Mein Berlin

OHV – Ohne Hirn und Verstand?

Auf Berlins Straßen sind viele unfähige Autofahrer unterwegs, und sie kommen bei Weitem nicht nur aus Brandenburg, findet Nina Paulsen.

Autos stauen sich auf der Berliner Stadtautobahn A100 (Archivfoto)

Autos stauen sich auf der Berliner Stadtautobahn A100 (Archivfoto)

Foto: dpa/Robert Schlesinger / picture alliance

Ab kommender Woche gilt auf Teilen der Leipziger Straße Tempo 30. Wegen der Stickoxide und um die Umwelt zu schonen und so weiter. Wobei ich ja glaube, dass auch abseits davon viele Autofahrer mal ein paar Ruhephasen im Straßenverkehr nötig hätten. Quasi erzwungene Momente der inneren Einkehr. Ich weiß, ich mache mich jetzt sehr unbeliebt, aber am besten baut man noch einige dieser Hubbel aus Spielstraßen auf den Asphalt. Und kleine Inseln, die rechts und links in die Fahrbahn ragen und damit ein Abbremsen nötig machen.

Da kann die Stadt dann gleich noch ein paar Stiefmütterchen reinpflanzen. Frühling, Freunde! Lasst Blumen statt Motoren sprechen. Und schaltet endlich mal einen Gang runter. Ganz nebenbei kommt man auf der Leipziger Straße eh nie schneller als mit 20 km/h voran.

Im Stau zu hupen ist verdammt blöd

Aber manche Berliner Autofahrer wissen doch einfach echt nicht mehr, was die Uhr geschlagen hat. Erst gestern Morgen wurde zum Beispiel bei uns im Kiez der gesamte Straßenzug von irgend so einem hupenden Aggro-Typi geweckt, der in der Schlange hinter dem Müllwagen stand. Und wirklich alle Menschen und Tiere in einem Umkreis von mehreren Hundert Metern an seinem Frust hat teilhaben lassen. Es war ein irre langes Dauerhupen, mit dem der Fahrer wohl den Müllwagen dazu bewegen wollte, seine Arbeit auf der Stelle abzubrechen und ihn gefälligst durchzulassen.

Ja ja, is’ klar, man hört ja auch ständig, dass die BSR den Müll einfach liegen lässt, damit Kevin Meier aus Pankow mit seiner komischen Testosteron-Schleuder schneller vorankommt. Wie ein Chihuahua, der einen Pitbull ankläfft. Es gibt wirklich wenige Dinge, die noch dämlicher sind, als sich hupend an ein Stauende zu stellen: Eine U-Bahn anzuschreien, damit sie schneller fährt. Pflanzen zu beschimpfen, damit sie schneller wachsen. Das war’s. Aber es soll ja Leute geben, die selbst das für möglich halten.

Der Straßenverkehr macht Menschen zu Teufelchen

Es ist aber schon seltsam, was der Straßenverkehr mit den Menschen macht. Da werden selbst friedliebendste Wesen zu motzenden Teufelchen, die sich eher ein Bein abhacken würden, als die Oma mit ihrem Volvo da vorne vor sich einscheren zu lassen. Ich kenne das von mir selbst auch: Im Bus überlässt man anderen höflich den Sitzplatz, kein Pro­blem. Aber wehe, auf der Straße quetscht sich ein anderer Wagen vor einem in die Spur.

Dann wünscht man sich, dessen unfähiger Fahrer möge für alle Zeiten in der Hölle schmoren. Der Berliner Straßenverkehr ist für mich persönlich ja auch der Hauptgrund, warum ich meistens BVG fahre. Trotz aller Nervereien mit U- und S-Bahn geht man so gesünder und ausgeglichener durch den Tag. Insofern wundert es mich auch nicht, warum Berliner Taxifahrer so oft so wahnsinnig rabiat sind – die müssen sich ja den ganzen Tag mit solchen Sachen herumärgern.

OHV - Opa hat Vorfahrt

Ein Fahrer erzählte mir neulich, dass nach seinem Gefühl tatsächlich Autos mit dem Kennzeichen OHV die schlimmsten aller Autofahrer sind. Ohne Hirn und Verstand, sagt man da ja oder: Opa hat Vorfahrt. Was auch immer besser ins Klischee passt. Jedenfalls hätten diese Autofahrer aus seiner Sicht auf der Straße nichts zu suchen. Immer viel zu langsam unterwegs. Oder zu schnell. Oder beides, aber immer an der falschen Stelle.

Ich glaube ja, mit unliebsamen Autofahrer-Nachbarn schlägt sich jede deutsche Stadt herum. In Hamburg sind’s die Pinneberger, die keinen Plan von der Straße haben. Im Kreis Schleswig-Flensburg, wo ich herkomme, macht man am besten einen großen Bogen um alle Autos aus Nordfriesland.

Wobei hier bei uns die Statistik eindeutig aufseiten der Brandenburger steht: Sie sind allesamt vom Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft wegen geringer Unfallzahlen in die niedrigsten Regionalklassen eingestuft – und die Berliner in die höchste. Aber vielleicht bauen wir ja auch nur so viele Unfälle, weil die Brandenburger ständig im Weg sind? Na ja, wohl eher, weil es hier Leute gibt, die Müllwagen anhupen. Am besten lassen wir sie künftig drei Mal die Leipziger Straße auf und ab fahren. Das wäre die perfekte Strafe.

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