Nun wird es ein guter Bekannter. Matthias Lilienthal, der mit Frank Castorf 1991 als Dramaturg an die Volksbühne kam, dann wegging, um das HAU Hebbel am Ufer und danch die Münchner Kammerspiele zu leiten, übernimmt 2026 die Intendanz am Rosa-Luxemburg-Platz. Zur Leitung des Hauses wird künftig auch ein „Artistic Board“ gehören, das die Choreografinnen Florentina Holzinger und Marlene Monteiro Freitas bilden, wie Berlins Kultursenator Joe Chialo (CDU) am Freitag bei einer Pressekonferenz im Roten Salon der Volksbühne bekanntgab.

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„Das Riesending in Mitte“ – so genannt von René Pollesch, Autor, Regisseur und bis zu seinem plötzlichen Tod vor einem Jahr auch Intendant – gilt als notorisch schwer zu besetzen. Chris Dercon, der Castorf nach 25 Jahren Intendanz nachfolgen sollte, wurde 2018 wie ein Streuner vom Hof gejagt. Interimsintendant Klaus Dörr stürzte 2021 über einen #MeToo-Verdachtsfall. René Pollesch blieb als Intendant glücklos. Nun also verpflichtet der Kultursenator, dem Lilienthal einstimmig von einem Beratergremium empfohlen worden war, mit der Berufung kurz vor der Bundestagswahl noch einen hochdekorierten, bestens beleumundeten Theatermacher für die Volksbühne. Mehr als angeschlagen nach seinem Umgang mit den Berliner Kulturkürzungen, ist das für Chialo ein wichtiger Erfolg.

Gala zum 90. Geburtstag von Regisseur Tabori
Mit Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), 2004. © picture-alliance / dpa/dpaweb | Jens Kalaene

In Theaterkreisen wurde Matthias Lilienthal schon lang mit hohen Chancen gehandelt. Anders als Castorf und Pollesch ist Lilienthal kein regieführender Intendant, hat also eher kuratorische als künstlerische Ambitionen. Als erfahrener Kulturmanager schafft er Künstlerinnen und Künstlern gute Arbeitsbedingungen. Eine Fähigkeit von unschätzbarem Wert, besonders in den anstehenden Verteidigungskämpfen der von umfassenden Kürzungen bedrohten Kultur. Zuletzt hatte die Volksbühne öffentlich keine angemessene Vertretungsmacht mehr. Stattdessen wurde spekuliert, wer den Laden übernehmen könnte.

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Früh ins Gespräch gebracht, wollte eine Choreografin wie Florentina Holzinger, die nun den „Artistic Board“ angehört, ihre Kreativität lieber nicht mit Verwaltungstätigkeiten begrenzen. Bei René Pollesch hatte sich deutlich gezeigt, wie sehr der Intendanz-Job lähmen kann, wenn man die damit verbundenen repräsentativen und verwalterischen Aufgaben nicht besonders gerne erfüllt. Pollesch hielt die Volksbühne zwar halbwegs auf Kurs, konnte ihr aber kein eigenständiges künstlerisches Profil verleihen. Zu sehr prägte er selbst das Theater mit, blieb immer Autor und Regisseur, der zuletzt noch mit diskurstheatralen Abenden wie „Geht es Dir gut?“ oder „ja nichts ist ok“ Maßstäbe setzte. Um ihn herum aber ähnelte die Volksbühne immer mehr einem Selbstbedienungsladen. Das Sagen hatte, so der Eindruck, eher die legendäre Besatzung mit stimmstarken Gewerken und prominenten Schauspielern wie Martin Wuttke, der dem geheim bleibenden Mitbestimmungsgremium um Pollesch angehörte und die Volksbühne selbst schon einmal interimistisch geleitet hatte.

Mit den vielfältigen Verbandelungen innerhalb der Volksbühnen-Crew wird sich Lilienthal sicher befassen müssen. Helfen werden ihm dabei ein stoisch wirkendes Temperament – und seine lange Bekanntschaft mit den Akteuren vor Ort. Lilienthal ist gebürtiger Neuköllner und in Berlin aufgewachsen. Nach Jobs am Wiener Burgtheater und dem Theater Basel kam er zurück in die Stadt und prägte als Chefdramaturg und stellvertretender Intendant bis 2000 die Volksbühne wesentlich mit.

Schlingensief inszeniert "Big Brother" für Flüchtlinge in Wien
Matthias Lilienthal und Regisseur Christoph Schlingensief im Jahr 2000 bei einer Pressekonferenz. © picture-alliance / dpa | Torsten Leukert

Er gilt als Entdecker von Christoph Schlingensief, der an der Volksbühne damals noch misstrauisch beäugte, heute legendäre Abende wie „ATTA ATTA“ oder „Kunst und Gemüse“ inszenierte. Aus seiner Schweizer Zeit hatte Lilienthal auch Kontakt zu Christoph Marthaler, der mit seinen melancholischen Singspielen ein zentraler Volksbühnen-Regisseur neben Castorf, Pollesch und dem existenzialistischen Körperkomiker Herbert Fritsch wurde. Mit der „Rollenden Road Schau“ zog die Volksbühne damals in die Bezirke, und als Vertretung von Berlin-Ost in Mitte avancierte sie, in Polleschs Worten, zur „Reflexionsbude“, die ein vor allem junges Publikum anzog und das deutschsprachige Theater nachhaltig prägte.

Das HAU machte Lilienthal zu einem Zentrum zeitgenössischen Theaters

Aus all diesen Ansätzen strickte Matthias Lilienthal ab 2003 auch sein Programm für das HAU Hebbel am Ufer. Mit enormem Gespür dafür, was die Aufgaben des so viel kleineren Kreuzberger Produktionshauses sein könnten. Lilienthal und sein Team verwandelten das HAU in ein Zentrum zeitgenössischen Theaters. Sie banden herausragende Performancegruppen wie Rimini Protokoll, Gob Squad oder She She Pop ans Haus. Und streckten die Fühler zugleich in die Nachbarschaft aus: Türkische und arabische Communities wurden in Projekte wie „X Wohnungen“ einbezogen; die künstlerische Tour durch die Wohnzimmer von Anwohnern wurde ein Hit. Debattenstarkes Theater mit einem Schwerpunkt auf postdramatischen Formaten wie Stückentwicklungen verband sich am HAU mit einer neuen, zeitgemäßen Zugänglichkeit.

Als Intendant des HAU Hebbel am Ufer, 2012.
Als Intendant des HAU Hebbel am Ufer, 2012. © David Heerde | David Heerde

In Berlin kam Lilienthal dabei mit seinem Hausbesetzer-Charme immer schon wesentlich besser an als beispielsweise in München, wo seine Intendanz (2015-2020) auf harschen Widerstand stieß. Theater des Jahres wurden die Kammerspiele trotzdem mehrfach. Für die Schickeria an der Münchner Maximilianstraße aber wich Lilienthal nicht von seinen selten laut propagierten, sondern immer in der Kunst verwirklichten Werten ab. Auch nicht optisch: Durchgängig trug er seinen unprätentiös schluffigen T-Shirt-Look. Und exportierte ein Stück Berlin, das damals als arm, aber noch sexy galt, nach Bayern. Wie sehr Theater für ihn auch Willkommenskultur ist, zeigte er 2023 beim von ihm konzipierten, aufregend atmosphärischen und herzlich einladenden Festival „Performing Exiles“ an den Berliner Festspielen. Nun wird er es am Riesending in Mitte richten müssen.

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