Volksbühne

Fabian Hinrichs beklagt die Pandemie: „Geht es dir gut?“

| Lesedauer: 5 Minuten
Wie soll man das alles noch aushalten? Fabian Hinrichs in der sparsam dekorierten Volksbühne.

Wie soll man das alles noch aushalten? Fabian Hinrichs in der sparsam dekorierten Volksbühne.

Foto: Thomas Aurin

Tanz, Gesang und Seelenkunde: An der Volksbühne liefern René Pollesch und Fabian Hinrichs eine lässige Diagnose der Gegenwart

Nach etwas mehr als einer Stunde ist der Höhepunkt der Jammerei erreicht. Fabian Hinrichs schiebt eine überdimensionale Nussschale aus dem Off, steigt hinein wie in eine Badewanne und setzt seine wütende Anklage fort. Es geht, in immer neuen Variationen, um das Leben in der Pandemie, um den Krieg in der Ukraine, um Atomängste und den Klimawandel – aber auch um die Einsamkeit eines Verlassenen. „Allein in der Walnuss!“, ruft Hinrichs verzweifelt aus – und weil das in dieser Situation so absurd ist, er vor vollen Zuschauerrängen spricht und die symbolisch aufgeladene Nuss einfach als Nuss angesprochen wird, muss er ungeplant loslachen und das Publikum mit ihm.

Zehntausende Stunden vor dem Bildschirm

Zu den schönsten Eigenheiten des von René Pollesch und Hinrichs gemeinsam entwickelten Abends gehören seine humoristischen Brüche, das jähe Abbiegen ins ganz Alltägliche und Banale. Ja: Es geht hier dunkel zu, Hinrichs hat allen Grund zum Klagen. Zwei Jahre Lockdown haben an den Nerven gezehrt. Das Leben wurde auf einem Mindestabstand von 1,5 Metern geführt, meist saß man „drinnen vor der Tür“, wie es wiederholt und vielleicht in Anspielung auf eine am Berliner Ensemble anstehende Premiere heißt. „30.000 Stunden Netflix“ habe man dabei konsumiert und sich dabei noch mehr entfremdet als ohnehin schon. „Gib die Maske her“, befiehlt Hinrichs einem unsichtbaren Gegenüber, „ich will dein Lächeln sehen, selbst ohne Maske bist du schön.“ Aber dann fallen Allerweltssätze wie „Lass uns wieder mal was kochen“ oder „Hast du endlich dein Handy wieder an?“ Es ist schön, dem zuzuhören, weil es die hohen Töne der Verzweiflung erdet.

Im Herbst 2019, in jenen entrückten Tagen vor den täglichen Inzidenzreporten, war im Friedrichstadt-Palast der Abend „Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt“ zu sehen. Mit knapp 30 Tänzerinnen und Tänzern des Ensembles, Laserstrahlskulpturen und einem selbst von einer Fußverletzung nicht aufzuhaltenden Hinrichs gelang ein intelligent schillernder Crossover zwischen Revue und Konsumkritik. Auch diesmal ist Verstärkung auf der Bühne: Gleich zu Beginn sind die Sängerinnen und Sänger von „Afrikan Voices“ und „Bulgarian Voices Berlin“ in sandfarbener Kleidung um Hinrichs geschart. „Ich war weg“, intonieren sie – ein trauriger Pandemiechoral scheint sich anzukündigen, aber er wird nach wenigen Minuten von Hinrichs Monolog abgelöst. Mit den akrobatischen Breakdancern der „Flying Steps“ ist auch noch ein drittes Kollektiv dabei – aber sie alle werden an diesem Abend nur zwischendurch kurze Auftritte haben und am Ende einige Zugaben geben.

Ein Kurzauftritt des russischen Präsidenten

Möglicherweise war es anders geplant und musste sich dann all den Einschränkungen und Sicherheitsvorkehrungen beugen, deren Folgen Hinrichs so hinreißend bedauert? Es ist zu verschmerzen, denn auch so macht das alles Freude. In einem Interview hat Hinrichs kürzlich mitgeteilt, ihn würden Figuren interessieren, die nicht so können, wie sie wollen – und insofern ist er die Idealbesetzung für Fragen nach verhinderten Möglichkeiten und danach, was denn jetzt bitte noch als nächstes kommen soll, nach Klimawandel, globaler Seuche und Krieg. Kurz ist auch Wladimir Putins Gesicht zu sehen, leinwandfüllend. Wie soll man das alles noch aushalten?

Zur Hintergrundmusik aus Falcos „Jeanny“ – man wartet gespannt auf Wilhelm Wiebens Nachrichtensprecherstimme – liefert Hinrichs so etwas wie einen Generalbefund der seelischen Verheerungen durch die Pandemie. „Meine Müdigkeit ist nur die Schaumkrone auf einer anderen Müdigkeit“, ruft er aus, und man sei ja ohnehin „vorher schon erloschen“ gewesen. Dann schwebt eine silbern spiegelnde Rakete aus dem Bühnenhimmel, viel Nebel wabert ins Publikum, und Hinrichs kurvt kurz mit einem Mercedes-Taxi herum. Er trägt jetzt einen schneeweißen, weit geschnittenen Anzug mit langen Rockschößen, auf dessen Rückseite in der Typographie des Disney-Logos „Disappointed“ steht (Kostüme: Tabea Braun). Die Gesangsleute besteigen die Rakete und heben ab, Hinrichs bleibt am Boden zurück.

Viele Angebote zum Ausdeuten gibt es hier – seinen Charme gewinnt der Abend, weil man sie nicht annehmen muss und sie sich entspannt selbst ironisieren. Die Fangemeinde von Fabian Hinrichs, dem Applaus zufolge ohnehin schon stattlich, dürfte mit „Geht es dir gut?“ weiter wachsen.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Termine: 26.3., 2.4., 14.4., jeweils 19.30 Uhr.