Mein Berlin

Im Tierpark geht es einfach lässiger zu als im Berliner Zoo

Der Tierpark ist einer der schönsten Orte Berlins, findet Nina Paulsen. Wenn nur die Menschen nicht wären.

Nina Paulsen freut sich über den Frühling - zumal im Tierpark

Nina Paulsen freut sich über den Frühling - zumal im Tierpark

Foto: Reto Klar

Neulich waren wir mal wieder im Tierpark. Ich bin ja ein großer Fan von Friedrichsfelde, wo es immer ein bisschen legerer und gechillter zugeht als im Zoo in der City West. Wo sich weniger Touristen hin verirren. Und wo einem gleich hinter dem Eingang zottelige Rinder ihre demonstrative Langeweile präsentieren, als wären sie Hinterbänkler der CSU im Bundestag, die eigentlich nur darauf warten, dass endlich wieder Wochenende ist.

Ich finde das super. Diese Bodenständigkeit. Und die Weitläufigkeit des Geländes, die die Menschen in ihr dichtes Grün aufnimmt und sie verschluckt, sodass man immer irgendwie denkt, den ganzen Tierpark für sich allein zu haben. Man läuft und läuft, sieht ab und zu mal eine Ziege oder eine ulkige Ente – und nur ganz selten einen anderen Menschen. So ungefähr müssen sich die Menschen in Brandenburg fühlen.

Jetzt im Frühling kommen alle wieder aus ihren Löchern

Wobei man das im Frühling schon etwas relativieren muss. Jetzt, wo es draußen warm ist, kommen natürlich wieder sämtliche Freaks aus ihren Löchern, und davon auch welche in den Tierpark. Im Streichelgehege zum Beispiel begegnete ich einem ganz besonderem Exemplar: ein Mann mit dunklen, nach hinten gegelten Haaren, Sonnenbrille und einem bodenlangen Mantel, der aussah wie aus Kamelhaar gemacht. In seiner Hand hielt er eine Selfie-Stange, auf die er sein Handy geklippt hatte. Das Ding schob er dann die ganze Zeit den Schafen vor die Nase. Die fanden das natürlich nur so mittelwitzig und ich auch, weil man in diesem Streichelgehege ohnehin immer tierisch aufpassen muss, nicht von so einem Vieh umgerannt zu werden.

Einige der Schafe sind ganz schöne Kaventsmänner: groß wie ein Pferd und mit so viel Wolle, dass man eine mittlere Kleinstadt damit zudecken könnte. Wenn die losrennen, weil irgendjemand mit einer dieser Schachteln aus dem Futterautomaten geklappert hat, sollte man tunlichst aus dem Weg springen. Und den Tieren um Gottes Willen bloß kein Handy vor die Rübe halten wie der Typ mit seinem Kamelhaarmantel. Aber vielleicht ist das ja auch nur so ein Trend, von dem ich wieder mal nichts mitbekommen habe. Ein Selfie mit Schaf. Ein Schafie sozusagen. Ich werde bei Facebook mal danach Ausschau halten.

Wenn die Schlange nicht ins Kinderzimmer-Farbkonzept passt

Etwas später im Dickhäuterhaus bekam ich dann noch einen sonderbaren Dialog mit. Ein Mädchen durchwühlte im Souvenirshop eine Tonne mit Stofftieren und zog eine Plüschschlange hervor. „Och nö, Mafalda-Henriette“, rief sogleich die Mutter. „Die Schlange passt gar nicht ins Farbkonzept deines Kinderzimmers.“ Aha, dachte ich, ihr kommt bestimmt aus Prenzlauer Berg! Ich wünschte mir in diesem Moment, einer der Elefanten möge einen Eisbergsalat aus seinem Gehege in Richtung der Frau feuern. Zur Strafe.

Seit Gorilla Ivo im Zoo im Jahr 2014 Touristen mit einem Stein beworfen hat, sind die Tiere aber offenbar zurückhaltender geworden. Schade eigentlich. Das letzte Tier, das öffentlich von sich Reden machte, war eine Schildkröte, die Ende vergangener Woche am Hauptbahnhof vergessen wurde und einen Polizeieinsatz auslöste. Wobei man sich schon fragen muss, über wessen Zustand es mehr aussagt, wenn sogar eine Schildkröte die Beamten auf Trab hält: über den der Berliner Tierwelt oder doch über den der Polizei?

Und was ist das überhaupt für ein komisches Argument mit dem Farbkonzept? Die neuen Halteverbotsschilder bei uns in der Straße passen auch ganz schlecht zum Farbkonzept der Hausfassaden, vielleicht lässt das Ordnungsamt diesen Einwand ja gelten. Und die Augenringe, die ich morgens immer habe, passen auch ganz schlecht zum Farbkonzept meines Gesichts. Was sie allerdings nicht sonderlich interessiert.

Ganz hervorragend zum Farbkonzept Berlins passt ja aber übrigens der Frühling: Sonne, blauer Himmel, Wärme. Die komischen Leutchen, die jetzt ans Freie kommen, muss man da wohl oder übel ertragen. Vielleicht haben die Schafe im Tierpark ja einen guten Tipp parat, wie das am besten geht.

Mehr Kolumnen von Nina Paulsen:

OHV – Ohne Hirn und Verstand?

Wenn die Telekom wieder und wieder ihre Kunden versetzt

Im Urlaub mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Fahrt mit der U8: Unheimliche Begegnungen der dritten Art

In Berlin fahren nur Versager mit der U-Bahn

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.