Mein Berlin

In Berlin fahren nur Versager mit der U-Bahn

Das jedenfalls suggeriert die Werbung in den Waggons. Was ist mit unserem Recht auf Faulheit, fragt Kolumnistin Nina Paulsen.

Ist man als U-Bahnfahrer besonders empfänglich für aggressive Werbebotschaften? Gut möglich

Ist man als U-Bahnfahrer besonders empfänglich für aggressive Werbebotschaften? Gut möglich

Foto: Jörg Carstensen / picture alliance / Jörg Carstens

Berlin. Als ich neulich mit der U2 nach Hause fuhr, musste ich ausnahmsweise lachen. Das passiert ja nun nicht so oft, dass in der U-Bahn gelacht wird. Zumindest in der Linie U2. Die ist morgens und abends so etwas wie eine Malocherlinie und ich sage bewusst „so etwas wie“, weil echte Malocher ihren Kaffee in sympathischen Thermoskannen statt im Pappbecher transportieren und ab und zu sicher mal einen zotigen Witz reißen.

Die U2-Malocher tun das nicht, sie starren nur auf ihre Smartphones, die sie in ihren manikürten Fingern halten. Die U2 ist in dann ein ebenso spaßbefreiter Ort wie ein voller Bahnsteig, wenn der Zug nach 90 Minuten immer noch nicht kommt. Wer da lacht, kriegt schneller eine übergebraten, als er „Schienenersatzverkehr“ sagen kann.

In so einen Waggon stieg neulich jedenfalls am Potsdamer Platz eine Mutter mit ihrer etwa 12-jährigen Tochter ein. Links und rechts von mir war je ein Platz frei und beide setzten sich, Tochter links, Mutter rechts. „Kommen Sie, wir tauschen, dann können Sie bei ihrer Tochter sitzen“, sagte ich zu der Frau und stand auf. Doch die winkte ab: „Och nö, lassen Sie mal. Die da seh’ ich doch eh den ganzen Tag“, sagte sie und zeigte auf ihr Kind.

Plakate für seltsame klinische Studien

Ich bekam einen Schreck, aber nur einen ganz kleinen, denn die Mutter hatte das natürlich nicht ernst gemeint. Die Tochter fing auch zu lachen an und ich dachte: Was für ein cooles Kind! Die Fähigkeit zur Selbstironie ist dem Menschen ja nicht in die Wiege gelegt. Wer über sich selbst lachen kann, hat definitiv das lustigere Leben.

Solche Geschichten erlebe ich in der U-Bahn aber leider selten. An allen anderen Tagen ist es langweilig wie immer. Anders als die U2-Malocher kann ich mich auch nicht mit meinem Handy beschäftigen, weil ich in den Tunneln einfach nie Netz habe. Stattdessen lese ich. Ein Buch, wenn ich vorher daran gedacht habe, es einzupacken. Und wenn nicht: die Werbeplakate im Waggon.

Da tut sich mir aber immer ein unguter Verdacht auf: Kann es sein, dass wir U-Bahn-Fahrgäste insgesamt für einen Haufen orientierungsloser Versager gehalten werden?

Denn neben den seltsamen klinischen Studien, bei denen man natürlich völlig ungefährliche, nicht zugelassene Pillen testen soll, schreien alle anderen Plakate: Mach’ endlich was aus deinem sinnlosen Leben, du Waschlappen. Und zwar zackzack! Ausbildung mit Zukunft! Jetzt bewerben! Hier geht es zum Traumberuf! Werde Tanzpädagoge. Aromatherapeut. Shiatsu-Berater für Hauskatzen. Lerne Englisch! Polnisch! Deutsch! Bessere Dein Spanisch auf! Attraktives Einkommen! Die Zukunft wartet nicht – und auf Luschen wie dich schon gar nicht. Mach! Jetzt!

Keine unrealistische Erwartungen ans Bildungsniveau

Diese Plakate sind aggressiver als ein Pitbull nach drei Tagen Diät. Wobei es natürlich kein Zufall ist, dass solche Botschaften gerade in der U-Bahn aufs Volk losgelassen werden. Wenn man da so bräsig rumsitzt und mal wieder in eine Sinnkrise gerät, ist man wohl empfänglich dafür. Vielleicht wurden sogar Studien über das Seelenleben von U-Bahnmenschen durchgeführt, die ergeben haben, dass man sich nach jedweder Veränderung sehnt, sobald man den Waggon betreten hat – und sei sie noch so absurd.

Kein Wunder, dass dort deshalb auch oft für windige Privatkredite geworben wird. Jetzt schnell 10.000 Euro leihen und auf dem Kudamm verprassen statt in dieser U-Bahn zu verschimmeln – das wär’s doch!

Interessant ist ja, dass der Einsatz von U-Bahn-Werbung in London seit kurzem reglementiert ist. Dort sind Plakate verboten, die ein „unrealistisches Körperbild“ vermitteln, sprich: Halbnackte, sehr schlanke und sehr gut gebaute Frauen und Männer zeigen. „Niemand soll in der Bahn oder im Bus mit unrealistischen Erwartungen rund um den eigenen Körper unter Druck gesetzt werden“, findet Londons Bürgermeister.

Also, ich fände ja gut, wenn bei uns niemand mit unrealistischen Erwartungen an das eigene Bildungsniveau unter Druck gesetzt wird. Wenn die Londoner ein Recht auf Hüftspeck haben, sollte man in Berlin ein Recht auf Faulheit haben. Hängt lieber Plakate mit Witzen auf. In der U2 könnten wir die dringend gebrauchen!

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