Weltwirtschaftskrise, Kriege und die Teilung Berlins - die Klavierbaufirma Bechstein hat den größten Herausforderungen getrotzt. Mit der koreanischen Firma Samick will das Traditionsunternehmen mit Zweitsitz in Kreuzberg nun neue Märkte erobern.
Berlin - Ein Klavier ist ein Werkzeug. Es muss viel aushalten, wenn der Spieler in die Tasten haut. Deswegen steckt in jedem Klavier jede Menge handwerklicher Kunst. Klaviere und Flügel werden alt, haben viel erlebt und könnten viel erzählen. Das gilt auch für Klavierbauer. Zum Beispiel C. Bechstein Pianofortefabrik Aktiengesellschaft, Berlin. Vor 150 Jahren hat Carl Bechstein das Unternehmen gegründet. Der Berliner Hersteller hat viele Krisen durchlebt, doch seine Instrumente sind bis heute eine Spitzenmarke guten Klangs.
Dazu hat die handwerkliche und gleichzeitig industrielle Fertigung beigetragen, die auf den Gründer zurückgeht und mit dem Einsteig des koreanischen Klavierbauers Samick weiter gepflegt werden soll. Zu verdanken ist die Einheit von Sinfonie und Synergie der Weitsicht von Unternehmenschef und Klavierbaumeister Karl Schulze, der 1986 in schweren Zeiten mit seiner Familie Bechstein übernommen hat. Samick bringt den weltweiten Markt zu Bechstein ins Haus, Schulz bleibt Chef in Berlin und achtet weiter auf die Marke und ihre Klangqualität. Seine Firmenanteile hat er abgegeben und dafür Aktien von Samick erhalten.
"Mit den klassischen Musikinstrumenten verhält es sich wie mit großartigen Menschen. Es sind herausragende Persönlichkeiten und Charaktere, die uns nachhaltig überzeugen", heißt es in der Broschüre zum Firmenjubiläum. Auf die Instrumente aus Berlin haben viele Virtuosen gesetzt: Furtwängler, Backhaus, Gieseking, Kempff oder Bolet.
Carl Bechstein (1826-1900) hatte die Kunst des Klavierbauens in seinen Lehr- und Wanderjahren in Paris und London erworben. Sein Motto: Ein Spieler soll Virtuosität und Delikatesse gleichzeitig austoben können, das Instrument muss jedem Ansturm durch seine Robustheit gewachsen sein. So setzt das Unternehmen bis heute Maßstäbe in der Herstellung von Klavieren und Flügeln, die Marke ist schnell die Nummer eins auf der Welt. Bechstein erobert Kaiserhöfe wie Konservatorien, der Export floriert. Bald gründet der Klavierbauer Filialen in London, Paris und Sankt Petersburg. Vor allem aber beflügelt Bechstein die Hauptstadt Berlin. Selbst die Wirtschaftskrise nach dem ersten Weltkrieg kann der Prestige-Marke wenig anhaben. Ganz anders ist die Situation nach dem zweiten Weltkrieg. Helene Bechstein, eingeheiratete Mitinhaberin des Unternehmens, hatte sich mit den Nazis eingelassen. Im Rahmen der Entnazifizierung verliert die Familie die Kontrolle über das Unternehmen.
Anfang der 70er Jahre verlässt mit Edwin Bechstein das letzte im Betrieb tätige Familienmitglied das Unternehmen. Die amerikanische Baldwin-Gruppe ist Alleineigentümer, bis 1986 mit Karl Schulze eine neue Ära beginnt.
Sie verläuft zwar nicht ohne Misstöne. So muss beispielsweise der Berliner Senat mit dem Kauf und der teilweisen Rückvermietung des Bechstein-Hauses in Berlin-Kreuzberg aus der Not helfen. Doch die Weichen sind gestellt. Im letzen Jahr hat Bechstein trotz eines rückläufigen Marktes den Umsatz von rund 21 Mio. Euro gehalten. Die Zahl der verkauften Klaviere und Flügel liegt bei 3780 Stück, davon 2600 im Inland. Damit ist der Klavierbauer auf dem deutschen Markt gleich nach der japanischen Yamaha-Gruppe (3800) zweiter. Schimmel folgt abgeschlagen mit dem Verkauf von 1200 Klavieren auf den dritten Platz. Auch in Europa sieht sich Bechstein vorn auf dem Markt.
Schwieriger ist es allerdings auf den amerikanischen und asiatischen Märkten, wo die Musik spielt. So kommt China heute allein auf einen Jahresabsatz von 200 000 Instrumenten, Japan auf 150 000 und Korea auf 100 000.
Samick soll helfen, dass Bechstein dort in Zukunft mitspielen kann, vor allem mit den lukrativeren Flügeln. In zwei bis drei Jahren will Bechstein in Asien und Amerika 400 bis 500 Instrumente pro Jahr zusätzlich absetzen. Amerika ist wie Europa und besonders Deutschland mehr ein Flügel-Markt, auf dem Bechstein seine bekannte Stärke ausspielen will.
Klaviere gibt es in deutschen Haushalten zurzeit etwa zwei Millionen. Neue Instrumente abzusetzen, ist deshalb nicht leicht. Bechstein sieht sich mit knapp 20 Prozent Marktanteil und seinen innovativen Produkten auch nach 150 Jahren für die Zukunft gerüstet. Von rund 230 Beschäftigten arbeiten 200 im 1992 übernommen Werk Seifhennersdorf im sächsischen Dreiländereck mit Polen und Tschechen. In der Berliner Zentrale (22 Mitarbeiter) werden die Instrumente gestimmt und über Servicecenter in der Hauptstadt sowie in Hamburg, Düsseldorf, Köln, Frankfurt/Main und Tübingen bei Stuttgart verkauft.
Die beste Verkaufsförderung für einen Instrumentenbauer ist gute Musik. Daher fördert Bechstein Musikschulen, sponsert Wettbewerbe und junge Talente. Zum 150-jährigen Jubiläum veranstaltet der Klavierbauer sechs Konzerte, davon drei in Berlin. Das eigentliche Jubiläumskonzert findet am Sonnabend im Kammermusiksaal der Philharmonie statt.

