Film

Daniel Brühl: „Ich will den Gang etwas ’runterschalten“

Daniel Brühl spielt einen Terroristen im Filmdrama „7 Tage in Entebbe“ – und erklärt, was das mit dem Terror von heute zu tun hat

Foto: Reto Klar

Daniel Brühl auf allen Kanälen. Seit kurzem ist seine erste Serie „The Alie­nist“ auf Netflix zu sehen, jetzt läuft auch das Terror-Drama „7 Tage in Entebbe“ über die Flugzeugentführung von 1976 im Kino, bei der er die Rolle des deutschen Terroristen Wilfried Böse spielt. Brühl hat sich zu einem echten Weltstar entwickelt, der wie selbstverständlich zwischen den USA und Deutschland pendelt. Auch wenn das ein wenig auf die Batterie geht. Gerade musste er in den Staaten für „The Alie­nist“ werben, jetzt in Berlin für „Entebbe“. Im Gespräch gibt der 39-Jährige zu, dass er etwas unter Jetlag leidet.

Sie haben seit Jahren in keinem deutschen Film mehr gespielt. Interessiert Sie das nicht mehr? Oder traut sich keiner mehr, Sie zu fragen?

Daniel Brühl: Es gab hin und wieder Anfragen, bei denen ich auch länger überlegt, mich letzten Endes aber doch dagegen entschieden habe. Das meiste, was aus Deutschland kommt, ist für mich nicht interessant. Aber so viel kommt auch gar nicht. Vielleicht haben die Leute einen hier schon vergessen. (lacht) Oder sie trauen sich wirklich nicht. Ich war aber durch die Serie auch ganz schön festgelegt.

Sie waren dafür Monate in den USA. Dabei wollten Sie doch für Ihr Kind ein wenig kürzertreten? Halten Sie das durch?

Ja, das hat ganz schön reingehauen. Ich möchte den Gang tatsächlich etwas ’runterschalten. Man will ja nicht zu viel verpassen mit dem Nachwuchs. Aber wie ich mich kenne, werde ich dann schon mit den Füßen scharren. Deshalb habe ich mich einer Produktionsfirma angeschlossen, Amusement Park Film, da gibt es schöne Aussichten auf Projekte, die ich als Produzent unterstützen kann. Da kann man ein bisschen besser steuern, von wo aus man das macht. Und ich habe wenigstens das Gefühl, von einer anderen Richtung her aktiv zu sein. Das wird jetzt immer mehr Thema, dass ich mir genau überlegen muss, wie viel Zeit ich weg bin. Das geht bei dem Kleinen jetzt schon mit dem Sprechen los. Als das erste Mal „Papa, Papa“ kam, war das schon ein großes Gefühl. Irgendwann wird aber auch die Frage kommen: „Papa, muss das jetzt sein?“ Da muss man sich auch erklären. Vieles ist dann nicht mehr so wichtig.

Sie sind jetzt als deutscher Terrorist in „7 Tage in Entebbe“ zu sehen. Über die Flugzeugentführung 1976 gibt es schon mehrere Filme. Wieso jetzt noch einen?

Es gibt auch berühmte deutsche Kollegen, die meine Figur schon verkörpert haben. Klaus Kinski und Horst Buchholz zum Beispiel. Den Film mit Buchholz fand ich aber schon sehr trashig, sehr schwarzweiß gezeichnet. Mich hat der Ansatz von José Padilha interessiert, das Ganze aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen, aus Sicht der Opfer, der Täter, der Befreier und der Politiker. Das wird irritieren, das wird auch polarisieren. Der Film wird es nicht einfach haben, das war mir schon gleich alles klar. Aber ich habe von jeher Interesse an Geschichte. Und es gibt eben nicht die eine Geschichtsschreibung, es gibt verschiedene Realitäten und Wahrheiten. Für den Dreh haben wir mit echten Beteiligten von damals gesprochen, auch da gingen die Meinungen diametral auseinander.

Wenn man den Terror von einst dreht, denkt man den Terror von heute mit?

Unbedingt. Das interessiert mich überhaupt an Geschichtsthemen: dass es einem auch in Erinnerung ruft, wo wir jetzt stehen. Der Terror von heute fußt ja darauf. Und es ist erschreckend, dass das ein dynamischer Prozess ist und das Monstrum sich weiter entwickelt. Ich möchte da nicht falsch verstanden werden, ich habe grundsätzlich kein Verständnis für jede Form von Terror oder Radikalität. Aber damals gab es noch bestimmte moralische Grundsätze. Dem sind auch viele Zivilisten zum Opfer gefallen, aber das noch Monströsere heutzutage, diese Wahllosigkeit, einfach in Menschenmassen zu rasen, hat eine neue Dimension erreicht. Das ist ja genau, was der Terrorismus will: Die Tatsache, dass es uns alle jederzeit treffen kann, macht mit uns allen etwas. Macht auch mit mir etwas.

Auch als Familienvater?

Natürlich, jetzt mit Nachwuchs umso mehr. Und das nicht nur im Hinblick auf Terror. Ich hatte wahnsinnig Glück, in ein Europa geboren zu sein, in der Demokratie gesichert schien. In der dann die Mauer fiel, in der Grenzen geöffnet wurden. Die EU schien mir ein unumstößliches Konstrukt. Ich dachte, egal, wo es sonst auf der Welt Konflikte gibt, wir zumindest haben aus unserer Geschichte gelernt. Das jetzt gefährdet zu sehen überall in Europa, und zwar massiv, das stimmt mich traurig und pessimistisch. Ich bin froh, dass mein Sohn noch nicht in der Lage ist, Fragen zu stellen. Da käme ich ganz schön in Erklärungsnot. Leute werden später hoffentlich ungläubig auf einen Donald Trump zurückblicken und andere Politiker, die derzeit unser Weltgeschehen lenken. Aber vielleicht wird es noch viel schlimmer. Man denkt immer, schlimmer könne es nicht werden, und dann kommt es doch immer noch dicker.

Wie haben Sie, als Sie „The Alienist“ in den USA gedreht haben, die Stimmungslage dort empfunden? Droht da wirklich die Spaltung einer Gesellschaft?

Ich bin ja hauptsächlich an den beiden Küsten und in den großen Städten New York und Los Angeles. Fast alle Menschen, mit denen ich zu tun habe, sind gegen Trump. Die sind völlig erschüttert und deprimiert. Und wünschen sich nichts sehnlicher, als dass das ganz schnell vorbeigeht. Ich bin als Weltbürger schon entsetzt darüber, was der mit unserer Welt anstellt. Aber wenn ich Amerikaner wäre, wäre ich am Boden zerstört. Ich will mir die USA durch Trump aber nicht madig machen lassen. Und es war mir immer sehr wichtig, mit Leuten dort zu sprechen, um die Rückbestätigung zu kriegen, dass viele diesen Menschen verachten. Aber ich war für „First Avenger: Civil War“ auch für längere Zeit in Atlanta, da spürst du schon den Südstaatengeruch, da ticken die Leute anders.