Tonnenweise Weltekel in nur zwei Silben: „Utzbach“. Stefanie Reinsperger zischt dieses Wort heraus, würgt kurz nach, schüttelt sich angewidert, ungläubig, tatsächlich in diesem Provinznest gelandet zu sein. Am Berliner Ensemble spielt Reinsperger die Titelfigur in Thomas Bernhards „Der Theatermacher“, inszeniert hat Intendant Oliver Reese. Am Donnerstag war Premiere, bei der am Schluss mit Standing Ovations vor allem eine sehr bejubelt wurde: Stefanie Reinsperger.

Dieser Theatermacher namens Bruscon, selbst ernannter „größter Schauspieler aller Zeiten“, ist ein größenwahnsinniger Egomane, der alles und alle seiner so genannten Kunst unterwirft. Die ist nicht so glorreich, wie er glaubt, jedenfalls strandet er mit seinem Stück „Das Rad der Geschichte“ im Tanzsaal von Utzbach. Einen rumpeligen Mehrzweckraum hat Hansjörg Hartung dafür auf die Bühne gestellt, darin stapeln sich schmuddelige Plastikstühle, es wehen Spinnweben und an einer Deckenlampe baumelt noch trostlos ein Rest Girlande. Eine Live-Band steuert aus dem Off gefällige Musik bei.

Die legendäre Frittatensuppe wird verspritzt

Hier also zieht Bruscon in seinen bedingungslosen Kampf um Anerkennung, schleudert seine Hasstiraden an die speckigen Wände, verspritzt mit großer Kelle Galle. Und die Frittatensuppe, die der Wirt auf sein Geheiß herbeiträgt. Wolfgang Michael spielt den Wirt als ungerührten, stoischen Schweiger. Deutlich tragischere Opfer sind die Theatermacher-Gattin Agathe (Christine Schönfeld) und ihre gemeinsamen Kinder Ferruccio (Adrian Grünewald) und Sarah (Dana Herfurth).

Über alle drei ergießen sich während der Stück-Proben kübelweise Vorwürfe der Unfähigkeit. Die Gattin meutert subtil mit markanten Hustenanfällen, die Tochter versteift grimassierend den Körper, und der Sohn versucht es mit Beflissenheit. Sie sind Randfiguren, die die Hybris des Theatermachers zwar fürs Publikum demontieren, sich selbst aber nicht daraus befreien können. So sind sie auch an diesem Abend vor allem als Trabanten unterwegs, die um Stefanie Reinsperger als Fixstern kreisen, als Reaktionsfiguren in ihrem ungeheuren Kraftfeld.

Theatger im Theater: Adrian Grünewald, Christine Schönfeld, Stefanie Reinsperger und Dana Herfurth (v.l.).
Theatger im Theater: Adrian Grünewald, Christine Schönfeld, Stefanie Reinsperger und Dana Herfurth (v.l.). © Berliner Ensemble | Matthias Horn

Ihr Bruscon im altmodischen braunen Anzug ist erschöpft und unangenehm überspannt zugleich, Reinsperger treibt ihn wellenartig in gut getimte Erregungskaskaden, dann wieder sackt er selbstmitleidig in sich zusammen, unverstanden, einsam, aber bei allem ungebremst destruktiv. Ein toxischer, frauenverachtender Theatertyrann: Frauen seien ein „Theaterhemmschuh“, irgendwie nötig, aber überflüssig auf der Bühne. Das sind natürlich die Momente, in denen sich eine schöne Reibung auftut, weil der, der das spricht, hier ja gerade von einer Frau gespielt wird. Und zwar so dermaßen gut, dass sie damit jede dieser Behauptungen Lügen straft.

Immer weiter, immer voran: Stefanie Reinsperger

Stefanie Reinsperger vor allem trägt diesen Abend, der ansonsten insgesamt eher solide daherkommt und die eine oder andere dramaturgische Straffung gut hätte vertragen können. Sie spielt darüber hinweg. Sie spielt wie Bruscon gegen alle Widrigkeiten immer weiter, immer voran, immer „all in“. Bei Bruscon treibt diese bedingungslose Spiel-Leidenschaft zerstörerische Blüten, bei Reinsperger passiert das Gegenteil. Und während auf der Bühne am Ende alles zusammenbricht, das Unwetter den Regen feucht durch die Decke treibt und Bruscon im Verlöschen des Bühnenlichts vor dem Wirt als einzigem verbliebenen Zuschauer trotzdem zum Spiel ansetzt, bricht unten im Publikum schon der Jubel aus. Für 130 Minuten intensives Verausgabungs-Spiel.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Kartentel.: 284 08 155. Nächste Termine: 31.10, 1.11. und 17.11.