Staffel 4

Umbruch: „Weissensee“ zeigt die DDR nach der Wende

| Lesedauer: 6 Minuten

Foto: ARD / c ARD/Frederic Batier

Die vierte Staffel der Erfolgsserie „Weissensee“ betritt einmal mehr Neuland – und erzählt erstmals vom Umbruch nach dem Mauerfall.

Berlin. „Die Vergangenheit“, sagt Florian Lukas einmal ahnungsvoll, „das ist noch nicht vorbei“. Der Satz könnte als Leitmotto stehen über der ganzen vierten Staffel von „Weissensee“, die ab Dienstag in der ARD ausgestrahlt wird. Staffel Drei über die Ostberliner Stasi-Familie Kupfer endete vor drei Jahren mit dem Mauerfall. Damit enden ja so gut wie alle Dramen, die in der DDR spielen. Als ob danach nur noch die D-Mark, die Wiedervereinigung und die blühenden Landschaften gekommen wären. Eine zweite Stunde-Null-Lüge, wie schon die erste, nach der Kriegskapitulation.

Staffel Vier beginnt im März 1990, als die Mauer schon gefallen, die DDR aber noch nicht ganz Geschichte war. Und sie zeigt schonungslos, wie die Arbeiter und Bauern, die doch für die friedliche Revolution auf die Straße gegangen sind, über den Tisch gezogen, wie ihre Betriebe platt gemacht werden, weil die großen Konzerne aus dem Westen die DDR-Bürger zwar als Konsumenten umwerben, nicht aber als Konkurrenten dulden. Während die Herren Volksunterdrücker von der Staatssicherheit ihre mausgrauen Mäntelchen wenden, sich als erste kaltherzig dem Klassenfeind, dem Kapitalismus andienern und dabei ganz selbstverständlich alte Repressionsmethoden anwenden.

Es sind unerhörte Geschichten. Unerhört, weil sie so infam sind, dass man sie nicht glauben mag. Unerhört, weil wir sie gar nicht verstanden und auch ein bisschen vergessen haben. Unerhört aber auch, weil sie tatsächlich bislang weder im Film noch im Fernsehen je so erzählt worden sind. Einmal mehr betritt „Weissensee“ damit Neuland und leistet Pionierarbeit. Als Regina Zieglers Produktion vor acht Jahren an den Start ging, war es die erste deutsche Serie, die horizontal erzählte. Und das lange, bevor Serienformate so populär wurden wie in der letzten Zeit. Nun ist es die erste Serie, die das schwarze Erinnerungsloch von 1990 mit kräftigen Bildern füllt.

Wie in jeder Staffel gibt es wieder eine neue, eigentlich unmögliche Liebe. Und diesmal ist sie wohl die größte dramaturgische Zumutung: Im Finale der letzten Staffel wurde Falk Kupfer (Jörg Hartmann), der skrupel- und gewissenloseste unter den Stasi-Erfüllungsgehilfen, von der Dissidentin Dunja Hausmann (Katrin Sass) niedergeschossen. Nun sitzt er im Rollstuhl, wird von einer Pflegerin (Jördis Triebel) betreut und bald nicht nur betreut. Bis sie ihm gesteht, dass sie fünf Jahre im Gefängnis saß, wegen Republikflucht. Und folglich die wahre Identität ihres neues Freundes nie herauskriegen darf.

Während der jüngere Bruder Martin (Florian Lukas) seinen Betrieb vor der Abwicklung bewahren will und Falks Ex-Gattin Vera (Anna Loos) erst beim Neuen Forum und dann bei der Treuhandanstalt Gutes bewirken will, kämpft Vater Hans (Uwe Kockisch), ein ehemaliger Stasi-Offizier, für die Öffnung aller Stasi-Akten. Wohingegen ausgerechnet Mutter Marlene (Ruth Reinecke), die bisher nur Hausmuttchen war, wenn auch stets eine 200-prozentige Sozialistin, jetzt aktiv mithilft, alte SED-Parteigelder zu waschen. Wende-Opfer, Wende-Hälse, wohin das Auge blickt. Und dann ist noch die nächste Generation: Martins Tochter, die dem Partyfieber und den Drogen der neuen Freiheit verfällt. Und Falks Sohn, der in den Bann von Neonazis gerät.

Es ist starker Tobak, der da in nur sechs 45-Minüter gepresst wird. Und dazu kommen noch teils inkompetente, teils korrupte Treuhand-Mitarbeiter und dubiose Wessis, die im Osten ihr schnelles Geld machen wollen. Wer diese Staffel gesehen hat, der wird nie wieder von „Jammer-Ossis“ reden. Das war ja schon immer ein Unwort, aber woher der Unmut, der Frust im Osten des Landes herkommt, der sich auch heute noch in erschütternden Wahlergebnissen niederschlägt, das lässt sich hier sehr anschaulich verfolgen.

Um auf dem Stand zu bleiben, hat die ARD kürzlich sämtliche „Weissensee“-Folgen wiederholt. Und erweitert die neue Staffel um eine Web-Serie und eine Begleitdoku, in der die Darsteller reflektieren, wie sie selbst die Wendezeit erlebt haben. Zwei Frauen fehlen dabei schmerzlich in der neuen Staffel. Vor der Kamera Katrin Sass, die nicht mehr hat mitspielen wollen, auch wenn keiner sagen kann (oder will), wieso. Ihre Figur wird denn auch höchst uncharmant aus der Serie getilgt, was aber zu Stasipraktiken irgendwie passt. Und hinter der Kamera Annette Hess, die die Idee zu der Serie hatte und die Drehbücher der ersten Staffeln geschrieben hat, mit „Ku’damm 56“ und „59“ aber anderweitig beschäftigt war.

Friedemann Fromm, Regisseur aller „Weissensee“-Folgen, hat deshalb die Skripts diesmal selbst verfasst. Dabei hat er es bei den Cliffhangern der einzelnen Folgen ein wenig weit getrieben, scheint auch sonst die Schreibfeder mit härterem Druck zu führen. Aber ihm gelingt das Kunststück, auch komplexe Wirtschaftszusammenhänge verständlich zu machen. Und Zeitgeschichte packend zu verarbeiten.

Von Anfang an war „Weissensee“ mit langem Atem über die DDR-Zeit hinaus konzipiert worden. Dafür ist Produzentin Regina Ziegler zuweilen belächelt worden. Die ARD hat auch nicht immer mitmachen wollen, auch wenn sie die Pionier-Idee inzwischen verstanden und verinnerlicht hat. Wird es nun noch eine fünfte Staffel geben, in der die Kupfers endgültig in der BRD ankommen? Eigentlich endet die Staffel mit einem Knaller, nach dem nichts mehr kommen kann. Aber das hat man ja nach Staffel Drei auch schon gedacht. Und es gibt noch genug Geschichten, die unbedingt erzählt werden müssen.

„Weissensee“ ARD, 8-10. Mai, 20.15 Uhr, je zwei Doppelfolgen.

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