Das Gastspiel ist beendet: Mit sofortiger Wirkung gehen die Volksbühne und Chris Dercon getrennte Wege. Schon seit einigen Wochen waberten Gerüchte durch die Berliner Kulturszene, mit der Intendanz des 60-jährigen Belgiers am Rosa-Luxemburg-Platz könne es bald ein Ende haben. Und am Haus selbst war ein gewisser Überdruss nicht zu übersehen: Selbst bei hochkarätig besetzten Premieren wie Albert Serras „Liberté“ oder der gestrigen Performance „What If Women Ruled the World“ blieben viele Plätze im Großen Saal frei, und der Applaus fiel immer öfter eher pflichtschuldig aus.

Kultursenator Klaus Lederer und Chris Dercon, heißt es nun, seien „übereingekommen, dass das Konzept von Chris Dercon nicht wie erhofft aufgegangen ist, und die Volksbühne umgehend einen Neuanfang braucht.“ Dem ist uneingeschränkt zuzustimmen. Schon als Dercon 2017 seine Intendanz antrat, lag der Schatten eines großen Missverständnisses über dem renommierten Haus. Der Abschied des Vorgängers Frank Castorf, für viele unverständlich nach 25 erfolgreichen Jahren an der Volksbühne, fiel tränenreich aus und hatte Züge einer Heiligenverehrung.

Chronologie: Chris Dercon und die Berliner Volksbühne

April 2015

Dercon soll Intendant der Berliner Volksbühne werden und im Sommer 2017 die Nachfolge von Frank Castorf antreten. Das kündigt Berlins Bürgermeister Michael Müller (SPD) an. Führende Theatermacher hatten schon auf entsprechende Gerüchte ablehnend reagiert.

Juni 2016

Viele Mitarbeiter des Theaters wehren sich in einem offenen Brief gegen das Konzept des früheren Kulturmanagers und künftigen Intendanten: „Wir sehen die Zukunft der Volksbühne bedroht!“ Der Senat hält an dem Belgier fest.

Mai 2017

Dercon stellt sein Programm für die nächste Spielzeit vor.

September 2017

Mit einem Tanzprojekt auf dem stillgelegten Flughafen Berlin-Tempelhof startet Dercon in die erste Saison. Mitglieder eines Künstlerkollektivs besetzen die Volksbühne bald darauf aus Protest gegen die Kulturpolitik des Senats. Die Polizei beendet die Aktion.

November 2017

Erste Premiere im Stammhaus am Rosa-Luxemburg-Platz, unter anderem mit Werken von Samuel Beckett. Die Kritik an Dercon reißt nicht ab. Wie schon andere Prominente vor ihr verlässt auch Film- und Theaterstar Sophie Rois die Volksbühne im Dezember.

April 2018

Nur wenige Monate nach dem Start gibt Dercon auf.

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Die Demontage des „Ost“-Schriftzugs auf dem Dach des Hauses und des berühmten Räuberrads auf der Wiese davor wurde zum Sinnbild eines Identitätsverlustes. Dercon musste sich von Anbeginn dem Vorwurf stellen, den Ausverkauf klassischer Theaterwerte zugunsten eines internationalen Kulturwanderzirkus zu betreiben. Aktivisten besetzten das Haus, legten Exkremente vor dem Büro des neuen Intendanten ab und stellten sich auf den Treppen der Volksbühne tot. Lederer hat Recht, wenn er die „persönlichen Angriffe und Schmähungen aus Teilen der Stadt“ gegen Dercon inakzeptabel nennt.

In ihnen äußerte sich auch die bedenkliche Weigerung, sich auf etwas Neues einzulassen – bedenklich deshalb, weil das Theater davon lebt, neue und ungewohnte Wege zu beschreiten. Aber wahr ist auch, dass in dem vergifteten Klima am Rosa-Luxemburg-Platz eine kreative, offene Atmosphäre schlichtweg nicht mehr zu stiften war. Für diese gibt es mit seiner Ablösung nun eine Chance. Der Nachfolger wird gut daran tun, an die experimentellen Traditionen des deutschen Sprechtheaters anzuknüpfen, für die das Haus immer gestanden hat. Darin liegt die Kraft der Volksbühne, darin kann sie auch in Zukunft liegen.

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