Kurz und überraschend knapp fiel sie aus, die Meldung, die der SWR am Montagnachmittag verschickt hat: Der fünfte „Tatort“ mit Heike Makatsch soll der letzte sein. Im Herbst 2023 wird ihre Kommissarin Ellen Berlinger in der Folge „Aus dem Dunkel“ ein letztes Mal auf Verbrecherjagd gehen, dann ist Schluss mit dem Mainzer „Tatort“.
„Für den SWR war es eine große Ehre, mit einer so unverwechselbaren und facettenreichen Schauspielerin wie Heike Makatsch im ‚Tatort’ zusammenarbeiten zu dürfen“, wird der zuständige SWR-Programmdirektor Clemens Bratzler zitiert.
„Tatort“: Heike Makatsch wurde ein Opfer der Inflation - und der Digitalisierung
Es ist mal nicht die Hauptdarstellerin, die abspringt. Heike Makatsch wird vielmehr ein Opfer der Inflation. Denn wie überall steigen die Preise auch bei Filmproduktion. Heike Makatsch wird auch ein Opfer der Digitalisierung. Denn um mehr Serien für die ARD-Mediathek realisieren zu können, muss der Sender „im Rahmen unseres digitalen Umbaus Geld umschichten“.
Der SWR dreht noch an drei weiteren Schauplätzen „Tatorte“: in Ludwigshafen, Stuttgart und im Schwarzwald. Und statt überall ein wenig zu sparen, wird nun einer komplett gestrichen. Manch einer hätte sich vielleicht eher gewünscht, dass man den immer etwas behäbigen Schwarzwald-Krimi aufgibt.

Stattdessen trifft es Heike Makatsch, die ihren „Tatort“-Ausflug 2016 noch als Experiment begriff, erst offen ließ, ob sie weiter macht, dann doch zusagte, aber ihren Standort in Freiburg verließ (weshalb die Schwarzwälder erst einstiegen) und nach Mainz wechselte. Hat man ihr diesen Wankelmut nicht verziehen?
Für ihre Rolle hätte es „keine Bessere geben können“, schreibt der Programm-Direktor. Aber interessant ist doch, dass es nicht mal eine Stellungnahme von der Schauspielerin gibt. Kein Wort über neue Herausforderungen oder gegenseitiges Einvernehmen, wie man es sonst gern zu hören bekommt. Das klingt nach Rausschmiss und Bauernopfer.
Es fällt schon auf, wie viele prominente Abgänge es in letzter Zeit gegeben hat
Die Nachricht aber kommt zu einer Zeit, da es ohnehin etwas düster aussieht um die älteste Reihe des deutschen Fernsehens. Der „Tatort“ im Ersten – der vor zweieinhalb Jahren erst sein 50-jähriges feierte – gilt als das letzte große Lagerfeuer, um das sich die Fernsehnation noch zur analogen Ausstrahlung versammelt, trotz der immer größeren Konkurrenz von Streaming-Plattformen und Mediatheken. Doch droht nun auch dieses Feuer allmählich zu verglimmen. Es ist zumindest auffällig, wie viele prominente Abgänge es in letzter Zeit gegeben hat.

Den überraschendesten Ausstand absolvierte Anna Schudt, die im Februar 2022 aus dem Dortmunder „Tatort“ geschossen wurde. Ein Knaller, der zuvor geheim gehalten wurde und das Publikum völlig unvorbereitet traf. Nur drei Monate später folgte Meret Becker, deren Ausstieg aus dem Berliner „Tatort“ zwar angekündigt war, aber nicht weniger schmerzte. Und noch die Frage aufwarf, wer zwei solche bestürzenden Todesfälle in so kurzer Zeit überhaupt programmiere.
Nicht nur beim „Tatort“, auch beim „Polizeiruf“ gibt es viele Abgänge
Tatsache ist: Es ist nicht die ARD, und sie programmiert es auch nicht. Die Schauspieler scheinen die Nase voll zu haben. Die nächsten Abgänge stehen schon an. Im März gab Axel Milberg bekannt, dass er 2025 als „Tatort“Kommissar Milberg aussteigen will: „So schön die Konzentration auf die Figur Borowski war, nach 21 Jahren ändert sich der Markt und ich mit ihm“.
Nur zwei Monate später folgte Karin Hanczewski, die ebenfalls 2025 nach dann neun Jahren aus dem Dresdner „Tatort“ aussteigen wolle. „Die Entscheidung zu gehen, fällt mir nicht leicht“, meinte sie. „Aber für mich ist es an der Zeit, mich weiterzubewegen und neue Figuren zu erzählen.“ Und auch die seit 1991 ermittelnden und in Ehren ergrauten Münchner Udo Wachtveitl und Miro Nemec spekulierten schon im März in einem Doppelinterview über ihren baldigen Abschied: „Wir sind ja keine 30 mehr.“
Und diese neue, grassierende Krimi-Lethargie ist längst nicht nur beim Klassiker des Sonntagabendkrimis zu verfolgen, sondern auch beim kleinen Bruder, dem „Polizeiruf 110“. Im Januar 2022 verließ Charly Hübner das starke und beliebte Team aus Rostock, im Dezember des Jahres folgte Lukas Gregorowicz in Frankfurt/Oder, nur zwei Folgen, nachdem seine Kollegin Maria Simon ihren Abschied genommen hat. Und erst vor nicht mal vier Wochen verließ auch Verena Altenberger den Münchner „Polizeiruf“ – nach gerade mal sechs Folgen, um sich „neuen schauspielerischen Herausforderungen“ zu stellen. Als ob es die nicht auch so gäbe.

Die große Hausse im Sonntagskrimi scheint jedenfalls vorbei. Anfang der 2010er-Jahre wurden die TV-Oberen und ihre Redakteure immer mutiger, ließen auch mal gewagte und experimentellere Folgen produzieren. Was dann auch immer mehr Schauspieler überzeugte, ein Angebot als TV-Kommissar anzunehmen.
Während bis dato Fernsehen noch eher verpönt war und eine Krimireihe als letzte Ausfahrt vor dem Karriereende galt, galt der „Tatort“ plötzlich als chic. Und jeder wollte dabei sein. Selbst ein Charakterschauspieler wie Ulrich Tukur machte mit, Komödianten wie Christian Ulmen und Nora Tschirner und sogar Kinostar Til Schweiger stieg ein. Und die ARD erntete damit traumhafte Quoten, wie man sie bei den vielen Sendern heutzutage nur noch bei Fußballspielen erreicht.
Ein Quotenrückgang beim Sonntagskrimi um 1,2 Millionen Zuschauer in nur einem Jahr
Aber auch das mit den Quoten ist kein Garant mehr. Schon im Mai, kurz bevor das gesamte öffentlich-rechtliche Fernsehen in die Sommerpause ging, rechnete die dpa nach, dass in der ersten Jahreshälfte 2023 im Schnitt nur 8,7 Millionen Menschen die Krimifolgen verfolgt haben.
Davon können andere Fernsehfilme zwar oft nur träumen, für das Zugpferd der ARD bedeutet es aber doch einen empfindlichen Rückschlag. Wurden für denselben Zeitraum im Vorjahr doch noch 9,2 Millionen Zuschauer gezählt. Der „Tatort“, der verlässlich mit dem berühmten Intro und dem Fadenkreuz beginnt, gerät damit selbst ins Fadenkreuz.

Gehen die Gebührenzahler da womöglich konform mit den Stars? Kehren auch bei ihnen immer mehr der Erfolgsreihe den Rücken? Spürt man da womöglich auch eine ganze andere Inflation, die der Krimis eben, ein Genre, das die Fernsehlandschaft längst dominiert? Wohin man zappt, nur Mord und Totschlag. Ist man in den schweren Krisenzeiten mit Corona und Putins Angriffskrieg dünnhäutiger geworden?
Sind das alles erste Anzeichen der Sonntagabendkrimidämmerung?
Fragen, die die ARD-Sender sich nicht stellen. Sie setzen weiter auf neue Ermittler, auch wenn die immer dysfunktionaler werden müssen. Als Charly Hübner ging, hat man an seiner Stelle seine Ehefrau Lina Beckmann engagiert, da blieb es quasi in der Familie. Meret Becker war noch nicht gegangen, da gab man bereits Corinna Harfouch als ihre Nachfolgerin bekannt. Und auch für Verena Altenberger gibt es bereits prominenten Ersatz: Johanna Wokalek wird übernehmen.
Dass ein Sender jetzt einen ganzen Standort mit einem zugkräftigen Star aufgibt, ist dagegen neu. Vielleicht sind das erste Anzeichen der Sonntagabendkrimidämmerung? Springt der Virus der Lethargie von einem Teil der Schauspieler und des Publikums nun auch auf erste TV-Redaktionen über? Das muss man in bester Krimimanier genau beobachten. Der SWR muss sich jedenfalls daran messen lassen, welche Serien er künftig für die ARD-Mediathek entwickelt. Und ob die eine echte Alternative zu einem Makatsch- „Tatort“ sind.



