Schauspieler

Sylvester Groth - Freiheitskämpfer in eigener Sache

Unsere Autoren begegnen Menschen, die etwas bewegen. Heute: ein Spaziergang mit Schauspieler Sylvester Groth.

Der Schauspieler Sylvester Groth

Der Schauspieler Sylvester Groth

Foto: Reto Klar / FUNKE Foto Services

„Ich gehe nicht spazieren. Ich mag das nicht“, stellt Sylvester Groth gleich zu Beginn klar. Verabredet war freilich etwas anderes, doch zur Sicherheit nimmt er direkt Platz. Wir haben uns im italienischen Restaurant „Luardi“ an der Meinekestraße verabredet. Groths Kiez und, wie sich schnell herausstellt, auch sein zweites Wohnzimmer. „Ah, Sylvesterchen“, wird der Schauspieler überschwänglich begrüßt. Also erstmal ein Gin Tonic und eine Zigarette.

Er sei kein Bewegungsmuffel, sagt Groth, aber „die Stadt ist nicht für Spaziergänge gemacht. Da kann ich ja fahren“. Nun, für das Bild müsse er ihn dennoch kurz ein paar Meter weiter bitten, gibt der Fotograf zu bedenken. Als Motiv hat er einen nahe gelegenen Innenhof gewählt. Also einmal die Straße hoch und runter, Foto, fertig. „Lass uns eine Kleinigkeit essen“, sagt Groth, als wir zurück an unserem Tisch auf der Straßenterrasse angelangt sind.

Sylvester Groth: „Die Straße ist wie ein Dorf. Das ist schön“

Der 62-Jährige bestellt die Pasta Luardi. Aber bitte mit Spaghetti, nicht mit Orecchiette. Ohne Pilze und schön angebrannt. „Wie immer“, stellt der Servicemitarbeiter fest. „Im Umkreis von 200 Metern kennen wir uns hier alle. Die Straße ist wie ein Dorf. Das ist schön“, sagt Groth. Früher zog der Schauspieler häufig um, etwa zwanzigmal in 30 Jahren. „Ich müsste eigentlich mal wieder den Arsch hochkriegen“, sagt er. „Auf der anderen Seite, warum sollte ich umziehen? Ich habe eine sehr schöne Wohnung.“

Dachgeschoss, hinten raus, ruhig und mit einem rundum verglasten Atelierzimmer, schwärmt er. Seit Groth Mitte der 1970er-Jahre zum Studium nach Berlin kam, blieb er dem Westen immer treu. Nur ein Ausreißer nach Friedrichshain war dabei, aber damals lebte er eigentlich in London. „Ich genieße es, hier zu sein, weil ich so häufig unterwegs bin“, sagt er. „Was soll ich in Mitte?“ Die Berliner lieben ihren Kiez, da ist Sylvester Groth keine Ausnahme.

Sylvester Groth: Mit dem Namen musste ich dann leben

Geboren wurde Groth 1958 in Jerichow, einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt, als jüngstes von fünf Kindern. Deshalb auch der Name. Silvester – der letzte Tag im Jahr. „Mit dem Namen musste ich dann leben. Als Kind war das nicht so schön“, sagt er und lacht. Heute, als Künstler, verhalte sich das natürlich anders. Damals habe er sich bevorzugt bei seinem Zweitnamen nennen lassen, den er heute lieber nicht mehr verraten möchte. Der Vater starb, da war Groth gerade erst drei Jahre alt. Die Mutter, die aus Schlesien stammte und vorher nie gearbeitet hatte, war plötzlich auf sich allein gestellt. „Sie saß mit fünf Bälgern da. Sie hatte ein hartes Leben, da war wenig Spaß dabei“, sagt Groth im Rückblick. Sie habe dann von Baumwollspinnerin bis Verkäuferin alles gemacht, womit sich Geld verdienen ließ.

Durch Zufall kam Sylvester Groth zur Schauspielerei

Als die Mutter ein zweites Mal heiratete, zog die Familie nach Leipzig, wo Groth elfjährig mit Theater und Sprecherziehung in Berührung kam, ganz allein aus dem Grund, dass er Hochdeutsch sprach. „Ich bin durch Zufall zur Schauspielerei gekommen. Nicht, weil ich darauf brannte, mich mitzuteilen“, sagt er. In der Schule wurde Sylvester Groth angesprochen, ob er Teil eines Kindersprecherensembles werden wolle, geleitet von einer Theaterpädagogin. Bis heute sind Hörbücher ein wichtiger Teil seines Portfolios. Emile Zola, Karl May, Stieg Larsson und James Joyce hat er in den vergangenen 30 Jahren vertont. „Ich mag gute Texte und lese sie gerne vor“, sagt er.

Anfangs ging es vor allem darum, die Mutter finanziell zu unterstützen und dem Alltagstrott zu entkommen. Als am Schauspiel Leipzig hin und wieder Kinderdarsteller gesucht wurden, machte Groth über diesen Abzweig erstmals mit seiner heutigen Profession Bekanntschaft. „Dann merkte ich, ich kann das. Und dann habe ich das gemacht“, sagt er über seinen Weg zur Schauspielerei, als sei es keine große Sache. Seine Mutter allerdings habe der neuen Leidenschaft ihres Sohnes lange misstraut. Erst als sie ihn auf der Bühne erlebte und sah, wie der Saal tobte, habe sie zugeben müssen, dass das wohl der richtige Weg für ihren Jüngsten sei.

Sylvester Groth lernte zunächst Elektriker

Ohne eine vernünftige Ausbildung ließ sie ihn dann aber doch nicht davonkommen. Weil alle Männer in der Familie Handwerker waren, lernte Sylvester Groth nach der zehnten Klasse zunächst Elektriker. Er habe das als Luxus empfunden, weil er wusste, dass er nie in diesem Beruf arbeiten würde, sagt er. Stattdessen bewarb er sich anschließend auf der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin und wurde beim ersten Versuch genommen.

An die Aufnahmeprüfung erinnert sich Sylvester Groth genau, es war ein Freitag der 13. Monologe aus Max Frischs „Andorra“ und Sophokles’ „Antigone“ habe er für seinen Vortrag gewählt. Dazu ein Lied, ohne besondere Passion, aber weil das eben dazu gehörte. Berlin, das sei damals die Schauspielschule für die Kandidaten gewesen, „die irgendwie einen Knacks hatten. Also die interessanten“, sagt er. „In Leipzig waren die schönen Menschen“, dort habe er keine Chance gehabt.

Als Schauspieler hat Sylvester Groth in unbequemen Rollen sein Profil gefunden

Die Richtung, in die es für Groth in den kommenden Jahren gehen sollte, zeichnete sich also früh ab. Als Schauspieler hat er in kantigen, unbequemen Rollen sein Profil gefunden. Nazi, Stasi, Ermittler, trauriger Clown. Zwei Mal spielte er Joseph Goebbels. Einmal für Dani Levy, 2007 in der Parodie „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“, zwei Jahre später für Quentin Tarantino im Hollywoodfilm „Inglourious Basterds“. „Eine Rolle muss ein Mensch sein. Nicht nur ein Typ“, sagt Sylvester Groth. Alles andere interessiere ihn nicht. „Ich habe auf der Schauspielschule denken gelernt. Dann erreicht man automatisch ein gewisses Qualitätslevel.“

Während ihm heute der Film näher stehe, sei für ihn damals Theater das Maß aller Dinge gewesen. Unter Regisseuren wie Peter Zadek, Klaus-Michael Grüber und Robert Wilson stand er in den Folgejahren im gesamtdeutschen Raum auf der Bühne, spielte Don Carlos, Richard II. und Hamlet. Bei einem Gastspiel in Salzburg fiel 1985 dann auch die Entscheidung, die Sylvester Groths Leben fundamental prägen sollte: Er kehrte im Anschluss nicht in sein Heimatland, die DDR, zurück. „Ich wollte etwas von der Welt sehen, mich frei bewegen können“, sagt er. „Das war keine politische Entscheidung.“ Dass er den Schritt in die BRD wirklich wagen würde, habe er erst im allerletzten Moment gewusst. „Man fällt ja erst einmal ins Nichts. Kein Schwein kennt dich.“

Sylvester Groth erhielt Unterstützung von Kollegen aus dem Westen

Groth hatte Glück, er erhielt Unterstützung von Kollegen aus dem Westen, konnte nahtlos weiter drehen und Theater spielen. Seine Mutter kam ein halbes Jahr später nach. Dass es einen Haftbefehl gegen ihn gab, dass Kollegen und sogar Freunde für das Ministerium für Staatssicherheit spionierten, habe er zwar geahnt, aber mit Gewissheit erst später erfahren. „Mein Leben ist so gelaufen, wie ich das entschieden habe“, sagt er, während andere Kollegen sich bei der Wiedervereinigung auf die gegebenen Umstände einstellen mussten und teilweise daran scheiterten. Andere Erfahrungshorizonte trotz gleicher Nationalität – auch er habe die ersten Jahre das Gefühl gehabt, er müsse seinen Beruf und sogar die Sprache neu lernen. „Ich verstehe, dass Menschen sagen, früher war alles besser. Die Veränderungen war ja heftig. Solche Menschen muss es auch geben. Sonst hätte es den Staat erst gar nicht gegeben.“

Besondere Sympathien hegt Sylvester Groth deshalb für eine seiner jüngsten Rollen: Walter Schweppenstette, Generalmajor der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), Auslandsnachrichtendient der DDR, in der „Deutschland“-Serie von Amazon Prime. Ein Opportunist und Gewinner des Systems, der nicht davor zurückschreckt, seinen eigenen Sohn als Spion in lebensgefährliche Situationen zu bringen. „Schweppenstette ist ein Schwein. Aber ein armes Schwein. Ich verstehe, dass jemand so ist“, sagt Groth. Privat gehe bei ihm alles den Bach runter, im Beruf läuft es nicht und dann kommt auch noch die Wiedervereinigung.

Mit der dritten Staffel „Deutschland 89“, die seit dem 25. September verfügbar ist, endet die Serie nach fünf Jahren. Groth findet das bedauerlich, obwohl er sich an die negative Energie des Ortes, ein latentes Gefühl des Unwohlseins, bei den Dreharbeiten in der ehemaligen Stasi-Zentrale an der Normannenstraße in Lichtenberg nie gewöhnen konnte. „Es war lähmend, in diesen Räumen zu sein. Ich finde es nicht gut, dass das ein Museum ist. Das ist ein Unort.“ Viele Menschen, die dort heute Führungen machen, haben schon damals dort gearbeitet, glaubt Groth, und dem Unrechtsstaat so ein Denkmal geschaffen. Ein Ansatz, den er sich übrigens auch für ein Spin-off mit Schweppenstette gut vorstellen kann.

Sylvester Groth gab Kommissarenrolle im Magdeburger „Polizeiruf 110“ auf

Nationale Formate internationaler Streamingdienste seien für Schauspieler ein Segen, so Groth. Neben Amazon Prime ist er in „Dark“ und „Criminal: Deutschland“ auch bei Netflix vertreten. Das Verhältnis von Anspruch, Wertschätzung und Bezahlung sei dort eher gegeben als bei klassischen TV-Produktionen, wo häufig behäbig und unflexibel gearbeitet werde. Eine Kommissarenrolle im Magdeburger „Polizeiruf 110“ gab er auch deshalb 2015 nach nur fünf Filmen wieder auf. Mit den Büchern, der Entwicklung der Geschichte fühlte sich der Hauptdarsteller schnell nicht mehr wohl.

Warum man nicht einfach einen Krimi machen könne, ohne das Privatleben der Protagonisten in den Fokus zu rücken, fragt er sich bis heute. Im Fall von Kriminalhauptkommissar Jochen Drexler war es das erste schwule Outing eines Sonntagabendermittlers. „Erzählt doch einfach mal die Geschichte. Das reicht völlig aus. So lernt man den Menschen kennen, ohne dass man alles verbalisieren muss“, sagt Groth. Gleiches gilt übrigens auch für sein eigenes Privatleben. Das gehe niemanden etwas an. „Ich will nicht, dass die Kamera in meine Wohnung kommt“, sagt er.

Im Laufe der Jahrzehnte habe er sich eine Mitgestaltungsfreiheit bei seinen Rollen erkämpft. Anfangs habe er sich das aus Ehrfurcht vor dem Drehbuch nicht getraut. Heute wisse er, dass man alles verhandeln könne. Manchmal müsse man ihn bremsen, mit guten Argumenten könne er das akzeptieren. Weil aber mit den „Polizeiruf“-Autoren gar nicht zu reden gewesen sei, ging er. „Der Abschied war eine persönliche, fast körperliche Entscheidung“, sagt er heute. „Ich musste da raus, weil ich für diese Art von Produktionsstruktur nicht geschaffen bin.“

Eine Traumrolle könne er nicht benennen

Eine Rolle rege im Idealfall seine Fantasie an, gebe ihm Spielraum, sich selbst einzubringen und biete Anknüpfungspunkte an sein reales Erlenen, sagt Groth. Allgemein Menschliches, Verrat, Liebe, so etwas in der Art. Vollkommen Fremdes hingegen falle ihm schwer. Eine Traumrolle könne er nicht benennen, wohl aber seine prägendste, und das war direkt die erste: der deutsche Kriegsgefangene Mark Niebuhr 1983 in Frank Beyers DEFA-Film „Der Aufenthalt“. „Die Reduktion als Schauspieler fasziniert mich. Immer weniger machen und trotzdem ausdrucksstark bleiben. Das eine Rolle nur noch über Gesten und Blicke funktioniert.“ Das sei damals so gewesen, und solche Angebote wünsche er sich für die Zukunft. Rente jedenfalls sei in seinem Beruf keine Option, er spiele doch so gerne. „Was mache ich, wenn es irgendwann keine Rollen mehr gibt? Ich habe keine Ahnung. Elektriker kann ich jedenfalls nicht wieder werden.“

Als wir uns verabschieden, bleibt Sylvester Groth noch ein wenig sitzen. Nur kein Stress. Und sein Glas ist auch noch nicht leer. „Ich bin ganz faul. Ich drehe nie Sachen parallel. Ich muss immer zwischendurch Luft holen“, sagt er. So wie jetzt gerade. Für den Online-Sender Joyn hat er kürzlich eine Krimiserie abgedreht. Der Rest des Jahres werde sich schon ergeben. Für unsichere Zeiten habe er vorgesorgt, um nicht auf Brotjobs angewiesen zu sein. Dass sei ihm zu Beamtentum. Nur ganz langsam könnte mal wieder ein Angebot kommen. Aber vielleicht geht es ja doch noch weiter mit Schweppenstette.

Zur Person

Leben Sylvester Groth wurde am 31. März 1958 in Jerichow in Sachsen-Anhalt in der damaligen DDR geboren. Zur Familie gehörten zwei ältere Schwestern und zwei ältere Brüder. Nach dem Umzug nach Leipzig sammelte er erste Erfahrung als Schauspieler und Sprecher. Er studierte Schauspiel und Gesang an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. 1985 floh er über Salzburg aus der DDR und arbeitete anschließend in der BRD.

Karriere Bekannt wurde Groth 1983 durch den DEFA-Film „Der Aufenthalt“. Er stand unter anderem in den Münchner Kammerspielen, an der Berliner Schaubühne und der Volksbühne, den Salzburger Festspielen und dem Wiener Burgtheater auf der Bühne. Später konzentrierte er sich auf seine Filmkarriere, drehte TV-Filme wie „Das Wunder von Lengede“, „Contergan“ und „Unsere Mütter, unsere Väter“. Kinorollen spielte er in Filmen wie „Der Vorleser“, „Inglourious Basterds“ und „Hilde“. Von 2013 bis 2015 war er „Polizeiruf 110“-Kommissar in Magdeburg. Er wurde mit dem Heinrich-Greif-Preis, dem Adolf-Grimme-Preis, dem Deutschen Kritikerpreis und dem Preis der DEFA-Stiftung für herausragende Leistungen im deutschen Film ausgezeichnet.

Neueste Panorama Videos

Neueste Panorama Videos

Beschreibung anzeigen