Stars, Glamour und einer immer mittenmang: Mit schon recht früh recht kahlem Kopf und Menjoubärtchen, sein Markenzeichen, darf Artur Brauner bei keinem gesellschaftlichen Ereignis fehlen. Er ist der Filmmogul der Stadt, er leitet das Hollywood von Haselhorst. In den 50er-Jahren, seiner Hochzeit, ist Artur Brauner der erfolgreichste unabhängige Filmproduzent nicht nur von Deutschland, sondern von Europa. Und seine CCC Studios sind die am meisten ausgelastete Produktionsstätte des westdeutschen Films.

In seinen Memoiren mit dem nicht eben uneitlen Titel „Mich gibt’s nur einmal“ erzählt Brauner lustvoll und anekdotenreich seinen Umgang mit den Stars, mit denen er auf Du und Du steht, unter deren Capricen er aber leidet. Etwa, wie er Maria Schell, das Seelchen der Nation, bekniet, in seinem Film „Die Ratten“ mitzuwirken, wie er 36-mal mit seinem alten klapprigen Auto von Berlin nach München fahren muss, immer durch die Zone, und sie sich doch immerzu sträubt, weil die Rolle nicht ihrem Image entspricht. Sie sagt dann doch zu, wird ihm später dankbar sein für den Triumph, der ihr damit beschieden ist. Und fordert künftig mehr Gage von ihm.

Brauner holt Emigranten nach Deutschland zurück

Brauner erzählt auch, wie Mario Adorf partout nicht in „Am Tag, als der Regen kam“ mitspielen wollte. Er forderte Brauner aber zum Armdrücken heraus. Der hielt wider Erwarten stand, und Adorf verlor. Brauner musste allerdings danach seinen rechten Arm eine Zeit lang in der Schlinge halten – und konnte erst mal keine Verträge mehr unterzeichnen. Brauner erzählt auch, wie er für „Menschen im Hotel“ zahlreiche Stars aus dem In- und Ausland gewinnt, aber nur, weil er allen verspricht, im Vorspann zuerst genannt zu werden. Am Ende trickst er sie alle aus, indem die Stars im Film in alphabetischer Reihenfolge aufgelistet werden.

Brauner (r.) mit Sonja Ziemann beim Dreh von „Meine Schwester“
Brauner (r.) mit Sonja Ziemann beim Dreh von „Meine Schwester“ © CCC Filmkunst | CCC Filmkunst

In seinen Studios lässt Brauner Unterhaltungskino von der Stange drehen, Schmonzetten, Musik- und „Tralala“-Filme. Titel wie „Liebe, Tanz und 1000 Schlager“, die schon alles beinhalten. Er dreht aber auch Anspruchsvolles und immer wieder „Großes“, Bühnen- und Romanadaptionen wie „Menschen im Hotel“ oder „Der brave Soldat Schwejk“, der auch international reüssiert und sogar einen Golden Globe gewinnt. Brauner bringt aber auch Emigranten, die vor Hitler geflohen sind, nach Deutschland zurück. Ikonen des frühen deutschen Films wie Robert Siodmak, Gottfried Reinhardt oder Fritz Lang, der für die CCC „Der Tiger von Eschnapur“ und „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse“ dreht. Brauner ist stolz, Lang-Filme haben sein Bild von Kino von Kindheit an geprägt. Aber Brauner tobt auch – weil Lang die Drehpläne heillos überzieht.

Wieder und wieder will Brauner auch jüngste Vergangenheit aufarbeiten: Schon 1953 mit einem ersten Filmprojekt über die Geschwister Scholl, was deren Schwester kurz vor Drehbeginn vereitelt. Dann 1955 mit einem wahren Wettstreit gegen die Münchner Ariston, wer zuerst einen Film über den 20. Juli ins Kino bringt. Brauner siegt – um zwei Tage. Manche höhnten schon vom „40. Juli“, andere fragen, ob dieses Wettrennen dem ernsten Thema angemessen ist.

Brauner mit Fritz Lang (r.) beim Dreh von „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse"
Brauner mit Fritz Lang (r.) beim Dreh von „Die 1000 Augen des Dr. Mabuse" © CCC Filmkunst | CCC Filmkunst

Die 50er-Jahre, sie sind die Hochzeit des deutschen Films. Aber dann kommt das Fernsehen, und das Publikum sitzt lieber zu Hause vor dem Bildschirm. Das große Kinosterben beginnt, die deutsche Filmindustrie bricht 1962 zusammen. Und wer überlebt, hat keine rechte Lösung. Weil die jungen, aufstrebenden Filmemacher „Opas Kino“ für tot erklären. Brauner ist damals erst 44 – und einer dieser Opas.

Er flüchtet sich in gewiefte, aber fragwürdige Coups. Ausgerechnet sein ehemaliger Produktionsleiter Horst Wendlandt hat sich mit Rialto Film selbstständig gemacht und produziert die zwei bis heute erfolgreichsten deutschen Kinoserien, die Karl-May- und die Edgar-Wallace-Filme. Brauner hängt sich an beide Serien dran, kauft die Rechte an den May-Romanen, die noch frei sind, die Orient-Bücher um Kara Ben Nemsi, und erfindet Western, die May nie geschrieben hat, wie „Old Shatterhand“. Und bei Wallace entdeckt er, dass dieser einen Sohn namens Bryan Edgar Wallace hat, der ebenfalls, wenn auch weniger glücklich, Krimis verfasst hat. Die verfilmt er im Stil der Rialto-Wallace-Filme.

Brauner 1966 am Set von “Die Nibelungen"
Brauner 1966 am Set von “Die Nibelungen" © CCC Filmkunst | CCC Filmkunst

Der großen Krise durchs Fernsehen begegnet er mit einer Doppelstrategie. Alles muss größer, bunter, exotischer sein, was der kleine TV-Kasten nicht bieten kann: Monumentalschinken wie „Dschingis Khan“, die Neuverfilmung der „Nibelungen“ oder „Kampf um Rom“, die Brauer im Ausland, in Billiglohnländern herstellen lässt, als Koproduktionen, um auch neue Absatzmärkte zu erobern. Seine eigenen Hallen vermietet er ausgerechnet an den Erzfeind, das Fernsehen. Denn auch das benötigt Sendematerial. Das 1961 neu gegründete ZDF macht zwei Jahre später schon die Hälfte des Studioumsatzes in Haselhorst aus.

Doch die Strategie geht nicht auf. Die Zeit der großen Epen ist längst vorbei, Brauner erleidet mit ihnen künstlerische und herbe finanzielle Niederlagen. Die Glanzzeiten des einst „modernsten europäischen Studios“ sind auch vorbei, die Technik ist teils veraltet und wird nicht erneuert. Nach der Eröffnung des neuen Flughafens Tegel kommt auch noch mangelnder Schallschutz hinzu.

Als das ZDF sich 1970 gegen Spandau als regelmäßige Produktionsstätte entscheidet, ist das vorläufige „Aus“ für die Studios. Brauner muss fast der gesamten Belegschaft kündigen. Das traurige Ende einer großen, glanzvollen Ära. Aber Brauner wäre nicht Brauner, wenn er aufgeben würde. Mit einer Hand voll Mitarbeiter macht er weiter und konzentriert sich nun nicht mehr auf kommerzielle Erfolge, sondern auf einzelne Prestigeobjekte. Da hat „Atze“ längst auch einen anderen Beinamen weg: der letzte Mohikaner.

Mehr zum Thema: