecke. Davon gebe es heute nicht mehr so viele, entschuldigt sich der AfD-Mann. Und nutzt die Stunde, um sein Vorbild zu fragen, was eigentlich dran sei an all den Gerüchten, die dessen Ruf ankratzen.

Die Ziege hat sogar einen Namen: Erika

Davon gibt es ja viele, und Rosa von Praunheim listet sie genussvoll auf: dass Hitler schwul gewesen sei, dass er niemals Sex, nur einen Hoden, womöglich gar keinen Penis gehabt habe. Dann ist da auch noch die Geschichte mit der Ziege, die ihm in seiner Jugend das Gemächt abgebissen haben soll. Ein Jugendfreund Hitlers hat das an der Ostfront erzählt, wurde dafür erschossen, hat aber bis zuletzt beteuert, dass die Geschichte wahr sei. Und so sehr der Hitler-Wiedergänger all diese Gerüchte dementiert, werden sie auf der Bühne doch lustvoll bestätigt. Die Ziege kriegt sogar einen Namen, Erika, und wird als Pappmaché-Figur liebevoll an der Leine geführt.

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Dass Schwule auch böse sein können, ist vielleicht das letzte Tabu, an das man rühren kann. Der offen schwule Filmemacher Rosa von Praunheim hat das in seinem letzten Film „Darkroom - Tödliche Tropfen“ über den Berliner Mörder Dirk P. getan. Und mit den Hauptdarstellern des Films – die auch schon in seinem sehr autobiografischen Stück am DT, „Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht“, glänzten – knöpft er sich jetzt den schlimmsten Massenmörder des 20. Jahrhunderts vor.

Wer ist der größere Massenmörder

Das Stück ist eine Art Hitler-Exorzismus, bei dem Praunheim auch vor kindischsten Mitteln nicht zurückscheut: ein Furzkissen, wegen der Blähungen des Vegetariers. Und ein Klosett, auf das er immer wieder muss.

Dabei wird Hitler nicht nur mit den wenigen Frauen in seinem Leben konfrontiert, von denen die meisten sich umgebracht haben, am Ende begegnet er auch noch Friedrich II., der ebenfalls analgeplagte König aus dem Titel: auch so ein Regent, der eigentlich musisch veranlagt war, dann aber sein Volk mit seiner Kriegstreiberei dezimierte. Mit dem entbrennt hier ein absurder Streit, wer mehr Tote auf dem Gewissen hat.

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„Hitlers Ziege“, eins der drei Gewinnerstücke bei den Autorentheatertagen 2020, ist aber nicht nur eine ausgelassene Austreibung ewiggestrigen Gedankenguts. Mit Wehret-den-Anfängen-Gestus geht es Praunheim vor allem um den neuen nationalistischen Spuk. Und namentlich die AfD, die hier permanent ihr Fett wegkriegt. Und ein bissiges Kampflied, das immer wieder angestimmt wird: „AfD, AfD, Arschlöcher für Deutschland“. Die Partei hetzt gern, unter anderem gegen die Schwulen und subventioniertes „Gesinnungstheater“. Praunheim rächt sich – mit einem wirklichen Gesinnungsstück, das den ganzen Nazi-Scheiß pointenreich ins besagte Klosett spült.

Kammerspiele des Deutschen Theaters, Schumannstr. 13a, Mitte. Tel.: 28441-225. Nächste Termine: 17., 18. u. 31.10., 7. u 8.11., 20.15 Uhr