Die siebenköpfige Jury des Theatertreffens hat einen eindrucksvollen Kraftakt hinter sich gebracht. 738 Inszenierungen im deutschsprachigen Raum haben Eva Behrendt, Valeria Heintges, Martin Thomas Pesl, Sascha Westphal, Sabine Leucht, Janis El-Bira und Katrin Ullmann in den vergangenen zwölf Monaten gesichtet, um schließlich zu der mit Spannung erwarteten Auswahl der zehn bemerkenswertesten Stücke zu gelangen, die bei der 62. Ausgabe des Theatertreffens vom 2.-18. Mai in Berlin gezeigt werden. Welche ästhetischen Tendenzen sind erkennbar, welche Themen stehen im Vordergrund? Jurorin und Theaterkritikerin Valeria Heintges brachte es mit einem simplen Satz auf den Punkt: „Die Zeiten sind düster“. Die Krisen und Kriege der Gegenwart, die Frage nach der Vererbung von Traumata von Generation zu Generation spielen in der Auswahl eine erkennbare Rolle. Aus Berlin haben es zwei Abende in die Endauswahl geschafft. Bei den Genres ist vom Tanztheater über virtuelle Performances bis hin zur Klassiker-Inszenierung eine wohltuende Vielfalt im Programm erkennbar – und Lust auf Neues: „Sieben der Regieführenden sind zum ersten Mal beim Theatertreffen dabei“, stellte Leiterin Nora Hertlein-Hull fest. Eine Übersicht.

Taner Şahintürk und Sesede Terziyan in „Unser Deutschlandmärchen“ am Maxim Gorki Theater.
Taner Şahintürk und Sesede Terziyan in „Unser Deutschlandmärchen“ am Maxim Gorki Theater. © Maifoto | Ute Langkafel

Unser Deutschlandmärchen. Regie: Hakan Savaş Mican. Maxim Gorki Theater, Berlin. Der Schriftsteller und Lyriker Dinçer Güçyeter wurde für seinen autobiografischem Debüt-Roman 2023 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Im Maxim Gorki Theater hat sie Hakan Savaş Mican mit Taner Şahintürk und Sesede Terziyan auf die Bühne gebracht: Die Geschichte einer Einwandererfamilie, die von der Liebe und den Konflikten zwischen Mutter und Sohn handelt.

Theatertreffen
Das Publikum von „[EOL]. End of Life“.© . | Darum

[EOL]. End of Life. Performative Installation von DARUM, brut Wien. Ein Stück, das die neuen Möglichkeiten von Virtual Reality nutzt und darin an die Arbeiten des Theaterkollektivs „Raum+Zeit“ denken lässt, das 2022 mit dem Friedrich-Luft-Preis ausgezeichnet wurde. Das Duo DARUM, bestehend aus Victoria Halper und Kai Krösche, thematisiert darin die Frage, was von den neuen digitalen Welten bewahrenswert ist und was nicht – unter aktiver Einbeziehung des Publikums.

Theatertreffen
Double Serpent, Hessisches Staatstheater Wiesbaden.© Thomas Aurin | Thomas Aurin

Double Serpent. Regie: Ersan Mondtag, Hessisches Staatstheater Wiesbaden. Im Stück von Sam Max aus New York setzt sich der Sinn nur langsam und mosaikhaft zusammen. Geht es um eine einvernehmlich schwule BDSM-Beziehung oder um Missbrauch? „Eine Geschichte zwischen subtilem Horror und öffentlicher Traumatherapie“ sieht Theatertreffen-Jurorin Sabine Leucht in Ersan Mondtags Inszenierung, die auf ihre „ganz eigene, fast zeremonielle Art verstörend“ sei.

Theatertreffen
Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh, Schauspielhaus Hamburg.© Schauspielhaus Hamburg | EIKE WALKENHORST

Die Maschine oder über allen Gipfeln ist Ruh. Regie: Anita Vulesica, Schauspielhaus Hamburg. Der französische Autor Georges Perec (1936-1982) zerlegte Johann Wolfgang von Goethes berühmtes Gedicht „Wandrers Nachtlied“ in seinem Hörspiel 1968 in seine Einzelteile und gelangte zu einer spannenden Mischung aus linguistischem Experiment und vielstimmiger Parodie. Anita Vulesica hat es für die Bühne adaptiert – „ein Abend aus tanzenden Silben und über Sprache als Material“, urteilt die Jury.

Sancta
Sancta, Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin. © . | Nicole Marianna Wytyczak

Sancta. Regie: Florentina Holzinger. Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin. Kann man die sexpositive Performancekunst des österreichischen Shootingstars Florentina Holzinger und die Liturgie einer katholischen Messe zusammenbringen? Dieser Abend, basierend Paul Hindemiths Kurzoper Sancta Susanna, weist jede Skepsis in die Schranken.

Theatertreffen
„Blutbuch“, Theater Magdeburg. © . | Kerstin Schomburg

Blutbuch. Regie: Jan Friedrich, Theater Magdeburg. Für seine queere Befreiungsgeschichte ist Kim de l‘Horizon 2022 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. Wie kann man von Körpern erzählen, die sich den herkömmlichen Zuschreibungen von Geschlecht und Identität entziehen? Jan Friedrich inszeniert eine Geschichte über das Leben als nonbinärer Mensch, über Traumata, Schmerzen und Vorurteile.

Theatertreffen
Die Gewehre der Frau Carrar / Würgendes Blei, Residenztheater München. © Residenztheater München | Sandra Then

Die Gewehre der Frau Carrar/Würgendes Blei. Regie: Luise Voigt, Residenztheater München. „Das Stück der Stunde trifft uns heute wie ein Hammerschlag“, sagt Jurorin Valeria Heintges. In der Ästhetik eines Dreißigerjahre-Spielfilms inszeniert Luise Voigt lässt dabei Bertolt Brechts Stück über eine strikt pazifistische Mutter auf die Brecht-Fortschreibung „Würgendes Blei“ des Musikers und Hörspiel-Autors Björn SC Deigner treffen.

ja nichts ist ok, Volksbühne, Berlin.
ja nichts ist ok, Volksbühne, Berlin. © Volksbühne | Thomas Aurin

ja nichts ist ok. Regie: René Pollesch und Fabian Hinrichs, Volksbühne, Berlin. Der letzte Abend, den René Pollesch mit Fabian Hinrichs entwickeln konnte, bevor der Dramatiker, Regisseur und Intendant der Volksbühne im Februar vergangenen Jahres überraschend starb. In einem atemberaubenden Wechsel der Figuren, Tonlage und Diskurse macht Hinrichs die wunden Punkte der Gegenwart sichtbar, die Verzweiflung und die Einsamkeit. „Beide waren nie so verzweifelt wie hier“, sagt Juror Janis El-Bira.

Pressefoto Schauspielhaus Hamburg -  Bernarda Albas Haus
Bernarda Albas Haus, Schauspielhaus Hambug.© Thomas Aurin | Thomas Aurin

Bernarda Albas Haus. Regie: Katie Mitchell, Schauspielhaus Hamburg. In Federico García Lorcas Drama aus dem Jahr 1936 geht es um eine Frau, die nach dem Tod ihres Mannes ihre fünf Töchter gemäß einer alten Familientradition zu acht Jahren Trauer verpflichtet und sie komplett von der Außenwelt abschirmt. Die britische Regisseurin Katie Mitchell hat am Schauspielhaus Hamburg daraus ein Kammerspiel über Eifersucht, Missbrauch und Schmerz gemacht.

Theatertreffen
Kontakthof – Echoes of 78, Tanztheater Wuppertal.© . | Ursula Kaufmann

Kontakthof - Echoes of 78. Inszeniert von Meryl Tankard, Opernhaus Wuppertal. Mit ihrem Stück „Kontakthof“ revolutionierte Pina Bausch 1978 das Tanztheater. 46 Jahre später eignet sich die australische Tänzerin Meryl Tankard, die damals zur Originalbesetzung gehörte, zusammen mit acht weiteren Mitgliedern der damaligen Compagnie erneut an. Ein Brückenschlag in die Vergangenheit und eine Verneigung vor einer Ausnahmekünstlerin.

Alle Informationen, auch zum Rahmenprogramm, unter theatertreffen.de.