Er ist der einzige Gute in einer schrecklichen Familie: In der Serie „Weissensee“ spielt Florian Lukas Martin Kupfer, die einzig wirklich integre Figur einer Familie voller Stasi-Menschen. Seit Lukas mit Daniel Brühl in „Good Bye, Lenin!“ die alte DDR wiederaufgebaut hat, scheinen ihn die Leute auf DDR-Themen abgespeichert zu haben. Dabei dreht der in Ost-Berlin geborene Schauspieler sonst bewusst keine DDR-Filme. Bei „Weissensee“ ist er aber bei jeder Staffel mit dabei. Und auch stolz darauf, dass dies nicht nur die erste horizontal erzählte deutsche Serie ist, die aufkam, als Serienformate noch nicht so in waren, sondern dass die neue Staffel eine Zeit erzählt, die so bislang weder im Film noch im Fernsehen eine Rolle spielte.
Berliner Morgenpost: Sie haben uns neulich erst gesagt, Filme mit DDR-Thematik wollten Sie eigentlich nicht mehr machen. Da seien Sie mit „Weissensee“ genug involviert. Sehen Sie sich da zu sehr in einer Schublade?
Florian Lukas: Ich habe bisher in keinem DDR-Film mitgespielt. „Das schweigende Klassenzimmer“ jüngst war eine Ausnahme. Es geht dabei nicht um die Stoffe, sondern darum, dass meine Herkunft gern verwechselt wird mit dem, was ich in „Weissensee“ spiele. Ich war zu der Zeit, in der die Serie spielt, noch ein Kind, kenne 95 Prozent von dem, was ich da spiele, auch nur vom Hörensagen. Aber weil in meiner Geburtsurkunde Ostberlin steht, glauben die Leute, ich hätte Erich Honecker persönlich gekannt. (lacht) Glücklicherweise sind wir mit der vierten Staffel jetzt im Jahr 1990 angekommen. Ich bin ganz froh, in Zukunft nicht mehr so viel über die DDR sprechen zu müssen. Ich werde da seit Jahren immer wieder das Gleiche gefragt, ich drehe mich da ein bisschen im Kreis. Das ist jetzt langsam auch gut.
Die vierte Staffel handelt von der Zeit nach dem Mauerfall. Eine Phase, die bislang im Kino wie im Fernsehen nicht behandelt wurde. Und auch wenn man meinen könnte, damit sei die Geschichte doch auserzählt, zeigt die Staffel, dass das Gegenteil der Fall ist.

Das war schon ein Traum, als man mit der Serie angefangen hat. Weiterzugehen, auch über die Zeit der Mauer hinaus. Mit langem Anlauf bis in die 90er-Jahre zu kommen. Mir war allerdings nicht ganz klar, wie unterbelichtet diese Zeit ist. Nicht nur beim Film, sondern auch sonst in diesem Land. Wir haben ja noch ganz andere Probleme. Aber seit der Bundestagswahl ist es vielleicht umso dringlicher, auf diese jüngste Vergangenheit zu schauen, um zu verstehen, warum unser Land heute so tickt und woher dieser Frust bei vielen kommt. Viele denken, mit dem 3. Oktober 1990 kam die D-Mark, die Wiedervereinigung und alles war toll. Wir zeigen, dass da ganz viele Hoffnungen und ganze Industrien zerstört wurden. Ich weiß nicht, ob es Vergleichbares gibt im deutschen Fernsehen, wir sind da vielleicht die Ersten. Aber es müsste noch viel mehr über die 90er-Jahre erzählt werden.
Als Sie vor acht Jahren mit „Weissensee“ begannen, hätten Sie je gedacht, dass die Serie solcher Erfolg wird, dass es mehrere Staffeln gibt?
Als wir damit angefangen haben, waren Serien ja noch gar nicht so populär wie heute. Ich hatte zuerst auch Skrupel, weil alle von Stasi-Serie sprachen, ich wusste nicht, ob das nun auch noch sein musste. Aber dann war ich sofort gebannt. Und ich fand auch toll, wie weit da gleich gedacht wurde. Dass wir wirklich ein Stück Zeitgeschichte erzählen. Nur die ARD hat sich zwischendurch ein bisschen viel Zeit gelassen mit der Entscheidung, das fortzuführen. Ich bin auch ein bisschen stolz, dass wir da nicht nur auf einen Zug aufgesprungen sind, sondern wirklich Wegbereiter waren. Aber man muss in Deutschland Serie wahrscheinlich noch mal ganz anders denken, da reicht es nicht, alle drei Jahre sechs mal 45 Minuten zu zeigen.
Die Zeit aus den ersten Staffeln kannten Sie, wie Sie sagten, nur vom Hörensagen. War das bei der neuen Staffel jetzt anders? Sie waren 1990 17 Jahre alt.

Ich kenne dennoch die Welt der Erwachsenen nicht aus jener Zeit. Und die hat mich in dem Alter auch echt nicht interessiert. Für mich war das eine Aufbruchzeit. Ich habe in der Zeit angefangen, Theater zu spielen. Die Enttäuschung über den Sieg erst von Lothar de Maizière und dann von Helmut Kohl, die spürte ich auch, aber das habe ich relativ schnell überwunden, weil es für mich in meinem Alter plötzlich viele Möglichkeiten gab. Für mich begann mein Leben damals. Ich erkenne mich in der Staffel daher eher in den Jugendlichen wieder, nicht in der Generation, die ich spiele. Die Jugendlichen, die da auf der Straße tanzen, aber auch die Glatzen, vor denen ich viele Jahre echt Angst hatte.
Das Thema Neonazis spielt auch eine Rolle in der neuen Staffel. Sind Sie damals mit denen konfrontiert worden?
Ich habe auch in Marzahn Theater gespielt, da standen die an jeder Ecke, und es war nicht klar, ob man da nicht schwer verletzt nach Hause kam. Das erinnere ich sehr deutlich. Die Angst der Erwachsenen, sich umzustellen, alles zu verlieren, die Erfahrungen, die nichts mehr wert sind, die Orientierungslosigkeit, die Unsicherheit – das alles war mir dagegen mit 17 dagegen nicht klar. Ganz zu schweigen von dem ganzen Wirtschaftlichen mit der Treuhand, das habe ich damals nicht verstanden, das verstehe ich auch jetzt noch nicht wirklich.
Wenn man so eine Serie über so lange Zeit dreht, wächst man da wirklich wie eine Familie zusammen?
Ja, schon. Jörg Hartmann meldet sich mit „Bruderherz“. Und Ruth ist eben meine Mama. Es ist so eine Art von Heimat. Uns verbindet etwas. Die schöne Zeit am Set. Die Liebe der Zuschauer an diesem Projekt. Und auch, dass wir da was bewegt haben.
In der vierten Staffel fehlen zwei Frauen. Katrin Sass vor der Kamera, und Annette Hess, die Ideengeberin und Drehbuchautorin. Warum sind sie nicht mehr dabei. Und hatte das Auswirkungen auf die Staffel?

Ich weiß nicht, warum Katrin nicht mehr dabei ist. Das geht mich auch nichts an. Natürlich war ich traurig. Sowas bringt ein Gefüge erst mal durcheinander. Das ist ein Verlust, das schmerzt auch. Aber damit muss man umgehen und das Beste daraus machen. Und dass unser Regisseur Friedemann Fromm die Drehbücher diesmal selber geschrieben hat – ich finde, da merkt man keinen Unterschied. Er hat wahnsinnig recherchiert, hat sich lange mit der Währungsunion und diesen wirren Wirtschaftsfragen beschäftigt und bringt sie so rüber, dass man das auch halbwegs verstehen kann. Für mich war er immer der „Showrunner“ dieser Serie. Und ist das immer noch.
Wird es denn noch eine fünfte Staffel geben? Oder ist das nun wirklich der Abschluss von „Weissensee“?
Es gibt Leute, die sagen, es darf niemals aufhören. Aber wenn man die letzte Folge gesehen hat, dann ist jetzt vielleicht, ohne zu viel zu verraten, ein Punkt erreicht, wo es nicht mehr weiter geht. Aber vielleicht ja doch…
Sind Sie denn ein Serien-Gucker?
Manchmal ja. Mir fehlt oft die Zeit dazu, aber ich fahre viel Zug, da entdecke ich dann sowas. Und dann gucke ich das wie im Rausch, da entwickelte ich auch Abhängigkeiten. Ich wundere mich aber immer über die Geduld, dass die Zuschauer bei „Weissensee“ drei Jahre auf die nächste Staffel warten. Die müssen dann ja immer die alten noch mal schauen, um zu wissen, wie das gleich war. Das könnte ich nicht, ich kann da nicht warten.
„Weissensee“ ARD 8.-10. Mai, 20.15 Uhr, je zwei Doppelfolgen





