Seinen 100. Geburtstag hat Artur Brauner vergangenen Mittwoch, einem der heißesten Tage des Jahres, der auch deutlich Jüngeren zusetzt, ganz klein gefeiert. In seiner Villa in Grunewald, im engsten Kreis seiner Familie. Es gibt Kuchen, auf dem „Happy Birthday – 100 Jahre Artur Brauner“ steht. Und am Abend, das verrät seine Tochter Alice Brauner auf Facebook, haben „alle zusammen“ den Themenabend geschaut, den Arte dem Jubilar ausrichtet. Mit „Hitlerjunge Salomon“, einem seiner wichtigsten und meistdiskutierten Produktionen. Mit der Dokumentation „Der Unerschrockene“, den die Tochter mitproduziert hat. Und mit „Sie tötete aus Ekstase“, einem eher überflüssigen Titel seiner doch so stattlichen Filmografie.
Einst hat Artur Brauner als jüngster Produzent des Landes begonnen, lange schon ist er der Dienstälteste der Branche, der Methusalem des Kinos. Woran denkt so ein Mensch, der auf zehn Jahrzehnte zurückblicken kann? An seine große Zeit, als alle Stars in seinem Haus ein und aus gingen? An die 250 Filme, die er produzierte? An die Zeit, als seine Studios gebrummt haben? Oder blitzen da immer noch die Schatten und Traumata des Holocaust auf, die er erlitten hat? Denkt er an die späte Reputation, die er dann gerade mit Filmdramen über die Shoah und den Naziterror erhalten hat? Oder daran, wie sein Ruf als der letzte Filmtycoon darunter gelitten hat, als er in den 90er-Jahren auch ins Immobiliengeschäft einstieg und es viele Negativschlagzeilen gab über Schulden in zweistelliger Millionenhöhe, über Pfändungen, Zwangsversteigerungen und einen 20-jährigen Steuerkrieg?
Vielleicht schaut Artur Brauner aber auch gar nicht zurück. Sein Blick geht auch im hohen Alter eigentlich immer nach vorne. Noch immer stapeln sich Drehbücher in der Garage, die er sich zum Arbeitszimmer hat umbauen lassen. Noch immer arbeitet er, bis spät in die Nacht. Weil er anders nicht kann. Weil er in 100 Jahren nicht einmal Urlaub genommen haben will.
Freilich: Das Alter ging nicht spurlos an ihm vorbei. Als 2006 der Film „Der letzte Zug“ gedreht wird, geht, so erfährt man in dem TV-Porträt auf Arte, alles schief. Bis seine Tochter Alice kommt und den Film rettet. Der Vater, damals schon hoch in den Achtzigern, bittet sie, einzuspringen. Die Tochter will erst nicht. „Mit dir zu arbeiten, ist die Hölle“, gibt sie ihm klar zu verstehen. Aber dann springt sie doch ins kalte Wasser. Und leckt Blut. Die Metapher ist wohl gar nicht so schief: Das Film-Gen, es scheint der Familie im Blut zu liegen.
Es gibt bei Artur Brauner immer nur zwei Meinungen: seine
Leicht ist es nicht, eine Firma zu führen, wenn der Vater immer noch mitreden will und ihr nicht einmal eine gleichberechtigte Geschäftsführerschaft einräumen mag. Und, auch das wirft ihm die Tochter vor, es gebe bei ihm ja immer nur zwei Meinungen: seine. Und die falsche. Aber sie lässt sich nicht beirren. Auch nicht, als sie 2013 beschließt, die Studios in Haselhorst sanieren zu lassen. Der Vater rät ab. Verkaufen soll sie das Areal. Aber da ist die Tochter so stur wie der Vater. Es ist immerhin auch sein Vermächtnis, sein Erbe, das weitergeführt werden soll. Sie lässt die drei Hallen in warmem Terrakotta neu streichen und gibt ihnen, die über all die Zeit immer namenlos geblieben sind, Namen. Zwei nach Stars, die hier gearbeitet haben: Curd Jürgens und Romy Schneider, die größte aber nach ihrem Vater.
Erst vor zwei Jahren hat die Familie ein riesiges Ereignis gefeiert. 70 Jahre CCC, die längst die älteste unabhängige Filmproduktionsfirma in Deutschland ist. Wie bei der Eröffnung der Filmstudios ist ganz Berlin dabei und feiert. Aber man feiert nicht nur die große Geschichte, die hier aus allen Ritzen atmet. Es entstehen auch wieder Filme in Haselhorst. Titel wie die Hitler-Satire „Er ist wieder da“ oder das Schirach-Gerichtsdrama „Terror“, Mehrteiler und Serien wie „Ku’damm 56“ und die Netflix-Serie „Dark“. Und Alice Brauner vermietet die Studiohallen nicht nur, sie produziert auch selbst Filme, teils nach Ideen ihres Vaters. Wie „Wunderkinder“ oder „Auf das Leben“, Dramen, die sich bestens in das Portfolio des Vaters mit seinen Filmen über den Naziterror und die Judenverfolgung einpassen.
Sie reicht auch Krimis und Bestsellerverfilmungen ein, sagt Alice Brauner. Aber Filmförderung bekommt sie nur für solche Projekte: „Weil man uns in die Schublade jüdische Themen steckt.“ Oder noch krasser: „Die CCC sind die Holocaust-Experten.“ Ihr jüngstes Projekt „Crescendo“ handelt von einem palästinensisch-israelischen Jugendorchester. Die erste Klappe fällt am 30. Juli, nur zwei Tage vor dem großen Geburtstag, im fernen Tel Aviv. Zum 100. ist die Tochter natürlich rechtzeitig in Berlin. Dem Vater geht es je nach Tagesform. Interviews zum großen Runden mag er nicht mehr mündlich geben, besser schriftlich. „Es ist nicht der Kopf, es ist die Seele“, sagt die Tochter. „Genauer: der Tod meiner Mutter.“
Der lastet schwer auf der Familie. Auch das ist ein Grund, warum der 100. nur in kleinem Kreis gefeiert wird. Denn am 13. August 2017, kurz nach Brauners 99. Geburtstag, stirbt seine Frau Maria, mit der er über 70 Jahre verheiratet war. Ein Verlust, der Brauner nicht nur schwer trifft, sondern beinahe erzürnt. Weil sie vor ihm gegangen ist. Wo sie doch sonst alles im Leben gemeinsam gemacht haben.
Die Welt da draußen hat ihn nicht vergessen. Das zeigt die große Medienresonanz zum Geburtstag, das zeigen die vielen Wiederholungen seiner Filme. Und Kinobetreiber Hans-Joachim Flebbe macht ihm ein ganz besonderes Geschenk: Er richtet in seinem Zoo Palast am 8. September eine große Geburtstagsgala aus, zu der Stars wie Iris Berben und Klaus Maria Brandauer kommen und Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Mathias Döpfner Lobreden halten werden.
Die Produzentenallianz hat ihm schon am 1. August den Carl-Laemmle-Preis vermacht. Im Zoo Palast wird ihm die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft eine Ehrennadel verleihen. So ehrt ihn auch die Branche, auch wenn man meinen müsste, dass er diese Preise längst erhalten hätte. Aber es ist ja nie zu spät. Und noch einmal wird ganz Berlin dem großen Mann für all seine Verdienste huldigen.
Alle Teile der Serie zu Artur Brauner:



