Ab den 80er-Jahren leistet sich Artur Brauner einen Luxus. Er produziert nun weit weniger Filme, und die sind nicht mehr auf kommerziellen Erfolg ausgerichtet. Auch der Druck, seine Studios auszulasten, ist nicht mehr. Brauner konzentriert sich jetzt auf Filme, die sich mit den Traumata der jüngsten Vergangenheit befassen und die er selbst seine „jüdischen“ nennt.
Immer wieder erzählt er, wie er sich 1946 auf den Weg nach Deutschland machte und unterwegs auf einen Leichenberg von Juden stieß, die nicht mehr verscharrt worden waren. Obenauf lag der Leichnam eines etwa zwölfjährigen Jungen, dessen tote Augen ihn anstarrten und nicht mehr losließen. Er hat sich damals ein Gelübde auferlegt: Du darfst die Opfer des Nationalsozialismus niemals in Vergessenheit geraten lassen, du musst alles unternehmen, um ihnen ein Denkmal zu setzen.
Die eigenen Kinder spielen als Nazi-Opfer mit
Gleich mit seinem zweiten Film „Morituri“ hat er es 1948 umgesetzt: Ein beklemmendes Drama über KZ-Insassen, denen die Flucht gelingt und die sich, ähnlich wie Brauner und sein Bruder, im Wald verstecken. Als der Film damals vom Publikum boykottiert wurde, war das ein tiefer Schock für ihn. Aber die toten Augen, sie bleiben.
In den 60er-Jahren dreht er „Mensch und Bestie“ mit Götz George, in dem ein SS-Offizier seinen jungen, aus dem KZ geflohenen Bruder zu Tode hetzt. Oder „Aus der Hölle“ mit Irene Papas, der von den Qualen der zu spät begonnenen KZ-Prozesse erzählt. Brauners wichtigster Film nach „Morituri“ wird 1974 „Sie sind frei, Dr. Korczak“, in dem er jenem Arzt ein Denkmal setzt, der freiwillig jüdische Waisenkinder ins Vernichtungslager und damit in den Tod begleitet hat.
Als der Film gedreht wird, wollen Brauners Kinder Alice, damals acht Jahre, und Sammy, damals elf, unbedingt dabei sein. Der Vater hat ihnen das immer schon versprochen, aber gerade bei diesem Thema? Sie geben nicht nach. Als er dann am Set steht, mit seinen Kindern als Komparsen, zerreißt es ihm schier das Herz: „Alice und Sammy, auf dem Weg in ein Todeslager, sie hätten es sein können, es war nur eine Frage des Geburtsdatums ...“

1984 wird seine Nichte Sharon Brauner sogar die Hauptrolle spielen in „Zu Freiwild verdammt“, wo ein jüdisches Mädchen von den deutschen Besatzern durch ganz Polen gehetzt wird. Eine Geschichte, die auf Erfahrungen von Brauners Frau Maria beruht. Brauners jüdische Filme, sie fragen nicht nach den Ursachen, nicht nach den Tätern. Sie schauen auf die Opfer, nicht selten sind das Kinder und Jugendliche. Und sie stellen Fragen, wie die damals zwölfjährige Sharon Brauner in „Freiwild“: „Warum lässt Gott das zu?“
Wie „Morituri“ wollen die Deutschen auch diese Filme nicht sehen. „Zu Freiwild verdammt“ kommt gar nicht erst ins Kino und wird überhaupt nur durch das Fernsehen bekannt. Aber inzwischen geht es Brauner nicht mehr um „Konsumfilme“, er produziert am Markt vorbei. Geld macht er längst anderweitig, mit Immobilien. Hier erfüllt er sein Gelübde.
Beim Schindler-Film von Spielberg abgehängt
Er produziert Filme wie Andrzej Wajdas „Eine Liebe in Deutschland“ (1983), die verbotene Liebesgeschichte zwischen einer Deutschen und einem Polen, oder Agnieszka Hollands „Bittere Ernte“ (1985), in der ein polnischer Bauer eine Jüdin versteckt. Brauner beteiligt sich auch an Koproduktionen. Wie „Die Weiße Rose“, mit dem endlich doch ein Film über die Geschwister Scholl realisiert wird, nachdem ein eigenes Projekt von ihm in den 50er-Jahren kurz vor Drehbeginn gescheitert ist. Oder wie „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“ (1982), womit er Romy Schneider noch einmal nach Berlin holt. Dass dies der letzte Film des großen, unglücklichen Stars sein wird, kann keiner ahnen. Dass sie am Ende ihrer Kräfte ist, kann beim Dreh dagegen jeder sehen. Die Premiere des Films wird sie schon nicht mehr erleben.
Ein Projekt kann Brauner allerdings nicht realisieren: einen Film über den Deutschen Oskar Schindler, der mehr als tausend Juden vor dem sicheren Tod bewahrt hat. Die deutsche Filmförderungsanstalt verwehrt ihm die Unterstützung. Und dann kommt ihm Hollywood, kommt ihm Steven Spielberg zuvor.

Die großen Kinoerfolge werden in dieser Zeit von anderen produziert. Auch in den CCC-Studios. Etwa die „Otto“-Filme, die alle Rekorde brechen. Aber während Brauner früher, nach dem „Morituri“-Schock, auf ein ambitioniertes Projekt drei Unterhaltungsfilme folgen ließ, um die Verluste wettzumachen, geht es ihm nun nicht mehr um Gewinn. Er wird so etwas wie das filmische Gewissen der Nation. Und plötzlich erfährt Brauner, der stets als Angehöriger des „Schnulzenkartells“ und vom Jungen Deutschen Film als Feindbild angesehen wurde, eine späte Reputation. Bekommt er die Anerkennung, die ihm die Filmkritik so lange verwehrt hat. Und seine Filme erhalten zahlreiche Auszeichnungen.
Mit einer Ausnahme. Als er 1990 die wahre, aber unglaubliche Geschichte von Sally Perel verfilmt, ein Jude, der überlebte, weil er sich als Hitlerjunge ausgab. Der Film findet in den USA größere Beachtung als in Deutschland, wird dort 1992 sogar mit einem Golden Globe für den besten nicht-englischsprachigen Film ausgezeichnet. Aber das deutsche Auswahlkomitee schickt den Film gar nicht erst, schlimmer noch, schickt lieber gar keinen Film ins Rennen um den Auslands-Oscar. Brauner tobt. Die Deutschen, sagt er noch heute, haben ihn um seinen Oscar betrogen. Der zweite Oscar für einen deutschen Film nach „Die Blechtrommel“ geht erst 2003 an Caroline Links „Nirgendwo in Afrika“ – ein Holocaust-Drama.
Dafür wird Brauner Jahre später eine andere Auszeichnung zuteil, die ihm vielleicht noch wichtiger ist. 2009 werden seine Shoah-Filme, wird sein großes Kino wider das Vergessen, das 23 Filme umfasst, ständig in der Holocaust-Gedenkstätte von Yad Vashem in Jerusalem gezeigt. Im Jahr darauf wird dort für seine Filme sogar eine eigene Mediathek eingerichtet. Für Brauner die „Krönung meines Filmschaffens“.





