Staatliche Museen

Das sind die Pläne der Neuen Nationalgalerie

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Pianist Luca Leracitano spielt kopfüber Beethovens „Ode an die Freude“.

Pianist Luca Leracitano spielt kopfüber Beethovens „Ode an die Freude“.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Services

In der oberen Halle des Hauses wird eine neue Musikperformance gezeigt. Das Team gab die Vorhaben für 2023 bekannt.

Der vierte Satz von Beethovens Neunter Sinfonie, gewöhnlich „Ode an die Freude“ genannt, wird hierzulande normalerweise als Hymne der Europäischen Union identifiziert. Aber in den inzwischen beinahe 100 Jahren ihrer Wirkungsgeschichte tauchten die mitreißenden Klänge mitsamt Schillers erhabenem Text auch in ganz anderen Zusammenhängen auf. 1942 spielte sie Wilhelm Furtwängler mit den Berliner Philharmonikern anlässlich von Adolf Hitlers Geburtstag. Die Machthaber im Apartheid-Regime von Rhodesien nutzten sie in den 1970er-Jahren als Nationalhymne. In der chilenischen Militärdiktatur demonstrieren Frauen mit der „Ode“ für die Freilassung politischer Gefangener. Und als sich 1989 chinesische Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens für Freiheit und Demokratie erhoben, erklang auch „Freude schöner Götterfunken“.

Ein großes Loch klafft mitten im Piano

Die Zeit hat dieses wunderbare Stück Musik zu einem vieldeutigen Gewebe aus Zeichen, Daten und Schicksalen gemacht. Es als solches zu erkennen und neu zu erleben, ermöglicht die Arbeit „Stop, Repair, Prepare: Variations on ,Ode to Joy’ for a Prepared Piano“, die das in Puero Rico beheimate Künstlerpaar Allora & Calzadilla entwickelt hat. Dafür ist ein Loch in die Mitte eines Bechstein-Klaviers aus dem frühen 20. Jahrhundert gemeißelt worden, in welchem die Interpretinnen und Interpreten den vierten Satz der Neunten Sinfonie stehend spielen können – auf dem Kopf gewissermaßen. Dabei bewegen sie sich in einer zuvor präzise festgelegten Choreographie durch die lichte Glashalle der Neuen Nationalgalerie, umkreisen die marmorverkleideten Versorgungsschächte in eleganten Kurven und fordern das Publikum heraus, sich nicht nur gedanklich, sondern auch körperlich dazu zu positionieren.

Fragen nach der Geschichte des Bechstein-Unternehmens entstehen ebenso wie nach dem städtisch-historischen Umfeld Berlin. Die Philharmonie ist hier, solange das Museum des 20. Jahrhunderts noch nicht steht, gut sichtbar und die Erinnerung an die Mauer, die hier verlief, noch präsent – und die Wilhelmstraße nicht allzu weit entfernt. Das ist das Kapital des Mies-van-der-Rohe-Tempels, der mit seinen großzügigen Glasflächen die Grenzen zwischen Innen und Außen verwischt. Die obere Halle stellte Kuratorinnen und Kuratoren seit der Eröffnung 1968 immer wieder vor große Herausforderungen. Die Arbeit von Allora & Calzadilla, die bis zum 30. Oktober achtmal täglich, jeweils zur vollen Stunde von 10 bis 18 Uhr bei freiem Eintritt präsentiert wird, bespielt die Fläche ideal – mit Musik, Bewegung, Tiefsinn und nicht ohne Humor.

Klaus Biesenbach, seit Jahresbeginn Direktor der Neuen Nationalgalerie und damit auch des im Bau befindlichen Museums des 20. Jahrhunderts, entschied sich für die Performance, nachdem Russland im Februar die Ukraine überfallen hatte und sich Fragen nach Identität und Werten Europas so dringend stellen wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Es ist nicht die erste Reaktion des Teams der Neuen Nationalgalerie darauf. Bereits im März öffnete das Haus für 36 Stunden nonstop, um unter dem Titel „Our Space to Help“ der Kunst eine Bühne zu bieten und Spenden für Geflüchtete einzusammeln. Danach war die ukrainische Künstlerin Maria Kulikovska am Kulturforum zu Gast, um auf den Stufen zur Terrasse der Neuen Nationalgalerie ihre Performance „254“ zu zeigen, bei der sie sich dreimal am Tag unter der ukrainischen Landesflagge verbarg.

Das Team der Neuen Nationalgalerie nutzte die Präsentation der Arbeit von Allora & Calzadilla am Donnerstag, um auf einige Schwerpunkte des Ausstellungsprogramms in den kommenden Monaten und Jahren hinzuweisen. Bereits bekannt war, dass die obere Halle vom 25. November an mit einer Einzelausstellung der italienischen Künstlerin Monica Bonvicini bespielt wird. „Mit ihrer Ausstellung ,I do You’ verändert Monica Bonvicini“, heißt es im Ankündigungstext, „Mies van der Rohes Architektur der Moderne durch einen radikalen feministischen Vandalismus, der für ihre Interventionen typisch ist“. Bleibende Schäden für den denkmalgeschützten Bau sind nicht zu befürchten, es handelt sich dem Vernehmen nach um eine große Spiegelfläche und Skulpturen sowie eine Empore in der Halle.

Eine Skulptur für die Skater am Kulturforum

Dass Frauen in der Sammlung der Nationalgalerie mit nur neun Prozent dramatisch unterrepräsentiert sind, will Biesenbach dringend ändern – ein angesichts des kleinen Ankaufsetats der Staatlichen Museen nur sehr langfristig lösbares Problem. Da trifft es sich gut, dass fünf Werke der ungarischen Abstraktionskünstlerin Judit Reigl (1923-2020) dem Haus kürzlich als Schenkung übergeben wurden. Ihr wird im Sommer kommenden Jahres eine Ausstellung gewidmet sein, bevor im Herbst die Fortsetzung der derzeit laufenden, sehr erfolgreichen Sammlungspräsentation „Die Kunst der Gesellschaft“ ins Haus steht, die sich mit den Jahren nach 1945 auseinandersetzen wird.

Der taiwanesische Künstler Tehching Hsieh, bekannt durch seine spektakulären Langzeit-Performances, wird ebenfalls an der Nationalgalerie zu Gast sein. Mit Spannung darf im Außenbereich auf die Arbeit der Koreanerin Koo Jeong A gewartet werden, die eine von der skatenden Community nutzbare Skulptur entwickelt. Die Skater waren bislang eher geduldete Gäste auf der Piazzetta. Klaus Biesenbach will sie willkommen heißen – schönes Signal eines Neuanfangs am Kulturforum.