Serie

100 Jahre Artur Brauner: Die Gründung eines Imperiums

Teil 1: Ein jüdischer Produzent gründet im Land der Täter eine Firma – und baut sein Studio auf buchstäblich vergiftetem Areal.

Der Filmproduzent Artur „Atze“ Brauner, aufgenommen in seinem Wohnhaus, feiert am 1. August seinen 100. Geburtstag (Archiv)

Der Filmproduzent Artur „Atze“ Brauner, aufgenommen in seinem Wohnhaus, feiert am 1. August seinen 100. Geburtstag (Archiv)

Foto: Soeren Stache / dpa

Berlin. Es ist eine der wunderlichsten Aufbaugeschichten des an wunderlichen Geschichten wirklich nicht armen Wirtschaftswunderlandes. Im Sommer 1946 kommt ein Jude aus Polen, der beim Holocaust 49 Familienangehörige verloren hat, ausgerechnet nach Berlin, ins Land der Täter, um eine Traumfabrik zu gründen. Artur Brauner, damals 28 Jahre jung und der deutschen Sprache kaum mächtig, war eigentlich auf der Durchreise. Er wollte nach Hollywood, die Familie nach Israel. Aber dann blieb er. „Hier“, so die lapidare Begründung, „konnte es doch nur bergauf gehen.“

Nach dem zweiten Film fast schon wieder ruiniert

Mit einem Koffer voller Geld hat Brauner sein Imperium gegründet. Geld für einen Nerzmantel, den, wie Brauner immer wieder erzählt, seine Schwiegermutter für ihn verkauft hat. Dass er in Berlin seine Frau Maria kennen gelernt hat, ist durchaus auch ein Grund zu bleiben. Der Koffer allein ist aber wohl eher eine Legende, die einem Film entstammen könnte. Die Schwester seiner Frau, weiß „Der Spiegel“ 1957 in einer Titelstory zu berichten, ist mit Joseph Einstein verheiratet, einer Schwarzmarktgröße. Und der wird Co-Partner bei der Central Cinema Compagnie, kurz CCC, die am 16. September 1946 gegründet wird. Ein Jahr später steigt er allerdings aus der Firma, erst dann ist Brauner der alleinige Patriarch.

Was der damit jüngste Filmproduzent Deutschlands im Holocaust erlebt hat, hat er bis heute nicht mal seiner Familie erzählt. Auch in seiner Autobiographie „Mich gibt’s nur einmal“, die 1976 erschien, macht er nur wenige Andeutungen. Aber was geschehen ist und die Opfer des Nationalsozialismus, das soll nicht vergessen werden. Mit Filmen möchte Brauner Deutschland einen Spiegel vorhalten. Auch das ist ein Grund für seine Firmengründung.

Sein Start zeigt allerdings eine Doppelstrategie, die die ganze künftige Firmengeschichte bestimmen soll. Erst mal dreht er einen lapidaren Unterhaltungsfilm, „Herzkönig“. Das macht er nur, um sein Herzensprojekt realisieren zu können. „Morituri“, 1947 mit Unterstützung der sowjetischen Militärbehörden realisiert, ist der erste deutsche Film über NS-Opfer und erzählt von geflohenen KZ-Insassen, die sich, wie Brauner und sein Bruder selbst, im Wald verstecken. Ein beklemmendes, aufrührendes Drama, das Brauner als Appell für Völkerverständigung und Aussöhnung verstanden wissen will und bis heute als einen seiner wichtigsten Filme überhaupt bezeichnet. Aber fast ist er damit schon wieder ruiniert.

Die Deutschen wollen seinen Film nicht sehen

„Ein Film spricht zur Welt“, heißt es im Untertitel von „Morituri“. Aber die Welt, sie will nicht hören. Die Kritik lobt den Film, der wird auch aufs Filmfestival von Venedig eingeladen. Aber daheim weigern sich Kinobetreiber, ihn zu zeigen. Und wo er doch läuft, pfeifen und johlen die Zuschauer, verlassen den Saal und verlangen ihr Geld zurück. Für den Jungproduzenten ist das nicht nur ein finanzielles Fiasko, sondern ein Trauma, das ihn verbittert. Und ihm bis ins Alter in den Gliedern stecken wird. Er zieht daraus eine bittere Lehre. Die Deutschen wollen verdrängen, sie gehen ins Kino, um unterhalten zu werden. Und ausgerechnet Brauner, der Holocaust-Überlebende, wird ihnen Unterhaltungskost und „Tralala“-Filme servieren, mit denen sie vergessen können. Auch wenn er dann immer wieder mal mit kritischen Filmen provozieren wird.

Brauner bleibt in Berlin. Auch zur Zeit der Berlin-Blockade, als so viele andere in den Westen abwandern. Er baut seine Firma weiter aus. Aber weil es nicht genug Filmstudios gibt in Berlin und die Miete von Ateliers ein Fünftel der Herstellungskosten eines Films verschlingt, beschließt Brauner, selbst ein Studio zu gründen. Da er knapp kalkuliert, kauft er – für zehn Mark den Quadratmeter – ein 40.000 Quadratmeter großes Areal an der Verlängerten Dammstraße 16 in Haselhorst.

Eine ehemalige Pulverfabrik, die – und auch das ist eine dieser im Grunde unglaublichen Wirtschaftswundergeschichten – unter den Nazis eine Versuchsfabrik für chemische Kampfstoffe war, in der Giftgas getestet wurde. Das ganze Areal ist verseucht, auf dem Gelände türmen sich leckgeschlagene Chemikalienfässer. Filmschaffende werden hier zuweilen bei Dreharbeiten über Kopfschmerzen und Übelkeit klagen. Aber als wolle er hier eine Metapher erzwingen, baut Brauner auf diesem buchstäblich vergifteten Gelände eine Traumfabrik auf.

Ein Vorzeige-Berliner, den keiner übergehen kann

Am 18. Februar 1950 wird das Studio feierlich eröffnet, als zweites Atelier in West-Berlin nach Tempelhof. Ganz Berlin nimmt an der Einweihung teil. Dabei stechen 400 Kahlköpfe hervor, Glatzenträger, die sich für eine Komparsenrolle in der Komödie „Maharadscha wider Willen“ bewerben. Der Film ist die erste Produktion des Studios. Fortan wird Brauner hier nicht nur selbst produzieren, er überlässt die Ateliers auch Fremdfirmen, die freilich nicht nur die Hallen, sondern auch die Technik und Arbeiter dazu mieten müssen.

In den Aufbaujahren strömen die Menschen in Scharen in die Kinos. Deshalb sind die CCC-Studios gefragt, werden zur ersten Filmadresse in Berlin und bald um weitere Hallen erweitert, in Spitzenzeiten arbeiten über 500 Mann in Haselhorst. Brauner gibt in seinen Memoiren selbst zu, er habe etliche Durchschnittsware produziert, „kommerzielle Sachen eben, die man gemacht hat um des Kommerzes willen.“ Aber man möge „bedenken, dass ich einen Atelierbetrieb hatte mit sieben Hallen. Diese Hallen wollten gefüllt sein und meine Leute beschäftigt.“

In wenigen Jahren hat Brauner es geschafft, hat er sich in der Branche durchgesetzt, hat er ein Ein-Mann-Unternehmen aufgebaut. Dass er geblieben ist während der Blockade, das vergessen ihm die Berliner nicht. Die nennen ihn bald liebevoll „Atze“. Aber ist das nicht auch eine Versöhnungsgeste im Kleinen? Oder lobt sich die junge Bundesrepublik damit gar selbst, dass einer wie Brauner „schon wieder“ Karriere machen kann? Der spielt das Spiel mit, diktiert nun aber auch seine eigenen Regeln. Ein Vorzeige-Berliner, ein Star des Wirtschaftswunders, den keiner mehr übergehen kann.

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