„… und mit morgen könnt Ihr mich!“ Das klingt nach Wut und Schimpferei. Und wenn man an der Komischen Oper einen Liederabend bestreitet und diesen Titel dafür wählt – ist das als Drohung, als Schlussstrich, als Abgang zu verstehen? Nein, lacht Katharine Mehrling: Das ist einfach ein Zitat aus Brechts und Weills „Ballade von der Höllen-Lili“, das sie singt. „Dieses Lied lehrt uns, dass wir den Moment leben müssen. Morgen kann schon zu spät sein. Und wenn wir die Welt retten wollen, dann müssen wir das jetzt tun.“ Eine Botschaft zur Stunde also.
Der szenische Liederabend, der am Sonntag Premiere hat, trägt einen Untertitel mit gleich drei Ausrufezeichen. Mehrling! Weill! Kosky! Das verweist auf eine frühere Produktion an der Behrenstraße, „Lonely House“ im Dezember 2019. Da sang Katharine Mehrling auch schon Weill-Songs. Und Intendant Barrie Kosky begleitete sie dabei höchstselbst am Klavier.
Katharine Mehrling singt nicht nur, sie schlüpft in viele Rollen
Damals aber ging es um Weills Exil, seine Stationen in Paris und in New York, im neuen Programm dagegen um seine Berliner Zeit. „Diesmal spielen wir all die Klassiker und Perlen aus dieser Ära“, so die Sängerin. „Und jedes Lied ist ein Meisterwerk.“ Mit Texten von Bert Brecht, aber auch Walter Mehring und Erich Kästner.
Diesmal aber begleitet Kosky sie nicht am Klavier. Diesmal spielt ein großes Orchester. „Das ist also eine komplett andere Nummer als ,Lonely House’.“ Die Mehrling singt auch nicht nur. Kosky hat das szenisch inszeniert. La Mehrling schlüpft in all die Figuren, die sie singt. Junge Mädchen, ältere Damen, auch Männerrollen. „Ich darf auch endlich mal ein schwuler Mann sein“, lacht sie. „Das wollte ich schon immer mal.“

Wenn man die klassischen Brecht-Weill-Songs singt, muss man natürlich den Vergleich mit all den Größen aushalten. Hat man das im Hinterkopf? Oder muss man das ausblenden, um den Kopf frei zu haben? „Natürlich habe ich großen Respekt vor all den wunderbaren Interpretinnen wie Lotte Lenya, Gisela May, Ute Lemper oder auch Milva“, gibt die Sängerin zu. „Aber ich habe meinen eigenen Weg.“
Und dann hat Dirigent Kai Tietje ganz neue Arrangements geschrieben. „Wir gehen da ganz neu und experimentell ran.“ Es klinge nicht nach Weimarer Republik, eher wie ein Mix aus allen Stilen, mit Tango-, Honky Tonk- und arabischen Elementen, mit verstimmtem Klavier, Bandoneon und Duduk, der armenischen Flöte. „Weltmusikfarben, die zu einem ganz besonderen Klang verschmelzen.“ Katharine Mehrling kann eine gewisse Aufregung nicht ganz verbergen. Wir sprechen sie nur kurz. Denn am Morgen war erst Orchestersitzprobe, und am Abend steht die erste Bühnenprobe an.
Zu Weills Musik kam Katharine Mehrling erst spät - und über Kosky
Katharine Mehrling ist berühmt für ihre Chanson- und Jazz-Abende, sie komponiert auch eigene Lieder. Zu Weill kam sie dagegen erst spät. Aber dann hat sie nicht nur „Lonely House“ bestritten, vergangenes Jahr war sie auch Artist in Residence beim Kurt-Weill-Fest in Dessau und hat da seine „Sieben Todsünden“ gesungen, wie im Dezember dann auch im Konzerthaus Berlin.
Auf Einladung des deutschen Botschafters in Paris gab sie zudem im Oktober ein Konzert im Palais Beauharnais: „Katharine Mehrling chante Kurt Weill“. Und im selben Monat trat sie mit ihrem Mann, dem Schauspieler Tilmar Kuhn, bei den Jüdischen Kulturtagen Rostock mit dem literarisch-musikalischen Lenya-Weill-Abend „Speak Low“ auf.

Doch erst Kosky hat ihr den Zugang zu dieser Musik ermöglicht. „Barrie war der Türöffner. Er sagte: ,Deine Stimme muss diese Lieder singen!’“ Erst da habe sie sich herangetraut „an dieses Vermächtnis, das ja doch sehr heilig ist.“ Aber dann hat sie Blut geleckt und ist jetzt Feuer und Flamme, kann ganz eintauchen in diese Musik.
Daher das Dreigestirn im Untertitel. Wobei man die Ausrufezeichen vor allem bei Mehrling und Kosky setzen muss. Die sind ja sowas wie ein Dreamteam, seit Kosky sie vor zehn Jahren in seiner Operetteninszenierung „Ball am Savoy“ an sein Haus gebracht hat. Sie hat dann auch die Eliza Dolittle in „My Fair Lady“ hier gespielt und die Titelfigur in „Arizona Lady“.
Die Zusammenarbeit mit Barrie Kosky ist wie ein Ballspiel. Und wie ein Tango
Gab hier, ebenfalls mit Riesenorchester, ein legendäres Konzert zum 100. Geburtstag von Edith Piaf. Und war selbstverständlich auch in Koskys „All Singing, All Dancing Yiddish Revue“ zum Ende seiner langjährigen Intendanz an diesem Haus dabei.
„… und mit morgen könnt Ihr mich“ ist seine letzte Vorstellung an seiner alten Wirkstätte – bevor die Oper dann wegen der Sanierung ins Zwischenquartier Schiller Theater umzieht. Der Liederabend wird deshalb auch nur sieben Mal gezeigt und nicht übernommen. Ganz exklusiv, man sollte sich also schnell um Karten kümmern.
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Mehrling schwärmt von ihrer Arbeit mit Kosky. Und findet dafür gleich mehrere starke Bilder. Das sei wie ein Ballspiel: „Wir werfen uns die Bälle zu“. Dann auch wie ein Tango: „Man kann sich verlassen, kann sich fallen lassen in diese Energie“). Und schließlich „wie ein Feuerwerk“, wenn sie zusammensitzen und sich Ideen und Geschichten ausspinnen.
Weitere Zusammenarbeiten des Erfolgs-Tandems sind nicht ausgeschlossen
Mit ihm zu arbeiten, sei Wahnsinn, „denn dieser Mann ist ein unerschöpfliches Genie, ein Quell an Fantasie und Ideen,das permanent sprudelt.“ Man müsse ihn allerdings auch inspirieren. Und dafür musste die Mehrling ins kalte Wasser springen. Denn, da ist sie ganz ehrlich, es gebe auch immer Hemmungen und Zweifel, die sie begleiten. „Ich brauche ganz ganz viel Mut für diesen Abend. Weil ich meine Komfortzone verlasse.“ Das sei erst mal beängstigend, aber dann „total erfüllend“.
Ohne den Intendantenposten ist Barrie Kosky nun freier als Regisseur und Künstler. Wird es da in Zukunft noch mehr Kooperationen der beiden geben – mit wie vielen Ausrufezeichen auch immer? Da muss Katharine Mehrling noch einmal lachen. „Das würde ich mir sehr wünschen. Aber er ist wohl ausgebucht bis 2050. Und so gefragt all over the world, weil alle ein Stück von ihm wollen. Aber wenn er fragt: ,Hast du Lust?’, würde ich alles dafür möglich machen“, beteuert seine Muse. Und setzt noch nach: „Na klar! Jederzeit.“
Komische Oper, Behrenstr. 55-57, Mitte. Tel.: 47 99 74 00. Premiere: 26. März. Weitere Termine: 30. März; 6., 9. und 29. April; 13. Mai; 2. Juni.



