Lars Eidinger kennt wohl bereits jede Ecke der Berlinale. Er hat hier schon viele Filme präsentiert, im Wettbewerb, im Berlinale Special, im Panorama. Er durfte bei der Ehrenbär-Verleihung 2022 an Isabelle Huppert die Laudatio halten. Und war 2016 Mitglied in der legendären Internationalen Jury um die Präsidentin Meryl Streep.

In diesem Jahr ist der Berliner Schauspieler gleich doppelt vertreten. Im Panorama stellt er den Thriller „Der Panther“ vor. Und im Wettbewerb ist er in Matthias Glasners Drama „Sterben“ als Dirigent in der Berliner Philharmonie zu erleben. Was denkt Eidinger über das Festival und wie bereitet er sich darauf vor? Wir haben den 48-Jährigen dazu im Café Tiffany‘s im Europa Center gesprochen.

Was war Ihre erste Berlinale-Erfahrung?

Lars Eidinger: Das war tatsächlich „Alle anderen“, vor 15 Jahren. Im Wettbewerb. Ich war nie zuvor da, auch nicht als Zuschauer. Ich dachte immer, man kommt sowieso nicht an Karten ran.

Wie oft, wie regelmäßig sind Sie auf dem Festival? Nur wenn Sie eigene Filme vorstellen, oder auch sonst?

Ich gehe ungern auf Premieren, wenn ich nicht unmittelbar mit dem Projekt zu tun habe, nur um da gesehen zu werden. Diese Art Veranstaltungen haben auch immer etwas Künstliches. Da sitzt ja dann kein echtes Publikum, sondern vor allem professionelle. Die schauen da mehr drauf, als dass sie sich wirklich auf den Film einlassen. Ich habe jetzt erst „Anatomie eines Falls“ gesehen, viel zu spät, im Delphi Lux, in einem ausverkauften Saal. Wir bekamen nur noch Plätze in der ersten Reihe. Da kamen die Leute wirklich getrieben von reinem Interesse, voll Neugier und aus Leidenschaft. In dieser Atmosphäre will ich Filme schauen.

Sein Film im Wettbewerb: Lars Eidinger in Matthias Glasners „Sterben“ mit Corinna Harfouch.
Sein Film im Wettbewerb: Lars Eidinger in Matthias Glasners „Sterben“ mit Corinna Harfouch.© Port au Prince, Schwarzweiss, Senator | © Jakub Bejnarowicz

Sie waren schon in verschiedenen Sektionen des Festivals, auch mehrfach im Wettbewerb, und 2016 in der Jury. Welche Berlinale ist die schönere: Die, auf der man einen Film präsentiert, oder die, wenn man in einer Jury sitzt und sich zehn Tage mit anderen Filmschaffenden austauscht?

Die Jury-Erfahrung mit Meryl Streep als Präsidentin war schon sehr besonders und unvergesslich. Kurioserweise habe ich damals sogar im Hotel gewohnt, obwohl ich ja Berliner bin! Weil wir immer frühmorgens schon im Kino saßen. Man hat da alles für uns organisiert, damit wir uns um nichts kümmern mussten und den Kopf frei hatten für die Filme. So habe ich das in einer ganz anderen Intensität wahrgenommen. Deshalb hat sich das auch so eingeprägt. Meryl Streep hat übrigens auch erwirkt, dass wir die Filme nicht in den Galavorstellungen sahen, um davon nicht beeinflusst zu werden. Sondern unter uns. Alle ringen ja immer darum, möglichst früh, am besten am ersten Wochenende, ihre Filme zu zeigen, um lange im Gespräch zu sein. Wir haben die Filme aber in einer ganz anderen Reihenfolge gesehen als im Programm der Berlinale.

Sie sind diesmal mit gleich zwei Filmen vertreten. Wie bereiten Sie sich auf den Festivalrummel vor? Bei all den Terminen, Empfängen und Pflichtveranstaltungen – haben Sie Patentrezepte, wie man sich da fit hält?

Mit zwei Filmen, reiht sich da tatsächlich ein Termin an der anderen, dann die Veranstaltungen der Filmfördernden und ich lege auf mindestens fünf Berlinale-Partys als DJ auf. Und auch vor der Pandemie gab es ja schon das Phänomen der Berlinale-Grippe, weil alle auf engsten Raum zusammen kommen und man sich ständig umarmt. Generell würde ich sagen: Es hilft schon, wenn man sich mit dem Alkohol zurückhält. Man wird ja auf jeder Veranstaltung nahezu genötigt, zu trinken. Wenn man sich dahingehend diszipliniert, wirkt sich das auf jeden Fall positiv auf die Kondition aus.

Sein Film im Panorama: Der Thriller „Panther“ von Jan Bonny.
Sein Film im Panorama: Der Thriller „Panther“ von Jan Bonny.© © Viacom International | © Viacom International

2022 waren Sie der Laudator des Ehren-Bären an Isabelle Huppert, mit der sie in jenem Jahr in dem Berlinale-Special Film „Die Zeit, die wir teilen“ spielten. Sie war krankheitsbedingt nur zugeschaltet. War das schade, sie nicht in den Arm nehmen zu können?

Bei der Laudatio für einen Ehrenpreis besteht die Schwierigkeit darin, dass man dem oder der zu Ehrenden gerecht werden muss. Was bei einer singulären Erscheinung wie Isabelle Huppert ungleich schwerer ist. Ich habe erst wenige Stunden vor der Verleihung erfahren, dass sie nicht kommt. Und habe mich dann zurückgezogen und meine ganze Rede umgeschrieben. Ich musste darauf reagieren. Und so fing ich damit an: dass ich Isabelle Huppert auf der Leinwand kennengelernt habe und es schön sei, ihr den Preis nun auch so zu übergeben. Als mir Isabelle im Anschluss eine sehr lange, liebevolle Textnachricht geschrieben hat , war ich beruhigt.

Holen Sie das jetzt noch mal persönlich nach? Isabelle Huppert kommt ja in diesem Jahr wieder auf die Berlinale.

Das haben wir schon. Wir haben uns in der Zwischenzeit gesehen, als ich mit „Richard III.“ ein Gastspiel in Paris hatte. Wer auch im Wettbewerb vertreten ist und mit wem ich verabredet bin, ist Olivier Assayas. Das ist auch ein schöner Nebeneffekt eines Festivals, dass die Menschen zusammenkommen. Es hat etwas sehr familiäres. Ich treffe allerdings generell oft Leute, ohne mich zu verabreden. In Paris etwa habe ich im Sommer auf der Straße Claire Denis getroffen, mit der ich ja auch mal einen Film gemacht habe. Dann wollte ich einen Wagen an mir vorbeilassen, da kurbelte das Fenster runter und daraus winkte Juliette Binoche. Und dann traf ich noch Peter Handke in einem Café. Das sind oft schicksalhafte Begegnungen und nicht unbedingt Zufälle. Ich vertraue darauf. Mal sehen, wem ich auf der Berlinale so begegne.

Lars Eidinger war 2016 Mitglied der Internationalen Jury unter der damaligen Präsidentin Meryl Streep.
Lars Eidinger war 2016 Mitglied der Internationalen Jury unter der damaligen Präsidentin Meryl Streep.© picture alliance / Ralf Succo / SuccoMedia | Ralf Succo

Ist der Silberne Bär eine Auszeichnung, die noch fehlt, die Sie gern mal bekommen würden?

Mir fehlen eigentlich so gut wie alle Preise. Ich will mich nicht beschweren, aber ich habe verhältnismäßig wenig bekommen.

Schmerzt das? Oder ist Ihnen das nicht so wichtig?

Die Zeit, wo es mir wirklich viel bedeutet hätte, ist vorbei. Sollte ich jetzt einen bekommen, würde ich mich schon freuen. Aber es bedeutet mir nicht mehr so viel. Ich habe auch gerade mit Matthias Glasners Wettbewerbsfilm wieder gelernt: Es geht wirklich ums Projekt. Der Film war so irrsinnig schwer zu finanzieren, es dauerte so lange, bis wir drehen konnten, und das ging auch nur mit großen Einschränkungen. Aber Matthias sagt: Je länger er arbeitet, desto mehr merkt er, es geht nur ums Machen. Das ist das Wichtigste, das kann einem auch keiner mehr nehmen. Und es steht auch in keinem Verhältnis zu einem Preis. Dass man einen Film realisieren kann, ist die größte Auszeichnung.

Lars Eidinger hielt 2022 die Laudatio und übergab der erkrankten Isabelle Huppert den Goldenen Bären über die Leinwand.
Lars Eidinger hielt 2022 die Laudatio und übergab der erkrankten Isabelle Huppert den Goldenen Bären über die Leinwand.© picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Monika Skolimowska

Was erwartet uns bei Glasners „Sterben“?

Es ist ein sehr persönlicher Film. Im Grunde ist es seine Geschichte und ich bin so etwas wie sein Alter Ego, was ich unter anderem daran merkte, dass er viel mehr damit beschäftigt war, was um mich herum passiert. Während er mir selbst oft den Rücken zuwandte. (lacht) Weil es seine Perspektive ist. Der Titel ist ja schon Programm und ich bin sehr froh, dass er geblieben ist. Marketingtechnisch kommen da ja immer große Bedenken. Aber die Einladung zur Berlinale hat den Titel bestätigt. Und das ist ja auch richtig. Sterben gehört zum Leben dazu. Und man unterschätzt da vielleicht auch das Publikum. „Sein oder nicht sein“ ist ja auch die essenziellste Frage der Menschheit. Weil man nichts über den Tod, „das unbekannte Land“ weiß. Was unweigerlich dazu führt, sich zu fragen, was man denn übers Leben weiß.

Hat man als Schauspieler ein anderes Verhältnis zum Tod, wenn man etwa als Hamlet immer wieder auf der Bühne stirbt?

Ja, das glaube ich schon. Ich habe an der Schaubühne gerade kein Stück im Repertoire, in dem ich nicht am Ende sterbe. Das Theater wird dadurch auch ein Stück weit zum Memento mori, ein Ort, wo man zusammenkommt, um über das Leben und den Tod nachzudenken. Ich habe mal einen Film in Dänemark gedreht, „Code Blue“ von Urszula Antoniak, der begann mit dem Bild einer sterbenden Frau. Die ältere Darstellerin wusste aber nicht, wie sie das spielen sollte. Da sagte Urszula: Spiel doch einen Orgasmus! Das hat sie dann gefilmt und rückwärts abgespielt. Was ja auch in philosophischer Hinsicht interessant ist: der Tod als umgekehrter Orgasmus. Und es sah verblüffende Weise genau so aus, wie es mir meine Schwiegermutter beschrieben hat, die ihren Schwiegervater in den Tod begleitet hat. Sehr lebhaft, als stülpe sich das innere nach außen und als gingen alle Farben durchs Gesicht.

Kein Stück im Repertoire, in dem er nicht stirbt: Eidinger im Dauerbrenner „Hamlet“ an der Berliner Schaubühne.
Kein Stück im Repertoire, in dem er nicht stirbt: Eidinger im Dauerbrenner „Hamlet“ an der Berliner Schaubühne.© c:Arno Declair | c:Arno Declair

Sie haben gerade sechs neue Filmproduktionen in der Pipeline, darunter die „Kafka“-Serie und den neuen Kinofilm von Tom Tykwer. An der Schaubühne dagegen gab es schon lange keine neue Premiere mehr mit Ihnen. Ist nicht mehr genug Zeit fürs Theater?

Ich spiele schon viel „Hamlet“, „Richard III.“ und „Peer Gynt“. Nur schaffe ich es nicht, Thomas Ostermeier von einem neuen Stück, das ich unbedingt machen will, zu überzeugen. Wahrscheinlich werde ich es Ende 2026 mit einem anderen Regisseur machen. Aber das liegt nicht nur an meiner Verfügbarkeit, sondern auch an der Vorausplanung der Schaubühne.

Gerade ist Ihr neues Fotobuch „O Mensch“ erschienen. Werden Sie auch auf der Berlinale fotografieren?

Ich fotografiere eigentlich immer! Und der Beginn meiner Abhängigkeit von Instagram hatte ja tatsächlich sogar mit der Berlinale zu tun. 2016, als ich in der Jury saß, sollte ich den Account des „Zeit-Magazins“ übernehmen. Ich wusste gar nicht, wie das geht. Sie haben mir die Zugangsdaten zugeschickt und ein kurzes Briefing. Ich hätte dann auch gern festgehalten, wie ich mit Meryl Streep und Clive Owen über den Potsdamer Platz laufe. Aber am Abend vor der Eröffnung bekam ich eine Mail, mir sei hoffentlich klar, dass nichts von der Jurytätigkeit hinter den Kulissen veröffentlicht werden darf. Aus Verlegenheit habe ich dann Fotos, die ein Freund von mir gemacht hat, gepostet und dafür die ersten Hasskommentare bekommen, nach dem Motto zeig mal was anderes als dein Gesicht.

Ein Liebhaber alter Orte: Lars Eidinger im Café Tiffany‘s im Europa Center in Berlin.
Ein Liebhaber alter Orte: Lars Eidinger im Café Tiffany‘s im Europa Center in Berlin.© FUNKE Foto Services | Anikka Bauer

Letzte Frage: Wieso treffen wir uns hier, im Café Tiffany‘s im Europa-Center? Hier hätte ich Sie nie vermutet.

Wenn meine Mutter etwas zu erledigen hatte, hat sie mich als Kind oft irgendwo abgesetzt und später wieder abgeholt. Etwa hier am Wasserbassin oder draußen am Wasserklops. Als Kind des alten West-Berlin bin ich ein Liebhaber dieser alten Orte, von denen ja immer mehr verschwinden. Das Café Kranzler, das Café Möhring oder jetzt das Café Einstein – alles weg! Es ist wirklich ein Jammer, dass es dafür kein Bewusstsein zu geben scheint, dass es diese Orte sind, die die Eigenart einer Stadt prägen.