Ein Mann sitzt allein in der Landschaft. Er genießt den Ausblick auf die Berge, die in rotes Licht getaucht sind. Er tut es, so oft er kann. Und er kann oft, er hat viel Zeit. Alles, was ihn von einem Rentner unterscheidet, ist, dass er viel zu jung ist. Und dass er in einem Raumanzug steckt.
Denn Mark Watney weilt nicht auf der Erde, sondern auf dem Mars. Er weilt dort ganz allein. Ein Robinson Crusoe auf einem fremden Planeten.
Da ist die Crew noch komplett: Doch gleich bricht die Hölle los. 20th Century Fox
Eigentlich ist der Biologe und Ingenieur in dem Film „Der Marsianer“ Teil einer Mars-Mission der NASA, dem dritten bemannten Flug auf den Planeten. Aber schon an Tag Sechs des Aufenthalts und etwa in Minute sechs des jüngsten Ridley-Scott-Films bricht die Hölle in Form eines Sandsturms los.
Die sechsköpfige Crew verlässt ihre Station und schafft es gerade noch in ihr Raumschiff. Mark Watney schafft es nicht. Er wird von einem davonfliegenden Antennenschirm mitgerissen. Die Kollegen halten ihn für tot und treten ohne ihn den Rückflug an.

Mark Watney aber ist nicht tot. Er findet sich ganz allein auf dem Planeten wider. Da die Mission auf längere Zeit angelegt war, gibt es erst mal reichlich Proviant. McGiver-artig weiß der Ingenieur auch alles, was er vorfindet, für seine Zwecke zu nutzen. Ja, er lernt sogar Kartoffeln anzupflanzen, mit Sprossen aus der Kühlkost. Und, nun ja, den eigenen Verrichtungen als Dünger. Mark Watney muss nur noch auf seine Retter warten. Die nächste Mars-Mission steht allerdings erst in vier Jahren an. Er muss also einen Weg finden, um Kontakt mit der Erde aufzunehmen, die ihn ja immer noch für tot hält.

Schon wieder ist Matt Damon allein im All: Gerde erst hat er in Christopher Nolans „Interstellar“ als zurückgebliebener Astronaut auch unlautere Mittel genutzt, um wieder zurückzukommen, dort allerdings nur in einer Nebenrolle. Jetzt, in Ridley Scotts „Der Marsianer“, hockt er abendfüllend verloren auf dem roten Planeten.
Damon im Tom-Hanks-Test? Hanks hat es in „Cast Away“ einst auf eine einsame Insel verschlagen. Von Will Smith kennen wir Ähnliches in „I Am Legend“ als letztem Überlebenden auf der Erde. Und Sandra Bullock hat es ihnen gleichgetan in „Gravity“, auch sie allein im All. Aber hier dreht sich nicht alles nur um Matt Damon, die zweieinhalb Stunden sind keine One-Man-Show.

„Der Marsianer“ sind vielmehr zwei Filme in einem: Hier der Astronaut, der ums Überleben kämpft, da die NASA, die tatsächlich Signale von ihm erhält und schließlich, da muss der amerikanische Zuschauer ganz tapfer sein, die Hilfe der Chinesen annimmt, um ihn zu retten.
Die Filmhälfte auf dem Mars ist auch keine dialogfreie Strecke wie bei Hanks & Bullock. Matt Damons McGiver-Astronaut nutzt die Bordtechnik für ein Videotagebuch, das er für potenzielle Finder (und für uns, die Kinozuschauer) führt. Und dies mit einer gehörigen Portion Selbstironie. Ein Logbuch des Überlebens.
Mit „Prometheus“ hat sich Altmeister Ridley Scott zuletzt auf seine Sci-Fi-Anfänge von „Alien“ und „Blade Runner“ besonnen, was nicht jeder für gelungen hielt. Mit der Bibelschmonzette „Exodus: Götter und Könige“ hat er selbst hartgesottene Fans enttäuscht.

Mit der Verfilmung von Andy Weirs Bestseller-Roman „Der Marsianer“ beweist der Kultfilmer, der demnächst 78 wird, aber eindringlich, dass er noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Dass er wie sein Crusoe auf dem Mars genau weiß, wie man aus alten Versatzstücken etwas Eigenes, Originelles bastelt.
Er dreht in 3D, aber einmal nicht, um in die Tiefe zu gehen, sondern im Gegenteil, um die Isolation, die Einsamkeit der Hauptfigur hervorzuheben. Und er garniert seine Science Fiction, auf die Idee muss man auch erst mal kommen, mit allerlei Disco-Musik aus den Siebzigern. Der spannendste, der unterhaltendste, der beste Scott seit Jahren!
Science Fiction USA 2015 141 min., von Ridley Scott, mit Matt Damon, Jessica Chastain, Kirsten Wiig, Michael Pena, Jeff Daniels, Kate Mara




