Mit seinem Abschlussfilm „Kriegerin“ hatte David Wnendt 2011 gleich seinen Durchbruch. Ein Nachwuchstalent, das ein Drama über Neonazis in Ostdeutschland drehte – ein Thema, an das sich nicht mal gestandene Regisseure der Branche getraut haben. Größer hätte der Kontrast nicht sein können, als Wnendt danach das Erfolgsskandalbuch „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche verfilmte. Mit seinem jüngsten Werk vereint er nun beides: „Er ist wieder da“ ist ebenfalls eine Bestsellerverfilmung nach Timur Vermes und handelt wieder von rechtem Gedankengut. So wird die Hitler-Satire zu einem Spiegelbild auch von „Kriegerin“. „Er ist wieder da“ feierte am 6. Oktober Berlin-Premiere im Zoo Palast. Wir haben den Regisseur vorab gesprochen.
Berliner Morgenpost: Sie haben nicht nur den Roman verfilmt, Sie haben auch noch etwas anderes versucht. Wie war das, Hitler unters gemeine Volk zu mischen?
David Wnendt: Das wär für mich überhaupt der Grund, das Buch zu verfilmen. Die Prämisse vom Buch ist ja, der echte Hitler wacht auf in der Welt von heute. Das haben wir versucht, wörtlich umzusetzen. Dadurch sollte der Film eine andere Relevanz bekommen. Damit man ihn nicht einfach abtun kann als rein fiktives Werk. Bei allen lustigen Szenen sollte der Film etwas über uns als Gesellschaft aussagen.
Eine Art versteckte Kamera, nur dass die Kamera eben nicht versteckt ist.
Ich musste erst mal die Produktionsfirma überzeugen, dass man einen Film auch so drehen kann. Wir haben das mit einem ganz kleinen Team gedreht, und zwei Kameras. Ohne Drehbuch-Zeilen. Die Kameras waren immer zu sehen. Die Leute haben sich trotzdem darauf eingelassen. Auch wenn das erschreckend war, wie überwiegend positiv sie sich darauf eingelassen haben. Wenn sie ein Journalist gefragt hätte, wären sie vermutlich reservierter gewesen. Aber wenn ein Hitler kommt, haben die sich doch ganz anders geöffnet.

Es ist teils schockierend, wie entlarvend das funktioniert. Fast rührend ist der Mann in der Nürnberger Fußgängerzone, der seine Wut darüber auslässt, dass man so was nicht machen darf.
Solche Reaktionen gab es leider kaum. Es ist nicht so, dass wir nur die schlimmen Reaktionen in den Film aufgenommen hätten. Es hat einfach so gut wie niemand protestiert.
Sie haben Ihren Hitler auch mit Neonazis sprechen lassen und auf eine Nazi-Demo geschickt. War das nicht auch gefährlich?
Man muss da hin gehen, wo es wehtut. Wir sind keine unvernünftigen Risiken eingegangen, aber so einen Film kann man auch nicht im schmerzfreien Raum drehen. Wir wollten uns nicht davor scheuen, mit echten Rechten in Kontakt zu kommen. Es ist aber nichts passiert. Man darf mögliche Gefahren aber auch nicht so aufblasen, dass man sich gar nichts mehr traut.
Am Ende Ihres Drehs begann die Pegida-Bewegung. Hatten Sie das Gefühl, Ihr Film wird immer aktueller?
Wir hatten diese Szenen im Sommer gedreht, und mit Pegida ging das richtig im November, Dezember los. Aber als wir unterwegs waren, haben wir schon so eine Stimmung gespürt. Es war einfach erschreckend, wie weit verbreitet rechtes Gedankengut war. Wo immer du hinkamst, immer hast du jemanden gefunden, der eine Wut im Bauch hatte und über Ausländer, Muslime, Politiker oder unsere Demokratie im allgemeinen herzog. Dass Pegida so einen Zulauf gefunden hat, war da nicht mehr erstaunlich. Pegida war dann nur ein neues Forum, wo man das artikulieren konnte.

„Er ist wieder da“ wirkt wie ein satirisches Gegenstück zu ihrem hochdramatischen Debütfilm „Kriegerin“ über die Neonazi-Szene. War das Absicht, das Thema noch mal auf diese Art anzugehen?
In Großstädten wie Berlin lebt man oft wie in einer Blase, wo man nicht immer mitbekommt, was da draußen alles passiert und gedacht wird. Als ich nach Berlin gezogen bin, bin ich oft durch Ostdeutschland gefahren, um das kennenzulernen. Und da war ich schon sehr betroffen, wie viele Jugendliche da offen rechts waren. Das wird da toleriert, das ist ganz normal. Das habe ich in anderen Filmen über die rechte Szene so nie gesehen. In der Regel sind die Filme voller Klischees, oder man macht sich lustig darüber, dass die Rechtsextremen alle so doof sind. Aber es gibt keine Filme, die richtig erfassen, was da los ist. Das habe ich mit „Kriegerin“ und mit den dokumentarischen Szenen jetzt auch wieder versucht. Mit dem Unterschied, dass rechtes Gedankengut nicht nur die Jugendlichen betrifft, sondern bis in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen ist.
Haben Sie von Anfang an auf einen unbekannten Hitler-Darsteller gesetzt, damit man eben nicht den Promi hinter dem Hitler-Bärtchen erkennt?
Es gibt ja auch bekannte Schauspieler, die sehr wandlungsfähig sind. Die Frage war, funktioniert diese Herangehensweise. Deshalb mussten die Schauspieler schon im Casting zeigen, ob sie sich das trauen. Eine Aufgabe im Casting war ein Telefonstreich: in der Deutschen Oper anrufen und ein Ticket für eine Wagner-Oper bestellen, aber eben mit Hitler-Stimme. Oder bei Tierzüchtern, die Schäferhunde verkaufen. Nur um zu schauen, ob das funktioniert. Da haben einige Schauspieler gemerkt, dass das nichts für sie ist. Gleichzeitig habe ich im Casting nach einem Darsteller gesucht, der eine gewisse Komik mitbringt, ohne dass er Hitler als reine Parodie darstellt.

Der erste Gedanke wäre natürlich Christoph Maria Herbst gewesen, der auch das Hörbuch von „Er ist wieder da“ eingesprochen hat. Und den Hatler im „Wixxer“ gespielt hat.
Er war Teil der Überlegungen und war auch im Casting. Ob das Dokumentarische mit ihm funktioniert hätte, hätte man aber erst noch ausprobieren müssen. Christoph Maria Herbst selbst hat dann mehr Interesse gezeigt an einer anderen Rolle. Was mich erst überrascht, dann aber überzeugt hat. Vielleicht wäre er, rückblickend, auch eine zu naheliegende Wahl gewesen.
Noch eine ganz andere Frage: Sie sollten als nächstes noch einen ganz anderen Bestseller verfilmen, Wolfgang Herrndorfs „Tschick“. Der ist nun bei Fatih Akin gelandet. Warum?
Das ist eine etwas traurige Geschichte. Es gab, wie man so schön sagt, kreative Differenzen mit den Produzenten. Ein zweites Problem war die Zeit. Die Vorbereitung von „Tschick“ erwies sich als durchaus kompliziert und die Postproduktion von „Er ist wieder da“ ging sehr lange. Ein Problem allein hätte man irgendwie in den Griff bekommen können. Aber diese beiden Aspekte zusammen haben mir das Genick gebrochen.




