Theater

Lena Braschs „It’s Britney, Bitch!“ am Berliner Ensemble

| Lesedauer: 3 Minuten
Sina Martens interpretiert die Songs von Britney Spears als traurige Hymnen (Musik: Friederike Bernhardt).

Sina Martens interpretiert die Songs von Britney Spears als traurige Hymnen (Musik: Friederike Bernhardt).

Foto: jr / BErliner Ensemble

Was ist Britney Spears zugestoßen? Sina Martens reflektiert den Fall des Megastars in einem charismatischen Kraftakt.

Ob man jetzt mal kurz über Haare reden könne, fragt Sina Martens unter ihrer leuchtend blonden Britney-Spears-Perücke. Sie steht auf einer verspiegelten Minibühne mit Glitzervorhängen, und auch wenn sie sich zunächst ein paar Gedanken zu den Handtaschen von Gwen Stefanie macht und es im Publikum vergnügt zu glucksen beginnt, ist doch das das ernste Grundthema des Abends gleich gesetzt.

Im Februar 2007, wenige Monate nachdem sie nach zwei Jahren Ehe die Scheidung von ihrem Mann Kevin Federline eingereicht hatte, betrat Britney Spears, einer der größten Popstars der Neunziger- und Nullerjahre, einen Friseurladen auf dem Ventura Boulevard in San Fernando Valley und rasierte sich eigenhändig eine Glatze. Die Aktion beschäftigte weltweit nicht nur die Boulevardmedien, die ihre Paparazzi Britney Spears auf den Hals gehetzt hatten. „Spears war zuletzt“, hieß es etwa auf „Spiegel Online“, wegen exzessiver Partyauftritte und ihres schlampigen Auftretens kritisiert worden“.

Was für ein bestürzender Satz.

Britney Spears stand in einer Öffentlichkeit, die ihr Liebe und Verehrung entgegenbrachte, die ihr aber auch bis in Freizeitgestaltung und Kleiderwahl hinein ihre privaten Entscheidungen diktieren zu dürfen meinte. Dass solche „Kritik“ an männlichen Popstars wohl kaum geäußert würde und dass darin ein erhebliches sexistisches Problem steckt, ist eins der Themen dieses rasanten und klugen Abends. Der kahlrasierte Schädel wurde allgemein als Emblem eines Zusammenbruchs verstanden und meist in einem Atemzug mit Spears’ Aufenthalten in Rehabilitationszentren genannt.

Regisseurin Lena Brasch macht mit Sina Martens den Vorschlag, in ihm das Sinnbild eines Befreiungsschlages zu erkennen. „It’s Britney, Bitch“: Bei der titelgebenden Textzeile aus Spears’ „Gimme more“, veröffentlicht im September 2007, handelt es sich um eine ähnliche Geste radikaler Autonomie, worauf die Öffentlichkeit mit den erwartbaren Sanktionen antwortete: Als Spears mit dem Song bei den MTV Video Music Awards auftrat, würde flächendeckend vor allem über ihren angeblich schlecht sitzenden Bikini berichtet.

Disziplinarmaßnahmen gegen den Körper

Sina Martens verknüpft Reflexionen über solche Zurichtungsversuche des weiblichen Körpers mit hinreißend traurig interpretierten Songs, die ebenfalls eine Hauptrolle an diesem Abend spielen. Friederike Bernhardt (Musik) hat die Hits zu dunklen, traurigen Hymnen weiterentwickelt, die immer wieder Szenenapplaus provozieren.

Viel Elementares kommt zur Sprache und ruft dabei nebenher die Frage auf, warum der Fall Britney Spears auch hierzulande üblicherweise der Rubrik „Vermischtes“ zugeschlagen wird, wo er doch erntes Nachdenken verdient hätte. Die zynische Verwertungslogik eines Journalismus zum Beispiel, der sich keiner Grenzüberschreitung mehr schämt. Das übergriffige Konzept der „Jungfräulichkeit“, das auch an Britney Spears angelegt wurde und Frauen zur Handelsware mit Gebrauchsspuren degradiert. Das Verhältnis zwischen Vätern und Töchtern.

Sina Martens interpretiert die Texte von Laura Dabelstein, Miriam Davoudvandi, Fikri Anıl Altıntaş und Lena Brasch in einem charismatischen, furiosen Kraftakt – und schlägt irgendwann die ganze glitzernde Bühne mit einem Regenschirm kurz und klein. Großartig.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte. Kartentel.: 28 40 81 55. Nächste Vorstellungen: 13.1 und 15.1., 20.30 Uhr, 16.1, 14. u. 21. und 26.2., 20 Uhr, 27.2., 20.30 Uhr.