Am 27. August hat die lange Sommerpause im Fernsehen endlich ein Ende. Dann gibt es auch wieder neue Sonntagabendkrimis. In letzter Zeit ist personell zwar viel im Umbruch beim „Tatort“ und beim „Polizeiruf 110“, es gab ein paar schmerzliche Abschiede bzw. Ankündigungen von solchen. Jüngst wurde sogar die gänzliche Einstellung des Mainzer „Tatorts“ mit Heike Makatsch verkündet. Aber es gibt auch viel Konstanz. Den Auftakt zur neuen Saison macht der Magdeburger „Polizeiruf 110“ mit Claudia Michelsen. Und die feiert damit als Kommissarin Doreen Brasch ihr Zehnjähriges in der Krimireihe. Wir haben mit der Schauspielerin über ihr kleines Jubiläum gesprochen.
Frau Michelsen, zehn Jahre „Polizeiruf 110“: Wie fühlt sich das für Sie an?
Claudia Michelsen: Ja, interessant, was solche Zahlen mit uns machen. Ich muss gestehen, ich kann mit solchen Zahlen gar nicht so viel anfangen. Und mir kommt es auch gar nicht so vor, gab es doch in dieser Zeit mehrere Neuanfänge. Brasch und ich hatten bisher eine ziemlich gute Zeit miteinander, und Langeweile hat sich noch nicht eingestellt. Aber ganz unabhängig davon freue ich mich natürlich auch sehr darüber und bin sehr dankbar, dass wir so viele treue Zuschauer haben, sonst wären wir ja auch nicht bei diesem kleinen Jubiläum gelandet.
Haben Sie je gedacht, dass Sie mal so lange dabei sein würden?
Nein, so denke ich nicht und so lange ist es ja dann auch nicht. Bitte vergessen Sie nicht, dass es keine Serie ist, die mich jedes Jahr mindestens sechs Monate in Anspruch nimmt. Es sind zwei Monate reine Drehzeit ohne Vorbereitungen und die anderen zehn Monate eines Jahres darf ich ja noch viele andere lustige Dinge machen.

Die neue Folge „Du gehörst mir“ ist eine sehr eindringliche. Es geht um Stalking und um eine Kindesentführung. Wurde sie bewusst ausgesucht für dieses Jubiläum?
Nein, nicht das ich wüsste. Brasch läuft in dieser Geschichte auch eher am Rande mit, da in dieser Folge eher Lemp, gespielt von dem wunderbaren Felix Vörtler, im Zentrum steht. Für mich persönlich wäre die Folge davor, „Ronny“, ein Jubiläumsfilm gewesen, wenn das denn überhaupt zu Debatte stand. Aber es hat sich anders ergeben und ist auch so völlig in Ordnung. „Du gehörst mir“ ist eine starke Geschichte und ein sehr guter Film, ich denke, das ist doch das Wichtigste.
Wurde dieses Jubiläum aber terminiert, dass damit der Sonntagskrimi nach der ja immer sehr langen Sommerpause weitergeht?
Ich glaube, die Ehre hatten wir letztes Jahr auch schon. Ich weiß gar nicht, was da die Hintergründe sind. Aber es ist ja schön, nach der Sommerpause die neue Saison eröffnen zu dürfen.
Wie kam der Polizeiruf eigentlich an Sie heran?
Das war damals der Wunsch des MDR und von Friedemann Fromm und seinem Bruder Christoph Fromm. Die beiden haben den Polizeiruf in Magdeburg kreiert mit Brasch und Drexler, gespielt damals von meinem Freund Sylvester Groth. Es gab ein Casting, und darauf folgte eine sehr schöne erste Arbeit mit Friedemann Fromm. Die Figuren haben mit ihm zusammen laufen gelernt.
Lesen Sie auch:Arte zeigt „The Paradise“ - die Mutter aller Kaufhaus-Serien, nach Emile Zolas Buchvorlage

Haben Sie eigentlich auch ein Mitspracherecht bei Ihrer Figur?
Der MDR und die Produzentin Iris Kiefer entwickeln die Geschichten immer relativ eng mit uns. Dabei hat man mal mehr, mal weniger Einfluss darauf, was etwa Regie, Kamera und Autoren angeht. Es gibt Wünsche und Empfehlungen, aber die können nicht immer erfüllt werden. Außerdem weiß man nie vorher, ob es dann in der Zusammenarbeit tatsächlich gut funktioniert. Allein der Schnitt lässt Filme ja noch mal völlig neu entstehen. Und nicht jeder spricht die gleiche Sprache und findet das Gleiche gut. Aber es gibt natürlich auch manchmal positive Überraschungen, die mich dann Brasch neu entdecken lassen dürfen.
Bei dem Namen der Kommissarin muss im Osten jeder an Thomas Brasch denken. War das eigentlich beabsichtig?
Nein, mit Thomas Brasch hat das erst mal nicht so viel zu tun, obwohl man hier tatsächlich Friedemann und Christoph Fromm fragen sollte. Sylvesters Rolle hieß Drexler. Da stand eher eine andere Idee dahinter: Brasch und Drexler – das sollte ein bisschen wie „Arsch“ und „Drecksack“ klingen. Das hat zumindest Friedemann mir mal verraten. Das ist schon sehr direkt und deutlich und war ja eigentlich nur für uns intern gedacht. Aber eine Ansage!
Die Brasch ist so etwas wie eine Mater dolorosa des deutschen Fernsehkrimis. Sie ermittelt nicht nur, sie leidet an den Zuständen in der Gesellschaft und fühlt mit den Betroffenen. So empfinde ich sie zumindest. Gehen Sie da mit, und ist das vielleicht gerade etwas, das Sie daran reizt?
Das ist toll beobachtet. Wir haben uns entschieden, bei den Ermittlerfiguren nicht so ins Privatleben zu gehen. Das Wichtige sind die Fälle und die Geschichten, die sind die Hauptdarsteller. Im besten Fall kann der Zuschauer mit Brasch zusammen ermitteln, erfühlen und erfahren, mit ihr auf die Reise gehen. Ich finde, Brasch läuft emphatisch mit den Figuren mit, aber genauso gut kann es den harten direkten Weg der Auseinandersetzung geben. Und dann gibts mal was auf die Mütze, ganz ohne emphatische Schlenker.

Sie haben mit Sylvester Groth angefangen. Der sprang dann ab. Es folgte Matthias Matschke, der auch nicht mehr dabei ist. Ist Magdeburg so trostlos, dass außer Ihnen da keiner auf Dauer drehen will?
Nein, das hatte damit gar nichts zu tun. Mit Sylvester bin ich sehr eng befreundet. Und die Bindung und Verantwortung, die so ein Format mit sich bringt, ist nicht zu unterschätzen. Das ist wie eine Ehe, das muss man wollen. Ich bedaure bis heute, dass wir ihn nicht halten konnten. Und Matthias Matschke hatte so viele andere Projekte damals, dass er sich wohl entscheiden musste oder auch wollte.
Sie wollen aber weitermachen? Sie haben sich keine Frist gesetzt, wie lange Sie das machen wollen?
Nein, bis heute nicht. Deshalb kann ich eben mit der Zahl 10 so wenig anfangen. Ich messe das nicht in Jahren. So lange wir Lust haben, gemeinsam Geschichten zu erzählen, und die Zuschauer Lust haben, sie zu sehen, machen wir weiter. Das ist im Moment der Plan.
Nach 10 Jahren: Geht bei so einer Dauerrolle auch etwas in einen über – oder kann man die Figur wie einen Mantel zuhause ablegen?
Ich bin eher für „ablegen“. Jeder macht das natürlich anders. Da gibt es nicht DIE Methode. Aber ich begreife den Beruf als ein Handwerk. Einsteigen und aussteigen gehört für mich dazu. Das heißt natürlich nicht, dass man sich nicht auch außerhalb mit den Geschichten und Figuren beschäftigt.
Sind Sie eigentlich selbst eine Krimiguckerin?
Ja. Aber unregelmäßig. Mal mehr, mal weniger. Manchmal reizen mich andere Formate mehr und dann ist es wieder der Krimi.

In der letzten Zeit kehren ja viele prominente Kollegen dem „Polizeiruf“ und dem „Tatort“ den Rücken. Zeigt das eine Krise auf, ist der Höhepunkt des Sonntagabendkrimis vielleicht überschritten?
Nein. Ich glaube, dass es sehr unterschiedliche und oft persönliche Gründe hat, dass man vielleicht auch keine Fantasie mehr zu einer Figur entwickelt, man das Gefühl hat, es hat sich auserzählt. Dass da gleich mehrere großartige Kollegen in kurzer Zeit ihren Abschied ankündigen, ist, glaube ich, eher Zufall, und dass sich das Interesse am Sonntag Abendprogramm verflüchtigt, kann ich nicht bestätigen. Im Gegenteil. Es gibt ja eine große Fangemeinde. Ich kenne Menschen, für die ist das ein absolutes Muss. Vielleicht hängt das auch mit unseren unruhigen Zeiten zusammen. Nichts ist beständig, alles kriselt, alles ist bedrohlich, Klimawandel, Krieg, Heizung, Inflation und Co. Aber da hast du ein verlässliches Format, wo du im besten Fall weißt, was dich erwartet und Figuren begegnest, die Du magst, Figuren, die dich mitnehmen in die eine oder andere Geschichte.
Werden Sie das Jubiläum eigentlich zelebrieren? Werden Sie den Abend am Fernseher verbringen?
Nein. Ich habe an dem Abend eine Lesung beim Lausitzfestival, auf die ich mich sehr freue.
Sie haben ja noch eine andere Fernseh-Reihe: die „Kudamm“- Mehrteiler. Wie weit ist es denn mit einer vierten Staffel?
Es wird sie geben, die Vierte. Geplant sind die Dreharbeiten für Anfang nächsten Jahres. Annette Hess schreibt derzeit daran. Auch das Musical soll vorgesetzt werden. Herrlich für Berlin. Nach dem großen Erfolg von „Ku’damm 56“ im Theater des Westens gibt es wohl ab Mai nächstes Jahr „Ku’damm 59“. Ich bin ja eigentlich kein so großer Musical-Fan, aber das fand ich wirklich ganz großartig. Ich freue mich darauf.



