Das Berliner Ensemble hat für die Spielzeit 2022/23 mit einer durchschnittlichen Gesamtauslastung von 93,7 Prozent und mehr als 200.000 Besucherinnen und Besuchern die erfolgreichste Saison seit über 20 Jahren gemeldet. Wie geht es nun weiter? Intendant Oliver Reese gibt Auskunft.
Herr Reese, haben Sie Berlins neuen Kultursenator schon kennengelernt?
Ja, Joe Chialo war kürzlich hier zu Gast. Ich hatte ihn eingeladen, ihm das Haus zu zeigen und sich die „Dreigroschenoper“ anzusehen. Er freute sich, dass ich nicht sofort über Geld sprechen wollte. Er kam dann eine Stunde vor Vorstellungsbeginn mit seiner Staatssekretärin Sarah Wedl-Wilson hier vorbei. Wir haben uns alles einmal angeschaut: das Neue Haus, den Werkraum, den neu sanierten Hof unseres BE-Quartiers – und einen Blick von der Bühne in unser herrlich historisches Haus geworfen. Wir sind gerade dabei, mit dem Gartenhaus noch einen weiteren Begegnungsort für unsere Workshop-Programme zu schaffen, damit die Einblicke-Abteilung einen eigenen Ort hat, auch das habe ich beiden gezeigt. Später haben wir dann auch über die wichtigen Themen gesprochen, die anstehen.
Zum Beispiel die Überführung des Berliner Ensembles in eine landeseigene GmbH.
Joe Chialo hat ein klares Bekenntnis dazu abgegeben, dass die landeseigene GmbH kommen soll.
Sie sind momentan der alleinige Gesellschafter der Berliner Ensemble GmbH mit einer Einlage von 50.000 Euro.
Plus ein paar hundert Euro Zinsen. Es ist mein privates Geld, das ich bezahlt habe, damit ich hier Intendant sein kann. Das ist schon sehr ungewöhnlich.
Allerdings. Wie kommt das eigentlich zustande?
Die Rechtsform der privaten GmbH kommt aus der Nachwendezeit. Man suchte nach Wegen, Berlins vielfältige Theaterlandschaft zu sichern. Am Berliner Ensemble führte das dazu, dass die Intendanten – damals waren es ja gleich vier! – als Gesellschafter einstiegen. Mir geht es nun darum, was für die Struktur dieses Theaters auf lange Sicht richtig ist, um die Zukunft des Hauses dauerhaft abzusichern.
Was ist denn der Vorteil einer landeseigenen GmbH?
Zunächst bedeutet sie für uns mehr Arbeit, mehr Bürokratie, mehr Abstimmungsbedarf. Für den Bestand eines Hauses in der Zukunft ist sie aber die richtige Wahl. Ich will kein Menetekel an die Wand malen, aber wir haben in Berlin auch schon Dinge wie die Schließung des Schiller Theaters erlebt. Von daher scheint es mir für den dauerhaften Bestand dieses Theaters einfach angemessen zu sein, dass ein Haus, das wesentlich mit Landesmitteln finanziert wird, auch landeseigen wird.
Es wird dann auch eine politische Kontrolle des Hauses geben.
Davon ist auszugehen, wenn der Plan das Abgeordnetenhaus passiert. Dann dürfte ein Aufsichtsrat eingesetzt werden. In Frankfurt habe ich acht Jahre lang sehr gut mit einem Aufsichtsrat zusammengearbeitet, Oper und Schauspiel dort sind eine städtische GmbH. Ein Aufsichtsrat hat ja nicht nur Aufsichtsfunktion, er kann durchaus politisch helfen. Man kann mit den Aufsichtsräten in den politischen Raum kommunizieren. Ich habe in den letzten Jahren viel Verständnis gefunden in der Politik und möchte, dass das auch in ferner Zukunft so bleibt. Dass wir das Neue Haus bauen konnten und die Mittel dafür bekommen haben, dass wir in so kurzer Zeit auch noch ein Probezentrum in Kreuzberg schaffen konnten, dass die Digitalisierung des Hauses vorangetrieben wurde und sich der Hof von einer rumpeligen Lagerstätte in einen schönen Ort verwandelt hat: Das sind große und nicht selbstverständliche Dinge.
Und jetzt muss nichts mehr gemacht werden?
Na ja. Wir müssen jetzt an die energetische Sanierung des Haupthauses ran, auch an die Stucksanierung. Die Fenster sind nicht energieeffizient, an der Belüftungsanlage muss noch einiges gemacht werden. Die Stühle sind saniert worden, aber der Boden noch nicht. Da gibt es schon noch Investitionsbedarf.
Wie viel Geld bekommt das Berliner Ensemble vom Land Berlin?
Bislang sind es etwa 18,9 Millionen Euro. Damit liegen wir allerdings mehrere Millionen unter der Schaubühne, noch mehr Millionen unter der Volksbühne. Vom Deutschen Theater trennen uns sogar elf Millionen.

Womit werden solche Differenzen begründet?
Meist mit den gewachsenen Strukturen – aber so richtig schlagend ist das nicht. Man muss sagen: Wir haben 2022 zwischen 24.000 und 70.000 Tickets mehr verkauft als die anderen großen Sprechtheater. Das Deutsche Theater etwa hat viel mehr Mitarbeiter, dafür haben wir keine eigenen Werkstätten, müssen also jedes Bühnenbild ankaufen. Da gibt es ein historisch gewachsenes Ungleichgewicht, auch wenn wir in den vergangenen Jahren aufgeholt haben. Unter meinem Vorgänger ist der Zuschuss jahrelang gleich geblieben. Wir haben eine „Aufholjagd“ gemacht, sind aber noch nicht am Ziel. Dennoch muss ich einfach mal festhalten, was wir leisten: Die jetzt zu Ende gehende Saison ist die beste seit über 20 Jahren. Der Kartenverkauf läuft sensationell. Wir haben rund 189.000 Tickets in Berlin verkauft. Das ist deutlich mehr als vor der Pandemie! Wir haben eine Platzauslastung von 93,7 Prozent. Plus die vielen Gastspiele, über 30 Touren, unter anderem nach Rom mit einem grandiosen Abend der „Dreigroschenoper“ mitten im antiken Zentrum der Stadt. Insgesamt haben wir in der aktuellen Spielzeit weit über 200.000 Menschen erreicht, das Digitale nicht mitgerechnet. Das ist für ein relativ kleines Theater eine gewaltige Zahl. Wir sind darüber hinaus in Berlin das Sprechtheater mit der höchsten Quote der eigenerwirtschafteten Erlöse von knapp sechs Millionen Euro und damit weit vor den anderen Häusern mit zum Teil deutlich mehr Personal und Ressourcen, wir arbeiten hier sehr effizient. Wir sind also eine gute Partie, allerdings: Es fehlen uns ganz klar einige wichtige Stellen!
Hatten Sie viele Schließtage zu verzeichnen?
Nein. Und wir bemühen uns, möglichst wenige Vorstellungsausfälle zu haben. Unsere Maxime war: Wir besetzen um, solange es irgend zu verantworten ist. Natürlich kann man Stefanie Reinsperger im „Theatermacher“ nicht ersetzen, das ist ihre Rolle. Aber heute retten wir mit auch künstlerisch überraschenden Ergebnissen ganze Vorstellungen.
Welche Produktion war denn am erfolgreichsten?
„Der Theatermacher“ gehört dazu. „Das Ereignis“ von Annie Ernaux auch, da blieb nie eine Karte übrig. Und die Dauerbrenner der vorigen Spielzeiten brennen weiterhin. Der „Gantenbein“ mit Matthias Brandt ist immer ausverkauft. Auch die „Dreigroschenoper“, da steht bald die 100. Vorstellung an. Lena Brasch und Sina Martens ist mit „It’s Britney Bitch“ ein richtiges Theaterwunder gelungen. Das sind Zugpferde, die auch dafür sorgen, dass andere Abende plötzlich ausverkauft sind.
Gibt es einen neuen Theaterhunger?
Nicht bundesweit. Aber in Berlin schon, nicht nur bei uns. Denken Sie an den schönen Abschied von Ulrich Khuon am Deutschen Theater, wo man gesehen hat, wie sehr der Kollege und sein Ensemble geschätzt werden. In Berlin ist auch entscheidend, dass wir keine Stadt sind, in der Abonnements eine große Rolle spielen, sondern der einzelne Kartenverkauf - wenn man einmal von den Opernhäusern absieht. Wer keine Abonnenten hat, hatte auch keine Kündigungen während der Pandemie zu verzeichnen.
Wird es Veränderungen am Haus geben?
Es gibt natürlich immer wieder Bewegungen – das ist auch gut so, dass sich ein Haus erneuert. Es kommen einige sehr gute, junge Schauspieler ans Haus. Max Gindorff, der am Burgtheater war und schon als Gastspieler bei uns BE-Luft geschnuppert hat. Amelie Willberg kommt auch, die schon in der Produktion „Berlau :: Königreich der Geister“ dabei war. Eine Kollegin von ihr von der Hochschule aus Essen hat bei uns vorgesprochen, da war sie nur die Anspielpartnerin. Ich habe dann gesagt: Von Ihnen möchte ich auch noch einmal was sehen. Ich habe sie dann gleich Bernhard Mikeska für die Berlau-Produktion vorgeschlagen. Max Diehle, der bereits in dieser Spielzeit von der UdK gekommen ist, wird mit dem „Woyzeck“ gleich eine richtig anspruchsvolle Hauptrolle bekommen. Und Kathleen Morgeneyer – für mich eine Heimkehr. Sie wechselt vom Deutschen Theater ans Berliner Ensemble, damit ist es das vierte Theater, an dem wir zusammenarbeiten. Außerdem kommt Gabriel Schneider, den ich in Bern entdeckt habe, fest ins Ensemble. Auch er ist beim „Woyzeck“ dabei.

Der „Woyzeck“ wird von Ersan Mondtag inszeniert.
Ich höre bislang nur Spannendes aus den Proben, erst am Mittwoch gab es eine erste Durchlaufprobe. Es wird eine Inszenierung, die nur mit Männern besetzt ist. Ersan Mondtag arbeitet dafür zum ersten Mal mit dem Singer-Songwriter Tristan Brusch zusammen, der hier im Oktober auch sein neues Album vorstellen wird.
Sie selbst arbeiten mit Katharine Mehrling zusammen. Der Abend heißt „Fremder als der Mond“.
Flapsig könnte man das ein „Brechtical“ nennen. Ich habe Katharine Mehrling in der Komischen Oper künstlerisch lieben gelernt. Wie sie im „Ball im Savoy“ jodelnd die Treppe herunterrutschte, das hat mich umgehauen. Ich habe sie auch in der „Bar jeder Vernunft“ mit ihrem Solo-Abend erlebt, was für eine Power! Und sie hat hier am Haus an einem Benefizabend für die Ukraine zusammen mit Barrie Kosky mitgewirkt. Katharine hat hinterher gesagt: „Mir wurde ganz flau, als ich auf der Bühne den Spirit des Berliner Ensembles gespürt habe. Ich würde wahnsinnig gerne mal hier spielen.“ Sie wird das zusammen mit Paul Herwig tun, wir haben auch den Pianisten Adam Benzwi mit an Bord geholt. Ich habe mein altes Suhrkamp-Bändchen mit sämtlichen Gedichten von Bertolt Brecht von vorne bis hinten durchgelesen und danach die autobiografische Prosa und die Arbeitsjournale obendrauf. Wir haben zusammen Motive aufgespürt, mit denen sich Brecht ein ganzes Leben lang beschäftigt hat: Krankheit und Tod, Naturphänomene, die Kontemplation im Gegensatz zum gesellschaftlichen Engagement -- da gibt es viele Themenfelder, die sich von der expressionistischen Lyrik bis ins Alter ziehen. Daraus ist ein musikalisch-literarischer Abend mit viel Musik, vor allem vom tollen Hanns Eisler, entstanden.
Es wird noch eine weitere Brecht-Produktion geben.
Max Lindemann ist ein junger Regisseur, den wir für uns entdeckt haben, der mit „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ und „Die Netzwelt“ schon bei uns inszeniert hat und sich nun mit „Mann ist Mann“ ein schlagkräftiges, frühes Stück von Brecht vorgenommen hat. Mir ist dabei wichtig, dass das die jungen Studierenden von der Busch-Schule machen. Die Zusammenarbeit mit dem Nachwuchs gehört für mich zur Seele des Berliner Ensembles, auch zum Beispiel im Rahmen des „Worx“-Programms für junge Regisseurinnen und Regisseure. Fritzi Wartenberg konnten wir übrigens dauerhaft ans Haus binden.
Worauf sind Sie besonders gespannt?
Auf vieles! Auf die Arbeit „Love Boulevard“ von Lies Pauwels, die einen Abend mit Schauspielerinnen und Sexworkerinnen inszeniert, die den Abend konzeptionell miterfinden. Auf das Theaterdebüt von Sibel Kekilli, die in Max Lindemanns zweiter Regiearbeit der Spielzeit, in „Fremd“ von Michel Friedman, ihr Bühnendebüt geben wird.



