Als sie am Ende auf die Bühne kommt, wirkt sie ganz kurz etwas unsicher. Das ist man sonst nicht gewohnt von Katharine Mehrling. Sie ist ein Publikumsliebling, hat schon sechs Goldene Vorhänge. Aber es ist eben eine neue Bühne, die sie hier bespielt hat. Und nicht eine der leichten Muse, da kennt sie sich aus. Sondern eine der wichtigsten und traditionsreichsten Sprechbühnen des Landes, das Berliner Ensemble. Wo sie sich auch gleich an den Hausgott Bert Brecht rangewagt hat.
Ein Moment mag sie da gezagt haben: Werde ich auch dieses Publikum überzeugen? Ein Teil des Publikums mag sich das auch gefragt haben: Ist diese Frau hier richtig? Doch dann brandet frenetischer, nicht enden wollender Applaus auf. Und bestätigt: Jawohl, die Mehrling ist angekommen, ist aufgenommen.
„Fremder als der Mond“: Der Brecht-Abend hat die neue Spielzeit am BE eröffnet
Sie hat ja schon viele Bühnen erobert. Die Tribüne, das Schlosspark-, das Renaissance Theater. Gar nicht zu reden von der Bar jeder Vernunft und dem Tipi. Dann noch die Komische Oper, wo sie unter Barrie Kosky zu einer Art Hausgöttin wurde. Aber auch das eben: leichte Muse.
Am BE gibt sie nun gemeinsam mit Paul Herwig, der hier auch in „Phädra, in Flammen“ zu sehen ist, den Brecht-Abend „Fremder als der Mond“. Damit wurde zugleich die neue Spielzeit des Hauses eröffnet. Und kein Geringerer als Intendant Oliver Reese hat die Texte und Lieder ausgesucht und seinen Gast höchstselbst inszeniert.

Die Mehrling hat sich unter Kosky an Kurt Weill herangearbeitet und so auch an Brecht. Bei einem Benefizabend für die Ukraine im BE gaben die beiden Kostproben davon. Und da schon Kosky am BE grandios die „Dreigroschenoper“ inszenierte, lag es nahe, auch das Allroundtalent Mehrling einzuladen. Mit Brecht, aber nicht mit Weill. Sondern mit Dessau und Eisler.
Paul Herwig kann einem etwas leid tun: Katharine Mehrling nimmt die Bühne im Sturm
Mit Herwig tritt sie hier in grüner Arbeiterkluft auf. Und wirkt auch ohne Chichi und Showtreppe. Mal abwechselnd, mal gemeinsam tragen sie Texte und Lieder vor. Herwig gibt den Brecht, Mehrling tut das auch, schlüpft aber auch in andere Rollen. Vom Clown bis zur Schlagersängerin, denn Brechts „Als ich nachher von dir ging“ war ein echter Hit in der DDR.
Herwig kann einem etwas leid tun. Der Schauspieler überzeugt zwar auch im Gesang. Aber die Mehrling hat Gold in der Kehle und eine ganz andere Wucht. Einmal muss Herwig vor ihr knien, sie lehnt sich auf ihn und singt „Wie man sich bettet“. Das scheint fast eine Metapher auf den Abend. Auch wenn sie ganz im Teamwork mit dem Partner aufgeht, ist sie es am Ende, die glänzt und gefeiert wird.

Adam Benzwi, ein Wegbegleiter der Mehrling, hat die Lieder ganz intim für vier Musiker und erfrischend neu arrangiert. Und Reese stellt seine Darsteller in einen filzgrauen Guckkasten, auf den Bilder und Filme projiziert werden. Wo auch Fenster aufgehen wie in einem Adventskalender. Die Bühne, eine Schatztruhe voller Brecht-Preziosen.
Sätze wie „Was sind das für Zeiten“, „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten“, sind sie uns derzeit nicht sehr vertraut? „Das deutsche Miserere“ über die Kriegsdesillusionierung in Russland, klingt es nicht ganz neu heute? Oder „Das Lied vom Weib des Nazisoldaten“, die beste Interpretation der Mehrling, wo sie erst beschwipst Geschenke aus eroberten Gebieten erhält, am Ende aber den Witwenschleier aus Russland – da kriegt man Gänsehaut, so aktuell ist Brecht noch immer.
Reese sollte Frau Mehrling öfter einbinden - und nicht nur mit einem Liederabend
Die Mehrling traut sich auch an „Mutter Courage“. Reese projiziert dabei sogar Ausschnitte mit der legendären Helene Weigel auf sie. Die Mehrling im drehenden Rad des Marketenderwagens, was für ein Bild. Andere hätte das zermalmen können. Hier wird die Hommage zu einem Triumph.
Reese bindet in der neuen Spielzeit neue Kräfte ans Haus, die Autorin Sibylle Berg, den Undergroundfilmer Axel Ranisch. Auch der Auftritt der Mehrling darf kein Gastspiel bleiben. Reese wäre gut beraten, sie in einem Stück zu besetzen. Es muss ja nicht gleich die „Courage“ sein.
Berliner Ensemble, Bert-Brecht-Platz1, Mitte. Tel.: 28408155. Nächste Termine: 8.-10. September sowie 3.+4. Oktober.



