Volksbühne

Helmut Berger zeigt sein Gesicht

Helmut Berger und Ingrid Caven prägen die Uraufführung von „Liberté“ an der Volksbühne. Aber das Stück von Albert Serra ist belanglos.

Sein Gesicht zu zeigen, ist die Hauptaufgabe von Helmut Berger als dahinsiechender Lebemann im neuen Stück „Liberté“ an der Volksbühne

Sein Gesicht zu zeigen, ist die Hauptaufgabe von Helmut Berger als dahinsiechender Lebemann im neuen Stück „Liberté“ an der Volksbühne

Foto: Eventpress Hoensch

Berlin. Der Plot von Albert Serras Kostümschinken „Liberté“, der an der Volksbühne seine Uraufführung erlebte, schreit eigentlich nach einem vergnüglichen Versteckspiel. Die Handlung spielt im Jahr 1774, in dem König Louis XV. in Paris stirbt. Sein erzkonservativer Nachfolger entsorgt die Mätressen und Kurtisanen. Die Fassbinder-Schauspielerin und Chanteuse Ingrid Caven (79) spielt die vom französischen Hof verbannte, gealterte Duchesse de Valseley, die an einem malerischen See zwischen Potsdam und Berlin anstrandet und ein neues Aufgabenfeld sucht. Sie will die Libertinage, die sexuelle Ausschweifung, nach Preußen bringen. Wenn das nicht komisch ist.

Aber Serra wählt den entgegengesetzten Weg: Er verwandelt das Ganze in ein langatmiges, ja verzweifelt melancholisches Nachtstück. Zweieinhalb Stunden lang werden verschiedene Sänften über die Bühne getragen. Fürs Publikum sind die altertümlichen Tragsessel eine angenehme, zugleich die einzige Abwechslung in der verordneten Lethargie. Eine etwas heruntergekommene Sänfte in Sebastian Voglers Bühnenbild steht vorn rechts. Bereits nach sieben Minuten wird der Vorhang beiseitegezogen und ein Gesicht ist zu sehen. Das Gesichtzeigen gehört zu Helmut Bergers Hauptaufgabe in dieser Inszenierung. Das einstige Filmidol mit Dschungelcamp-Erfahrung spielt einen dahinsiechenden Lebemann. Der alte Casanova lässt grüßen. In „Liberté“ ist Berger (73) in der Rolle des deutschen Freidenkers und Verführers Duc de Walchen am Ende seines Lebens angekommen, er leidet an Syphilis, ihm wird das vermeintlich heilende Quecksilber in die Sänfte gebracht.

Für jeden angedeuteten Sex in der Sänfte ist man dankbar

Helmut Berger bleibt – selbst wenn er hinter den Vorhängen verborgen ist – irgendwie immer anwesend. Zu sagen hat er bei seinem späten Theaterdebüt nur wenig. Aber wenn er etwa über die Abgründe der Sexualität sinniert, dann bekommt es in seiner langsamen, konzentrierten Diktion überraschend viel Gewicht. Und das ist schon allerhand an diesem Abend. Der Text des katalanischen Regisseurs Albert Serra ist voller Geziertheit. Das Verrufene klingt etwa: „Der richtige Gebrauch der Peitsche entfacht zu guter Letzt die Lust, und mit jedem neuen Schlag wird sie noch größer.“ Passenderweise ist irgendwann eine Peitsche und ein nackter Popo im halbdunklen Hintergrund zu sehen. Das Stück ist insgesamt so voller Prüderie, dass man für jeden angedeuteten Sänften-Sex dankbar ist. Es geht den ganzen Abend um etwas, das eigentlich nicht stattfindet. Alle wollen und können nicht. Die Libertins aller Länder finden nicht zusammen.

Bereits vier Minuten nach Beginn ruft jemand aus den hinteren Reihen „Lauter!“. Derjenige hat nicht nur den Text, sondern zu dem Zeitpunkt das Stück noch nicht verstanden. „Liberté“ versteht sich als Flüsterstück. Alles, was es im Geheimen zu verhandeln gilt, bleibt mehr oder weniger hinter der Hand versteckt. Das leise Sprechen ist auf Dauer unerträglich. Es fühlt sich streckenweise an wie in einem buddhistischen Kloster unter murmelnden Mönchen. Man wird um den Text betrogen. Das Stück ist in der Volksbühne auf Englisch übertitelt. Man ertappt sich dabei, das Englische rückzuübersetzen, um zu begreifen, was auf der Bühne auf Deutsch gesagt wird. Zwischendurch wird obendrein auf Französisch und Italienisch verhandelt.

Jeanette Spassova bedient den alten Castorf-Sound

Jede Premiere und Uraufführung unter der neuen Volksbühnen-Intendanz von Chris Dercon steht unter besonderer Beobachtung, wird gezählt und gewogen. Die Ästhetik des Flüsterns ist schon ein Fingerzeig. Sein Vorgänger Frank Castorf stand mehr auf das Schreien. Wenn etwas in der Gesellschaft gesagt werden muss, dann in angemessener Lautstärke. Flüstern und Schreien – besser lässt sich der Wechsel an der Volksbühne kaum benennen. Chris Dercon muss sich schon fragen lassen, ob das Flüstern von Belanglosigkeiten wirklich dem Berliner Zeitgeist entspricht?

Bemerkenswerterweise bringt Jeanette Spassova als zwielichtige Äbtissin Kladnitssa etwas vom alten Castorf-Sound ein. Man versteht sie, was manchmal sogar komisch wirkt. In ihrer Nonnentracht steht sie zwischen den sexuell begehrten Novizinnen und der durchaus charismatischen Duchesse von Ingrid Caven. Anne Tismer verleiht der Gräfin Weinsbach, einer Libertinage-Anhängerin, fast tragische Züge. Günther Möbius als Herr Wand verhandelt unmissverständlich über die Möglichkeit, gesunde junge Frauen und Männer aus Polynesien zu importieren. Es geht im Stück beiläufig um Sex als Geschäft und Kolonialismus.

Der alte Walchen stirbt, und das Publikum ist erleichtert

Irgendwann verlässt Helmut Berger seine Sänfte und wird in die Bühnenmitte geführt oder besser getragen. Fast überraschend stirbt der alte Walchen. Erleichterung macht sich in den Zuschauerreihen – bei der Uraufführung sind nicht alle Plätze besetzt – breit. Es gibt spontan ein Buh, der Applaus fürs Ensemble ist wohlwollend. Einen Moment lang wirken die Schauspieler irritiert, ob Helmut Berger noch einmal auf der Bühne kommt. Aber er holt sich seinen Beifall ab.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg -Platz, Mitte. Tel. 2406 5777 Termine: 24. Februar; 4. und 22. März.