Wie erzählt man von den Torturen der Häftlinge eines Konzentrationslagers, wie bringt man das auf die Bühne, wie geht man mit den historischen Leerstellen um und wie mit der Erfahrungskluft? Geht das überhaupt, ist das nicht vermessen und zum Scheitern verurteilt? Über die Darstellbarkeit des Holocausts wird seit vielen Jahrzehnten reflektiert, geschrieben, gedreht und inszeniert. In der Neuen Nationalgalerie ist neuerdings als Dauerleihgabe Gerhard Richters „Birkenau“-Zyklus zu sehen, der sich genau diesem Thema widmet, und nur ein paar Schritte weiter, in der Kirche St. Matthäus am Kulturforum, reagiert der Berliner Künstler Michael Müller darauf mit einer vollkommen eigenen Lesart.
Der Stoff wird umso dringlicher, als kaum noch Zeitzeugen am Leben sind und die Unmittelbarkeit der Erzählung vom Grauen verloren zu gehen dreht. Hier knüpft die starke Inszenierung „Der Bus nach Dachau“ an, eine Koproduktion des Schauspielhauses Bochum und des niederländischen Theaterkollektivs „De Warme Winkel“.
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In nur anderthalb Stunden kreist sie auf verschiedenen Zeitebenen um eine Geschichte, wie es sie nur am Ende des Zweiten Weltkrieges geben konnte: Nach dem 29. April 1945, als Dachau befreit wurde, holten die Herkunftsnationen den Großteil der politischen Häftlinge dort ab, nur die Niederländer blieben zurück. Sie charterten sich schließlich einen Bus, um auf eigene Faust in die Heimat zurückzukehren, wo sie nach langer Irrfahrt dann auch ankamen und zunächst für Wochen in Quarantäne gesteckt wurden. Der Vater von Ward Weemhoff von „De Warme Winkel“ wollte aus dieser Geschichte zu Beginn der 1990er-Jahre einen Film drehen, in dem die Häftlinge mit dem Bus eine Reise zur Gedenkstätte Dachau antreten sollten, aber das Projekt wurde nie realisiert. Weemhoff holt nun das Drehbuch aus der Schublade und versucht in unserer Gegenwart etwas daraus zu machen.
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Und daraus ist, in konzentrierten anderthalb Stunden, etwas wirklich Besonderes geworden. Eine riesige Holzkiste steht auf der Bühne, die gleichermaßen als Projektionsfläche wie als Black Box dient, in der das Ensemble das tägliche Leben in den Baracken nachstellt. In überraschender und doch einleuchtender Folge wird vom Heute ins Gestern geblendet und dann wieder aus der Jetztzeit erzählt. Bald fachsimpeln die Akteurinnen und Akteure über Steven Spielberg, der, als er 1992 „Schindlers Liste“ drehte, noch mit der Post-Production von „Jurassic Park“ beschäftigt war – während Stanley Kubrick zugleich das Projekt eines eigenen Films beendete, nachdem er von den Arbeiten an „Schindlers Liste“ hörte. Bald sehen wir auf die Außenwand übertragene Bilder aus der Holzkiste, in der die Häftlinge um ein bisschen mehr Suppe betteln müssen. Dann wiederum wird mit der Cartoonifizierungsfunktion von Snapchat experimentiert, von dort auf die Beziehung Ward Weemhoffs zu seinem Vater geblendet, die eine Liebe zu Franz Schubert und seinen Liedern verband.
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Man könnte die Szenenfolge mit dem schnellen Vorbeiwischen von Videoschnipseln in sozialen Medien vergleichen, ohne sie damit als willkürlich kritisieren zu wollen – denn um die Zukunft des Erzählens, um das Spiel mit seinen neuen Möglichkeiten geht es hier ja ganz zentral. Ihre Licht- und Schattenseiten werden dabei gleichermaßen sichtbar. Das ist neu, aufregend und faszinierend.



