Die Nachricht war ein schmerzhafter Schock für alle, die das Theater lieben. „Mit Entsetzen und in tiefer Trauer geben wir bekannt, dass der Autor und Regisseur René Pollesch heute Morgen, am 26. Februar 2024, im Alter von 61 Jahren plötzlich und unerwartet gestorben ist“, teilte die Volksbühne am Montagabend mit. Die Todesursache blieb unklar.

Mit Pollesch hat die die deutsche Theaterlandschaft eine ihrer prägenden Persönlichkeiten verloren und die Volksbühne ihr kreatives Zentrum. Erst 2019 hatte René Pollesch die Leitung des Theaters am Rosa-Luxemburg-Platz übernommen und das Haus auf eine Rückkehr zu jenen Zeiten ausgerichtet, die es um die Jahrtausendwende weltberühmt gemacht hatten.

Die Volksbühne bekundete am Dienstag mit einem Namensschriftzug ihre Trauer.
Die Volksbühne bekundete am Dienstag mit einem Namensschriftzug ihre Trauer.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Künstlerinnen und Künstler wie Martin Wuttke, Kathrin Angerer, Sophie Rois und Fabian Hinrichs waren auf die Bühne zurückgekehrt. Auch wenn bei weitem nicht jede Premiere bei Publikum und Kritik Anklang fand, so gelang es doch immer wieder, die Volksbühne nach den Irrungen der Ära Chris Dercon und dem verstörenden Zwischenspiel Klaus Dörrs wieder auf ihre Stärken als Ort der kreativen Subversion, des Autorentheaters und großer Performances zurückzubesinnen.

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Das galt im Großen wie im Kleinen: Da war das überwältigende Spektakel „Ophelia‘s Got Talent” der österreichischen Choreografin Florentina Holzinger, das mit Windmaschine, Wasserbecken, nackter Haut und vielen Schockeffekten die weiblichen Wasserwesen der kulturellen Überlieferung feierte – ein ständig ausverkauftes Mammutprojekt, das bei der Kritikerumfrage von „Theater heute” 2023 zur Inszenierung des Jahres gewält wurde, während man Holzinger zur Regisseurin des Jahres kürte.

Pollesch 2004 im Prater der Volksbühne bei Proben zu seiner Inszenierung „Telefavela“.
Pollesch 2004 im Prater der Volksbühne bei Proben zu seiner Inszenierung „Telefavela“.© imago stock&people | imago stock&people

Da waren aber auch die von Pollesch unermüdlich geschriebenen und inszenierten Diskursinterventionen, die mit deutlich weniger Personal auskamen und in der Regel nicht länger als anderthalb Stunden Bühnenzeit benötigten. „Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen” hieß etwa der Abend, mit dem er im September 2021 die Spielzeit an der Volksbühne als eröffnete – mitten in der Corona-Pandemie.

Das war ein klassischer Pollesch, der seinerzeit vor allem deshalb so wohltuend wirkte, weil man ihn so lange Zeit vermisst hatte: ironisch die Themen des Zeitgeistes umtänzelnd, auch um Kalauer nicht verlegen, während die Krankheitssymptome des Lebens im digitalisierten Hyperkapitalismus doch jederzeit spürbar blieben. In besonderem Maß galt das auch für die Stücke, die Pollesch zusammen mit Schauspieler Fabian Hinrichs auf die Bühne stellte und die bis in ihre Titel hinein glasklare Gegenwartsdiagnostik ablieferten.

Fabian Hinrichs in „Geht es dir gut?“, März 2022.
Fabian Hinrichs in „Geht es dir gut?“, März 2022.© Volksbühne | Thomas Aurin

„Geht es dir gut?” hieß der Abend aus dem Frühjar 2023, der die Rede- und Verhaltensweisen in Coronazeiten in den Blick nahm und all die Neurosen, Verdruckstheiten und Verkrampfungen des Lebens unter Hygieneauflagen in Hinrichs’ grandioser Körperkunst bündelte – dabei niemals ohne entschlossene Ausflüge ins Lustige und prononciert Bescheuerte, die das Ganze erst so großartig machten, wie es war. Man muss die Isolationsvorschriften nicht in einer überdimensionalen Walnuss beklagen, aber es macht alles doch um einiges leichter.

Fabian Hinrichs in „ja nichts ist ok“, Februar 2024.
Fabian Hinrichs in „ja nichts ist ok“, Februar 2024.© Volksbühne | Thomas Aurin

Die ebenfalls auf Hinrichs’ Soloqualitäten fokussierte Stückentwicklung „ja nichts ist ok“, erst am 11. Februar dieses Jahres uraufgeführt, knüpfte daran lose an. Diesmal stand das Gespräch über die Krisen der Gegenwart im Zentrum und mit ihm die Meinungsgefechte und Bruchlinien, die sich daraus für Freundes- und Bekanntenkreise ergeben können. Das war so klug und bis in die Musikauswahl hinein so lebendig von der Gegenwart durchpulst, dass der Applaus am Ende kaum noch Grenzen kannte. Pollesch nahm ihn zusammen mit seinem Team mit tiefen Verneigungen entgegen.

Bei solchen Gelegenheiten war es, als würde sie wieder aufblitzen, die große Ära der performativen Künste, die sich in Berlin natürlich mit dem Namen Frank Castorf verbindet, unter dessen Volksbühnen-Intendanz René Pollesch mit ganz eigener Handschrift und großer innovativer Kraft von 2001-2007 die kleine Spielstätte Prater an der Kastanienallee leitete.

Wilde Zeiten im Prater: Volksbühnen-Intendant Frank Castorf (l.) mit René Pollesch, 2002.
Wilde Zeiten im Prater: Volksbühnen-Intendant Frank Castorf (l.) mit René Pollesch, 2002.© picture-alliance / ZB | Bernd Settnik

Es waren die Jahre, in denen der Name René Pollesch seinen Klang bekam. 1962 im hessischen Friedberg geboren, hatte er in den Achtzigern zunächst an Andrzej Wirths legendären Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen studiert und dort von Gastprofessoren wie Heiner Müller, George Tabori und Robert Wilson gelernt. Erste berufliche Stationen führten ihn unter anderem an das Theater im Turm in Frankfurt am Main, das Luzerner Theater und das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, bevor es nach Berlin ging.

Die Abende, die an der Spielstätte in Prenzlauer Berg entstanden, brachten es so schnell wie zuverlässig zum Stadtgespräch. Die berühmte „Prater-Trilogie” („Stadt als Beute”, „Insourcing des Zuhause – Menschen in Scheiß-Hotels” und „Sex nach Mae West”) wurde 2002 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Im selben Jahr wurde Pollesch in der Kritikerumfrage des Fachmagazins „Theater heute“ zum besten deutschsprachigen Dramatiker gewählt. Nach dem Ende seiner Amtszeit füllte er mit Abenden wie „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia”, einer Zusammenarbeit mit Fabian Hinrichs aus dem Jahr 2012, zuverlässig das Große Haus der Volksbühne.

René Pollesch wird dem Theaterleben schmerzlich fehlen

Er war ein Dauerproduzent, ein Vielschreiber, ein Arbeitstier. Die Zahl seiner Stücke wird auf 200 geschätzt. Klar, dass nicht alles gleichermaßen Anklang fand bei Publikum und Kritik – aber fast jedem Verriss waren auch die Wunden enttäuschter Liebe eingeschrieben und mit ihnen das Bewusstsein der großen Möglichkeiten dieses Ausnahmeregisseurs. Er wird schmerzlich fehlen.