Bühne

Sängerin Katharine Mehrling ist Berlins heimlicher Star

Manche nennen sie noch immer einen Geheimtipp. Dabei singt Katharine Mehrling alle an die Wand, ob in der Bar Jeder Vernunft oder in der Komischen Oper. Jetzt begeistert sie mit Piaf-Chansons.

Foto: DAVIDS/Darmer / DAVIDS

Es soll ja immer noch Menschen geben, die nicht wissen, wer Katharine Mehrling ist. Das geht eigentlich gar nicht. Denn die Sängerin ist Berlins heimlicher Star. Ein ewiger Geheimtipp, der immer weniger geheim wird, aber noch immer kurz vor dem ganz großen Durchbruch steht. Dem nämlich, das man ihren Namen memoriert.

Gehen wir mal durch, was sie jüngst so gemacht hat: Da war ihr Operettendebüt in der Komischen Oper mit der Jazzoperette „Ball im Savoy“. Das sollte eigentlich die große Bühne für Dagmar Manzel werden, die Mehrling war nur der zweite Besetzungscoup. Aber sie hat den ersten glattweg an die Wand gesungen – und doch die Größe gehabt, das so souverän zu verstecken, dass La Manzel von La Mehrling nicht brüskiert wurde.

Diese Frau ist ein Szenenklauer

Nach wie vor ist sie in „Ewig jung“ zu sehen, dem Dauerbrenner am Renaissance-Theater, wo ein paar Altersmusiker auch im Altenheim das Trällern nicht lassen können und Katharine Merhling wie viele andere brüllend komisch auf greisenhaft geschminkt wird. Und dann tourt sie auch noch mit „Funny Girl“ durch die Lande, eine Rolle, die vor ihr Barbra Streisand gespielt hat, noch so eine Überlebensgroße.

Im Schlossparktheater ist sie außerdem eine Allzweckwaffe für Dieter Hallervorden. Hier ist sie in „End of the Rainbow“ in die Rolle von Judy Garland geschlüpft. Das ist ein Griff nach den Sternen, den nicht jeder wagen sollte, den sie aber mit Bravour bestand. Und dann hat sie gleich noch eine andere Ikone vereinnahmt, Edith Piaf. Die Piaf-Hommagen in Steglitz waren stets ausverkauft. Und zum 50. Todestag der Chanson-Legende trat sie im Wintergarten neben ein paar jungen Chanteusen aus Frankreich, Annette Louisan und Altstar Hannah Schygulla auf. Und ließ wieder alle verblassen. Keine Frage: Diese Frau ist ein Szenenklauer.

Madame singt Milord

Jetzt ist sie drei Tage lang mit ihrem leicht variierten Piaf-Solo in der Bar Jeder Vernunft zu sehen: „Piaf au Bar“. Premiere war am Dienstag. All die Gassenhauer stehen da auf dem Programm: „Non, je ne regrette rien“, „Padam Padam“, „La vie en rose“. Und sie singt sie nicht nur, sie erfindet sie noch einmal neu, verjazzt sie hier, verbluest sie da. Die Mehrling ist mit ihren 1,57 Meter ganze zehn Zentimeter größer als die XXL-Ikone Edith, sie wirkt zierlich und zerbrechlich. Und ihre Stimme klingt immer, das ist ihr besonderes Timbre, ein wenig belegt, als sei sie erkältet. Aber dann beltet sie durch und schmettert los, dass einem Hören und Sehen vergeht. Wo nimmt das Mädel das nur her?

Und dann kommt unweigerlich, zum Ende des ersten Teils, „Milord“. Wir lieben die Piaf, keine Frage. Aber „Milord“ können wir wirklich nicht mehr hören. Kaum ein Café, das das Chanson nicht durchnudelt. Und keine Diseuse, die sich nicht schon an einer eigenen Interpretation versucht hätte. Eigentlich müsste es ein „Milord“-Verbot geben. Aber Madame Mehrling singt das nicht nur, nein, in bester Straßenschwalbenmanier bezirzt sie vorher einen Heiner aus dem Publikum, macht ihm wiederholt zweideutig eindeutige Angebote, dass er einem schon fast leid tun muss, und fordert ihn schließlich, Sie ahnen es schon, mitzusingen, was der nun wirklich nicht will. Die Mehrling aber wickelt nicht nur den armen Heiner um den Finger, sie animiert den ganzen Saal, in den berühmten Refrain „Lalala-la-lala“ einzufallen. Und erschreckt stellen wir am Ende fest, dass auch wir mitbrummen.

Loblied auf französischen Käse

Wie macht diese Dame das nur, das Publikum um den Finger zu wickeln? Und wie kann das sein, dass man all die Manzels, Louisans und Schygullas alt aussehen lässt – und trotzdem noch keinen Namen hat, der allen sattsam bekannt ist? Seit sie 1995 beim Bundeswettbewerg Gesang den zweiten Platz belegte, hat sie in so ziemlich jedem Musical mitgespielt. Und auf so ziemlich jeder Bühne in Berlin gestanden.

Sie war in der Bar Jeder Vernunft die Zweitbesetzung der Sally Bowles in „Cabaret“ und hat der Erstbesetzung Anna Loos irgendwann die Rolle ganz abgenommen. Sie durfte sogar im Tom-Cruise-Film „Valkyrie“ als Bardame singen, hat aber auch für einen Werbespot einen französischen Weichkäse besungen. Was sie auch ironisch im Piaf-Abend einbaut: Mit Käse aus Frankreich, da kennt sie sich aus.

Selbstironische Aufarbeitung

Im November wurde sie, für „End of the Rainbow“ und „Ball im Savoy“ mit dem Goldenen Vorhang 2013 ausgezeichnet, zum zweiten Mal haben die Mitglieder des Berliner Theaterclubs sie zur beliebtesten Schauspielerin ernannt (nach 2010 mit „Ewig jung“). Wieso aber hat sie den ganz großen Durchbruch immer noch nicht erreicht? Die Erklärung liefert sie praktischerweise auf ihrer CD „Am Rande der Nacht" gleich mit, in „Castrop-Rauxel“. In diesem selbst geschriebenen Song macht sie sich höchst selbstironisch über dieses Dilemma lustig: „Ich bin ein Star in Castorp-Rauxel / Mich kennt die ganze Welt / in Bielefeld / Meinen Namen kann man finden / Auf dem Walk of Fame in Minden / Und auch Detmold, Detmold, Detmold / Hat mich gewollt“, was schließlich in der Schlusserkenntnis gipfelt: „Ich bin ein Star, ja ich bin’s / In der deutschen Provinz.“

Womöglich steckt da mehr Wahrheit drin, als man denkt. Vielleicht ist sie in Detmold und Minden wirklich bekannter als in der eigenen Stadt. Es wird aber endlich Zeit, dass auch Berlin seinen Schatz erkennt. Und sich diesen Namen ein und für alle Mal merkt.

„Piaf au Bar“ ist noch einmal zu erleben in der Bar jeder Vernunft am 9. Januar 2014. „Ewig jung“ im Renaissance-Theater am 14. und 15. Februar 2014.