Er war ja nie weg. Wenn Adolf Hitler in Timur Vermes’ Bucherfolg „Er ist wieder da“ die Augen aufschlägt und sich aus unerfindlichen Gründen im Berlin der Jetzt-Zeit wiederfindet, dann ist das eine Ausnahme.

Und es hat seinen eigenen, satirischen Witz, in die Ich-Perspektive des sogenannten Führers gezwungen zu werden und, nachdem dieser sich über Zeitungen und das „Internetz“ schlau gemacht hat über die aktuellen Verhältnisse, seinen Kommentar auf die gegenwärtige Politik zu lesen.

Hitler und wie er die Welt sieht. Da wird dann schon mal Angela Merkel als „Matrone mit der Ausstrahlung einer Trauerweide“ gegeißelt oder Andrea Nahles als „biedere Masthenne“.

Illustre Galerie von Hitler-Darstellern

Wenn Vermes’ Hitler nun aber auch auf der Kinoleinwand aufwacht, in der Verfilmung von David Wnendt, die gestern Premiere im Zoo Palast hatte und morgen ins Kino kommt, dann ist das durchaus kein Einzelfall. Dann reiht sich Oliver Masucci, der eher am Theater beheimatet ist und in dieser Kino-Reizrolle, sagen wir, „unverbraucht“ ist, nur ein in eine ziemlich illustre Galerie von Hitler-Darstellern.

Angeführt vom großen Charles Chaplin, der ihn schon zu Lebzeiten veralberte, über Alec Guiness, Anthony Hopkins, Ian McKellen, Armin Mueller-Stahl, Bruno Ganz, Martin Wuttke bis hin zu Tom Schilling.

Der Film wurde von rechts überholt

Die gnadenlose Ich-Perspektive im Buch entfällt zwangsweise, Film spielt immer in der dritten Person. Da ist ein wieder erweckter Hitler also nur einer unter vielen. Und selbst den Affront, dass Hitler wieder im Wagen durch Berlin fährt und die Leute grüßt, hat es so schon real gegeben, 2007 bei den Dreharbeiten zu Dani Levys „Mein Führer“ mit Helge Schneider. Wer weiß, vielleicht hat das Timur Vermes damals sogar inspiriert zu seinem Weltbestseller.

Er war ja nie weg. Das stimmt aber auch im übertragenen Sinn. Das rechte Gedankengut, es schwelt bis heute, und hat mit der Alternative für Deutschland und der Pegida-Bewegung jüngst wieder neue Foren gefunden, um sich Gehör zu verschaffen. Die Dreharbeiten zu „Er ist wieder da“ wurden dabei von der Aktualität rechts überholt.

Den Führer noch mal auf das Volk loslassen

Das aber war der eigentliche Anreiz des Regisseurs David Wnendt: nicht nur den deutschen Bestseller der letzten Jahre zu adaptieren, sondern eine zweite Ebene einzubauen und Hitler auch ganz direkt noch einmal auf das deutsche Volk loszulassen.

Das Buch, seien wir ehrlich, bleibt in seiner Grundidee stecken, wirkt auf Dauer ennuierend und muss zwangsweise im Comedy-Fernsehen enden, als Propaganda, die keiner erkennt. Im Film wirkt das noch etwas unkomischer, da haben wir schon ganz andere Hitler-Parodien gesehen.

Recherche im „Internetz“: Oliver Masucci als Hitler und Franziska Wulf als seine Assistentin dpa /Constantin Film Verleih GmbH

Wnendt geht es aber um mehr: Schon in seinem grandiosen Debütdrama „Kriegerin“ hat er den Finger in die Wunde der Nation gelegt und die Ausmaße des Neonazismus, ein blinder Flick im deutschen Kino, offengelegt. Das tut er nun, mit den Mitteln der Satire, noch einmal.

Indem er die Spielfilmebene immer wieder unterbricht und in dokumentarischen Episoden seinen Hitler-Schauspieler in Nazi-Uniform durch die Republik fahren lässt und Kontakt mit einfachen Passanten aufnimmt.

Beklemmende Einblicke in deutsche Abgründe

Bei den abgefilmten Reaktionen kann einem mulmig werden. Wenn Hitler seine Uniform in eine türkische Wäscherei gibt und dabei auch die Hosen runterlässt, ist das vielleicht noch witzig. Oder wenn er sich mit einem stellvertretenden NPD-Vorsitzenden und einen Sprecher der AfD trifft und diese gnadenlos vorführt.

Wenn junge Menschen sich aber für Selfies neben ihn drängen und nicht nur das Victory-Zeichen machen, sondern wie selbstverständlich auch die rechte Hand ausstrecken, sagt das viel über unsere Nation.

Erst recht, wenn ältere Menschen unverhohlen Ewig-Gestriges von sich geben. Als wüssten sie nicht ganz genau, dass die Kamera läuft. Hätte ein Journalist sie befragt, hätten diese Passanten wohl nie so viel von ihrem Gedankengut preisgegeben. Ein falscher Hitler, ein schmales Bärtchen wirkt da aber offensichtlich enthemmend, wie ein Katalysator. Beklemmende Einblicke in deutsche Abgründe.

Zwei Hälften, die nicht zusammenkommen

Wnendts Film ist da am besten, wo er das Buch verlässt, wo er weit über die Vorlage hinaus greift. Dennoch hat der Film ein Problem: Er besteht aus zwei Hälften, die nicht wirklich zusammen passen und auch partout nicht zusammen kommen. Die dokumentarischen Szenen sind zwischen die Spielszenen geschnitten und unterbrechen die Handlung.

Oliver Masuccis Hitler ist in diesen Dokuszenen auch ein anderer als in den Spielszenen, manchmal scheint er sich selbst das Lachen nicht ganz verkneifen zu können. Diese Unterbrechungen aber wirken ein bisschen wie die Werbepausen im Fernsehen: Man verliert das Interesse und mag nicht mehr dranbleiben.

Hübsche Seitenhiebe auf die Medien

Doch so unausgegoren das Endprodukt daher kommt, ist David Wnendt etwas gelungen, was offensichtlich keinem der Produzenten und Buch-Verleger bewusst war: Er macht sich auch gnadenlos über die Vermarktung und mediale Weiterverwertung lustig. Die echten Jokos und Klaas’, die Plasbergs und die Youtuber dieser Republik reißen sich schier darum, in diesem Film als sie selbst aufzutreten und den wiederauferstandenen Hitler in ihre Formate zu holen.

Natürlich kommt dabei auch ein Buch heraus, wobei sich der Film sogar ein paar Gags über das Titelcover mit dem Titel als Bärtchen und dem Preis von 19,33 Euro, erlaubt. Und am Ende wird das Ganze natürlich auch noch verfilmt, als Film im Film. Da geht die Realsatire noch gehörig weiter als die Vorlage. Was alle Involvierten aber entweder nicht gemerkt haben. Oder aber, wie die Passanten auf der Straße, nicht weiter gestört hat.