Justitia ist blind. Und soll das auch sein. Stets wird die römische Göttin der Gerechtigkeit mit verbundenen Augen gezeigt, ein Symbol, dass sie objektiv entscheidet, ohne Ansehen der Person. Es ist wohl kein Zufall, dass in Justine Triets Filmdrama „Anatomie eines Falls“, in dem es um einen Gerichtsprozess geht, der entscheidende Zeuge stark sehbehindert ist: ein kleiner Junge, dessen Vater gestorben ist und dessen Mutter wegen Mordes angeklagt ist. Ein Junge, der jäh aus seiner behüteten Kindheit gerissen wird und sich nun verzweifelt an die letzten Momente vor dem Tod des Vaters ins Gedächtnis zurückrufen will. Während im Gericht ständig die Wahrheit verdreht wird und alle eine vorgefertigte Meinung zu haben scheinen.
Denn es ist eine Frau, die hier vor Gericht steht. Und eine Ausländerin obendrein, die, wenn es brisant wird, gern ins Englische ausweicht, weil sie im Französischen nicht mehr weiter kommt. Fast noch verdächtiger macht sie, dass sie im selben Beruf wie ihr Mann, als Romanautorin, deutlich erfolgreicher ist, dass sie das Geld ins Haus gebracht hat und dem Mann die Erziehung des Sohnes überlassen hat, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Und noch verwerflicher scheint, dass sie es mit der Treue nicht so genau genommen hat. Und sich auch für Frauen interessierte.
„Anatomie eines Falls“: Bis zuletzt bleibt der Zuschauer im Ungewissen
Hier sitzt nicht nur eine Frau auf der Anklagebank, die ihren Mann verloren hat, es scheint oft, als stünde hier ein ganzes Geschlecht vor Gericht, die moderne, autarke, selbstständige Frau, die sich nicht mehr in überkommener Abhängigkeit vom Mann definiert. Die aber jetzt vom Staatsanwalt wie ein Monster dargestellt wird. Und, eine der herzzerreißendsten Szene dieses Films, ihrem Sohn sagen muss: „Ich bin kein Monster.“
Der Kinozuschauer lernt diese Sandra Voytier (Sandra Hüller) kennen durch ein Interview, das sie einer jungen Frau gibt. In dem Chalet in den französischen Alpen, in dem die Deutsche mit ihrem französischem Mann und ihrem gemeinsamen Sohn lebt. Ihr Mann ist nicht zu sehen und doch omnipräsent. Weil er Musik so laut aufdreht, dass das Interview abgebrochen werden muss. Ganz offensichtlich ist das nicht das erste Mal, dass der Haussegen schief hängt.
Der Sohn David (Milo Machado Graner) macht sich deshalb auch von dannen, auf einen Spaziergang mit seinem Blindenhund. Als er zurückkehrt, liegt der Vater Samuel (Samuel Theis) allerdings tot vor dem Haus. Vom Dach gefallen, das er gerade saniert hat. Während die Mutter mit Ohrstopfen im Bett liegt und von alledem nichts mitbekommen haben will.
Beim ersten Mal nimmt die Polizei nur ein Protokoll auf, beim zweiten Mal wird die Witwe gewahr, dass man sie des Mordes verdächtigt. Und nun muss sie sich verteidigen, muss sie das Innerste nach außen kehren, vor der Welt, vor ihrem Sohn. Obwohl sie dieses Spiel nicht mitspielen will, nicht mitspielen kann: sich so zu geben, wie andere, auch ihr Anwalt Vincent Renzi (Swann Arlaud), sie gern sehen würden.
In Cannes gab es die Goldene Palme, jetzt gilt der Film als Oscar-Kandidat
Der Gerichtsfilm ist längst ein eigenständiges Genre, das nach immergleichem Muster vorgeht. Das einen Prozess wie eine Show inszeniert, mit eitlen Soloauftritten, Plädoyers der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung, und Rückblenden, die dem Zuschauer auch die letzte offen stehende Frage noch im Übermaß erklären. Und meist ist es der Verteidiger, der noch im letzten Moment eine überraschende Lösung präsentiert. All das, um, vermeintlich, der Wahrheit zu dienen. Und nichts als der Wahrheit.
Aber Einspruch, Euer Ehren! Es geht auch anders. Und Justine Triet zeigt dies in ihrem grandiosen Film,

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und jetzt auch als heißer Anwärter für das Oscarrennen gehandelt wird. Der Titel „Anatomie eines Falls“ ist kein Zufall. Hier analysiert die Filmkamera mit kühl-kritischer Distanz wie unterm Mikroskop. Und am besten erklärt man den Film mit dem, was es hier nicht gibt. Keine Rückblenden, mit einer halben (!) Ausnahme. Keine Gewissheiten. Keine dramaturgischen Tricks.

Hier steht auch die Justiz selbst vor Gericht. Der Titel ist da bewusst doppeldeutig, denn der Fall, der hier analysiert wird, meint nicht nur den Todessturz des Vaters, sondern auch den Gerichtsfall selbst. Es ist halt doch nicht so einfach mit der Wahrheit, wie der klassische Gerichtsfilm einem das vorgaukelt. Und der Zuschauer kann sich hier nicht passiv zurücklehnen und zuschauen, er muss aktiv mitdenken und sich selbst zusammenreimen, was er glauben soll.
Auf der Suche nach Wahrheit in den verwirrenden Zeiten von Fake News
Denn das ist die große Zumutung dieses Films: Er lässt uns die ganze Zeit im Ungewissen, was die Verdächtige angeht. Und auch wenn man mit ihr sympathisiert, wie es ihr Anwalt tut, macht sie einem das doch nicht leicht. Weil sie nie die ganze Wahrheit sagt. Aus Angst, sich damit zu belasten. Und Dinge verschweigt, die dann doch herauskommen und sie erst recht belasten. Sandra Hüller, nicht erst seit „Toni Erdmann“, sondern schon seit ihrem ersten Film „Requiem“ eine faszinierende Schauspielerin, die stets ambivalente, brüchige Figuren spielt, die nicht leicht einzuordnen sind, trägt einmal mehr einen Film ganz alleine und spielt auch diese Sandra Voytier wieder mit einer verstörenden Ambivalenz und umwerfenden Verve, die den Film lange nachwirken lassen.
Und nach und nach schält sich Triests Konzept heraus. Dass dies gar kein Gerichtsfilm ist, sondern sich nur dieses Mäntelchen umgestreift hat. Und eigentlich etwas ganz Anderes transportiert. Es ist ein Familiendrama, natürlich. Wobei es nicht ohne Ironie ist, dass diese Szenen einer Ehe von einem ebenfalls schriftstellernden Ehepaar verfasst wurden. Auch ein Krimi, in gewisser Weise.

Vor allem aber ein Gesellschaftsdrama, dass neben der Frage, ob es Unfall, Selbstmord oder doch Mord war, ganz andere, substanzielle Dinge verhandelt. Was das eigentlich ist, die Wahrheit. Und wie sehr wir in Zeiten von Fake News, „alternativen Wahrheiten“ und steten Empörungswellen in den sozialen Medien überhaupt noch fähig sind, uns objektiv eine Meinung zu bilden. Oder ob wir nicht doch schon Vor-Urteile in des Wortes buchstäblicher Bedeutung haben.
Der Einzige, der dem Prozess wirklich mit naiver Unschuld folgt, ist der leidtragende Sohn Daniel, stark verkörpert von Jungschauspieler Milo Machado Graner. Nach dem Verlust des Vaters wird er durch den Schauprozess gegen seine Mutter gleich noch einmal schwer traumatisiert. Aber trotz seiner Beeinträchtigung, den stark getrübten Augen, scheint er doch der Einzige, der sich seinen Blick nicht verblenden lässt.
Filmdrama, Frankreich 2023, 151 min., von Justine Triet, mit Sandra Hüller, Milo Machado Graner, Swann Arlaud, Samuel Theis.



