Eine Berliner Legende wird 100. Artur Brauner feiert am 1. August Geburtstag. Ein Mann, der viele Jahre lang einer der erfolgreichsten unabhängigen Filmproduzenten Europas war. Einer, der Berlin die Treue gehalten hat, als die Stadt geteilt war und die meisten in den Westen zogen. In den letzten Jahren hat sich Artur Brauner mehr und mehr aus dem Geschäft zurückgezogen. In den CCC-Ateliers in Haselhorst wird aber nach wie vor gedreht, nun unter der Leitung seiner Tochter Alice Brauner. Vor einem Jahr starb Maria Brauner, mit der Artur Brauner 70 Jahre lang verheiratet gewesen war. Ein Verlust, der die Familie schwer getroffen hat. Denn 100. Geburtstag will man deshalb nur im kleinen Kreise feiern. Dennoch hat uns der Jubilar vorab ein bisschen Zeit geschenkt.
Berliner Morgenpost: Herr Brauner, darf ich zunächst fragen, wie es Ihnen derzeit geht?
Artur Brauner: Danke der Nachfrage. Meinem Alter entsprechend. Es kommt sehr auf die Tagesform an.
Der 100. Geburtstag, eine dreistellige Zahl: Fühlt man sich da als Methusalem?
Na ja, der hat mir ja noch ein paar hundert Jahre voraus...
Wie werden Sie den Geburtstag begehen?
Meinen Geburtstag werde ich nur im Kreise meiner Familie feiern. Aber am 8. September wird mir zu Ehren eine Gala im Zoo Palast veranstaltet. Ich freue mich sehr, dort viele Freunde und Wegbegleiter wiederzusehen. In 100 Jahren trifft man auf viele interessante Menschen. Leider haben die meisten meiner Weggefährten nicht mehr das Glück, unter uns zu weilen.
Dürfen wir noch einmal zurückblicken? 1946 kamen Sie, ein polnischer Jude, nach Berlin. Sie wollten eigentlich nach Amerika, um dort Filme zu machen. Warum sind Sie hier geblieben, im Land der Täter?
In jungen Jahren haben meine Familie und ich die Gräueltaten der Nazis erlebt und dem Tod in die Augen geschaut. Das bleibt für immer unvergesslich und schrecklich Als ich nach dem Krieg auf den Heuwagen eines polnischen Bauern nach Berlin fuhr – von dort sollte ich mit der Familie nach Israel emigrieren –, wusste ich noch nicht, wo ich letzten Endes bleiben würde. Ich fuhr mit dem Bauern über Feldstraßen. Plötzlich wich der Kutscher aus, er wollte den Weg nicht benutzen, da sei etwas Schreckliches geschehen. Ich ging allein in den Wald. Und wurde dort mit toten Leibern konfrontiert, auf einem Haufen zusammengescharrt. Überbleibsel der SS, die es wohl nicht mehr geschafft hatte, ihre Opfer zu verscharren oder zu verbrennen. Besonders die offenen Augen eines etwa 12-jährigen Jungen haben meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen.
Und dieses Bild wurden Sie nicht mehr los?

Die offenen Augen dieses toten Jungen haben mich so in den Bann gezogen, dass ich mir ein Gelübde auferlegt habe: Du darfst die Opfer des Nationalsozialismus niemals in Vergessenheit geraten lassen, Du musst alles unternehmen, um ihnen ein Denkmal zu setzen. Diese Augen lassen mich bis heute nicht ruhen. Wegen ihnen habe ich bis heute 24 Filme um die Opfer des NS produziert.
Gleich Ihr zweiter Film „Morituri“ war einer davon. Eine Pionierleistung. Aber damit waren Sie eigentlich gleich ruiniert. Warum wollte das damals keiner sehen?
„Morituri“ ist 1948 abgelehnt und boykottiert worden. Und heutzutage würde die Masse ebenso reagieren, aber wahrscheinlich nicht so offensichtlich, eher im Stillen. Man schaut sich lieber einen Til-Schweiger-Film an oder andere leichte Kost, während ein Film um den Holocaust meist nur bis zu 60.000 Kinobesucher erreicht, wenn der Regisseur nicht gerade Polanski oder Spielberg ist. Die arbeiten natürlich mit ganz anderen Mitteln, auch finanziell.
Sie haben aber auch all die Unterhaltungsfilme gedreht. Und wurden damit zum Liebling der Nation. Die Berliner nannten Sie „Atze“. War das manchmal seltsam, von den Deutschen, die noch vor kurzem die Juden verfolgt hatten, so geliebt zu werden?
Ich weiß nicht, ob ich geliebt wurde. Das galt eher für meine Frau, die jeder geliebt hat! Den Namen „Atze“ hat mir Curd Jügens verpasst, die Berliner haben ihn liebenswert übernommen. Meine Filme trafen den Geschmack des Publikums, die Menschen wollten nach dem schrecklichen Krieg unterhalten werden, und ich hatte ein Gespür für die Bedürfnisse des Publikums.
Zu einer Zeit, als fast alle Filmproduzenten die geteilte Stadt verließen, machten Sie Haselhorst zum deutschen Hollywood. Warum sind Sie der Stadt treu geblieben?

Ja, in der Tat, wir bekamen den Namen „Haselwood“ oder „Klein Hollywood“. In den CCC Studios wurden über 700 Filme gedreht. Ich habe hier über 250 Filme gedreht. Habe hier meine geliebte Frau Maria geheiratet und eine Familie gegründet. Außerdem habe ich gemerkt, dass ich mit meinen Filmen, die den Opfern des Holocaust gewidmet sind, in Deutschland für Aufklärung sorgen, den Deutschen damit auch ein Stück weit den Spiegel vors Gesicht halten konnte. Das war mir neben den Unterhaltungsfilmen, mit denen ich ja schon früh sehr erfolgreich war, ein großes Anliegen.
Was waren in all den Jahren Ihre Lieblingsfilme?
Der wichtigste Film ist „Morituri“, da er, zwei Jahre nach Beendigung des Krieges, quasi der erste Film war, der das Thema der NS-Opfer behandelte. Der für mich perfekte Film ist der Film „Die Ratten“, der mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde. Ich liebe aber auch unseren „Braven Soldat Schwejk“ und natürlich den Golden-Globe-prämierten „Hitlerjunge Salomon“.
Wer waren Ihre Lieblingsstars? Und wie schwer war es, sie immer wieder überreden, gewinnen zu können?
„Die Spaziergängerin von Sans-Souci“ konnte ich nur mit Romy Schneider drehen. Ohne sie wäre der Film nicht produziert worden. Zu jener Zeit war es aber nicht leicht, sie von der Rolle zu überzeugen. Ihr ging es nicht gut, ihr Sohn war gerade tragisch verstorben, und sie sollte in dem Film die Mutter eines fast gleichaltrigen Jungen spielen. Es bedurfte sehr vieler Gespräche. Und der Überzeugungskraft meiner Frau!
Noch heute heißt eine Ihrer drei Studiohallen deshalb Atelier Romy-Schneider. Wer fällt Ihnen sonst spontan ein?
Für Maria Schell bin ich mit meinem klapprigen VW-Käfer 36 Mal von Berlin nach München – durch die Zone – gefahren, um sie davon zu überzeugen, in „Die Ratten“ mitzuspielen. Sie wollte und wollte nicht, hat aber dank meiner Hartnäckigkeit doch angenommen. Danach hat sie es mir sehr gedankt. Auch an O. W. Fischer und Curd Jürgens habe ich sehr gute Erinnerungen. Mit Curd Jürgens waren wir gut befreundet. Wenn er bei uns drehte, kam er manchmal um drei Uhr nachts zu uns nach Hause, ging an den Kühlschrank und holte sich was. Er hat mich nicht mal geweckt. Jürgens hat gesagt: „Ich weiß, ich bin kein großer Schauspieler wie O.W. Fischer, aber man liebt mich genauso, weil man mir vertraut und weil ich für Frauen ein ganz guter Typ bin. Im Gegensatz zu O. W. Fischer.“
Mit wem würden Sie nie wieder arbeiten?

Da fällt mir niemand ein. Ich kann Ihnen nur sagen, mit wem ich immer wieder arbeiten würde: Mit Agnieszka Holland, István Szabò. Und wenn er noch leben würde: Immer wieder mit Fritz Lang – wenn er sich an meine Budgetvorgaben halten würde...
Heute führt Ihre Tochter Alice Brauner die CCC weiter. Schauen Sie noch ab und an im Büro vorbei?
In den letzten Monaten eher sehr wenig. Meine Mitarbeiter kommen regelmäßig zu mir.
Fällt es Ihnen schwer, abzugeben?
Welchem Gründer, der sein Herzblut in sein Unternehmen gesteckt hat, würde das nicht schwerfallen?
Wann fühlten Sie sich im Leben am meisten missverstanden?
Ich kann mich da an keine Situation erinnern. Ich kann Ihnen aber sagen, wann ich mich am meisten gedemütigt fühlte. Das war 1990, als das deutsche Auswahlgremium „Hitlerjunge Salomon“ nicht zu den Oscars geschickt hat. Das verletzt mich bis heute, denn die Chance standen, nach dem Gewinn des Golden Globe, besonders hoch.
Sie waren lange einer der erfolgreichsten Filmproduzenten in Deutschland. Haben Sie einen Rat für die jüngeren Filmemacher heute? Oder ist die Filmindustrie inzwischen eine komplett andere Branche geworden?

Die Zeiten heute sind für unabhängige Produzenten bedeutend schwieriger geworden. Wir hatten zwar enorme Aufbauarbeit zu leisten, aber wir waren einige wenige Pioniere. Heute gibt es eine Vielzahl an Produzenten, die sich um den gleichen Kuchen streiten, der nicht unbedingt größer wird. Wenn man von dem Beruf nicht brennt, also leidenschaftlich und besessen davon ist wie ich oder meine Tochter, dann sollte man es sich nochmal gut überlegen.
Das Kino steckt in der Krise. Vor allem junge Leute gehen kaum noch ins Kino, sondern schauen sich Filme lieber im Netz an. Kann man das Publikum noch zurückgewinnen oder ist der Kampf schon verloren?
Das Kino wurde schon so oft tot gesagt. Der Kampf ist noch nicht verloren, aber das Kino als Ort muss sich neu erfinden.
Und was sagen Sie zu den rechtspopulistischen Strömungen, die dieser Tage so viel Aufwind erleben?
Ich kann der Jugend nur nahelegen, dass sie den Populisten weltweit nicht ins Netz geht und sich mit aller Kraft Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit entgegenstellt. Und zwar jetzt und nicht erst, wenn es zu spät ist.





