Natürlich. Guter Horror findet immer zuallererst im Kopf statt. Nichts ist grausamer als die Verbildlichung eigener Ängste. In Alexandre Ajas sehr atmosphärischem Thriller „Never Let Go“ trommelt der Horror aber zunächst heftig aufs Trommelfell.
„Never Let Go“: Grillengezirpe und Eulenrufe
Enervierendes Krötengequake, lautes Grillengezirpe und gruselige Eulenrufe umzingeln aus dem unzugänglichen Wald eine einsame Hütte, in der Momma (Halle Berry) mit ihren Zwillingssöhnen Nolan (Percy Daggs) und Samuel (Anthony B. Jenkins) lebt.
Auch interessant: Bärtige Frau wird zur Attraktion
Ein menschlicher Arm greift durchs Treppengeländer, zombieähnliche Wesen tigern durch das unerbittliche Dunkelgrün, die Natur, sie ist undurchdringlich und böse wie in Märchen der Gebrüder Grimm und Hans Christian Andersen, die in der Hütte nicht ganz unabsichtlich in Buchform auf den Regalen stehen.
Lesen Sie auch: Das Opus Magnum eines Egomanen: „Megalopolis“ von Francis Ford Coppola
In diese derart belebte und gefährliche Natur wagen sich die drei nur an ein mit der Hütte verbundenes Seil gekettet, um mit der Armbrust Kaninchen, Käfer und Frösche zu jagen, später, denn der Winter ist hart, Baumrinde und letzte essbare Nahrung zu finden. Denn der Tod, er lauert nicht nur draußen in den Waldmonstern, sondern alsbald drinnen mit dem nagenden Hunger.
Auch interessant: 60-Jährige findet neue Liebe
„Never Let Go“, niemals dieses Seil, diese Nabelschnur zum Überleben loslassen, heißt daher die dauernde Devise der namenlosen Übermama, der Halle Berry ein erfreulich uneitles, geplagtes Gesicht gibt, und die Kinder dafür auch mal in den Keller sperrt, sollten sie auch nur einmal diese Überlebens-Losung missachten.
„Never Let Go“: Atmosphäre stetiger Angst
„Never Let Go“ ist so etwas wie ein Thriller ohne Bewegung. Durch die Grundidee, dass sich die drei Bewohner am besten gar nicht von ihrem letzten Überlebensort entfernen, geht es vor allem um Stimmung, eine Atmosphäre stetiger Angst, die zunächst der kritische Nolan hinterfragt.
Auch interessant: Migrantin zwischen Wedding und Istanbul
Warum nur hat Momma einst ihren Mann und ihre Eltern, die als Untote immer wieder aus dem Dickicht auftauchen, töten müssen? Und warum sieht nur Momma diese Zombies? Sind die Kinder etwa nur im privaten Horrorfilm ihrer Mama gefangen?
„Never Let Go“: Angstplatz für geplagte Seelen
Diese Grundkonstellation sorgt alsbald für reichlich Stillstand im Horror-Märchenland, bis eine unerwartete Wendung, die in der Ankunft eines friedlichen Fremden kulminiert, ins durchaus dramatische, wenngleich nicht ganz glaubwürdige Finale mündet.
Auch interessant: Liebesdrama aus wildem Sudan
Aja, seit „The Hills Have Eyes“ ein Spezialist für die belebte Natur als Angstplatz für geplagte Seelen, spielt in seiner atmosphärischen Regie gekonnt auch mit den Ängsten der Zuschauer. Er verwandelt Baumwurzeln in Schlangen, spielt mit Symbolen und Verweisen. Doch ein großer Geschichtenerzähler ist er nicht. Eher ein Geschichtenverweiler, aber das sehr gekonnt.
Thriller, USA 2024, 102 min., von Alexandre Aja, mit Halle Berry, Percy Daggs, Anthony B. Jenkins, Stephanie Lavigne



