Kommentar

Warum der Abgang Chris Dercons die richtige Entscheidung ist

In dem vergifteten Klima am Rosa-Luxemburg-Platz war eine kreative Atmosphäre schlichtweg nicht mehr zu stiften, meint Felix Müller.

Ein Aufkleber mit der Aufschrift „Tschüss Chris“ ist vor der Volksbühne zu sehen

Ein Aufkleber mit der Aufschrift „Tschüss Chris“ ist vor der Volksbühne zu sehen

Foto: dpa

Berlin. Das Gastspiel ist beendet: Mit sofortiger Wirkung gehen die Volksbühne und Chris Dercon getrennte Wege. Schon seit einigen Wochen waberten Gerüchte durch die Berliner Kulturszene, mit der Intendanz des 60-jährigen Belgiers am Rosa-Luxemburg-Platz könne es bald ein Ende haben. Und am Haus selbst war ein gewisser Überdruss nicht zu übersehen: Selbst bei hochkarätig besetzten Premieren wie Albert Serras „Liberté“ oder der gestrigen Performance „What If Women Ruled the World“ blieben viele Plätze im Großen Saal frei, und der Applaus fiel immer öfter eher pflichtschuldig aus.

Kultursenator Klaus Lederer und Chris Dercon, heißt es nun, seien „übereingekommen, dass das Konzept von Chris Dercon nicht wie erhofft aufgegangen ist, und die Volksbühne umgehend einen Neuanfang braucht.“ Dem ist uneingeschränkt zuzustimmen. Schon als Dercon 2017 seine Intendanz antrat, lag der Schatten eines großen Missverständnisses über dem renommierten Haus. Der Abschied des Vorgängers Frank Castorf, für viele unverständlich nach 25 erfolgreichen Jahren an der Volksbühne, fiel tränenreich aus und hatte Züge einer Heiligenverehrung.

Die Demontage des „Ost“-Schriftzugs auf dem Dach des Hauses und des berühmten Räuberrads auf der Wiese davor wurde zum Sinnbild eines Identitätsverlustes. Dercon musste sich von Anbeginn dem Vorwurf stellen, den Ausverkauf klassischer Theaterwerte zugunsten eines internationalen Kulturwanderzirkus zu betreiben. Aktivisten besetzten das Haus, legten Exkremente vor dem Büro des neuen Intendanten ab und stellten sich auf den Treppen der Volksbühne tot. Lederer hat Recht, wenn er die „persönlichen Angriffe und Schmähungen aus Teilen der Stadt“ gegen Dercon inakzeptabel nennt.

In ihnen äußerte sich auch die bedenkliche Weigerung, sich auf etwas Neues einzulassen – bedenklich deshalb, weil das Theater davon lebt, neue und ungewohnte Wege zu beschreiten. Aber wahr ist auch, dass in dem vergifteten Klima am Rosa-Luxemburg-Platz eine kreative, offene Atmosphäre schlichtweg nicht mehr zu stiften war. Für diese gibt es mit seiner Ablösung nun eine Chance. Der Nachfolger wird gut daran tun, an die experimentellen Traditionen des deutschen Sprechtheaters anzuknüpfen, für die das Haus immer gestanden hat. Darin liegt die Kraft der Volksbühne, darin kann sie auch in Zukunft liegen.

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