Mein Berlin

Im Urlaub mit Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Ein touristischer Vergleich zwischen Berlin und den Kanaren. Und warum es zu Hause für Nina Paulsen einfach am schönsten ist.

Schnell das Handtuch auf die Liege legen: Strand auf Lanzarote

Schnell das Handtuch auf die Liege legen: Strand auf Lanzarote

Foto: FOTO-Agentur Hartung

Berlin.  In den letzten zwei Wochen waren wir im Urlaub. Seit wir Eltern sind, sind wir in dieser Hinsicht etwas, nun ja, bescheidener geworden, man könnte auch sagen: bequemer. Es ist ja nun mal so, dass ein wilder Anderthalbjähriger, der den ganzen Tag am liebsten hinter einem Ball herrennen will, eher nicht so Lust hat auf einen Roadtrip durch Kanada oder einen Museumsmarathon in Florenz. Also verbrachten wir 14 Tage in einem Familienhotel auf Lanzarote: Sonne, Spielplatz und Spaghetti mit Tomatensoße, die abends mehrheitlich auf dem Boden statt im Kind landeten. Es war aber wirklich toll. Vor allem, weil es beim Abendessen immer Tische gab, die noch eingesiffter waren als der eigene.

Nachmittags spazierten wir die Strandpromenade entlang und genossen die ewige Ambivalenz, die alle größeren südeuropäischen Ferienorte eint: Linker Hand ergießt sich der Sand in das sanft wogende Meer. Weiter hinten dümpeln die Fischerboote, leise rascheln die Palmenblätter im Wind. Es ist so verdammt romantisch, dass man sofort Gitarre lernen und schnulzige Liebeslieder singen möchte. Rechter Hand reihen sich vor weißgetünchten Hotelbauten allerdings die Bars, Restaurants und Souvenirläden aneinander, in denen sonnenverbrannte Menschen ihr Geld verschleudern. Zum Heulen hässlich. Das Jeckyll und Hyde des Mainstream-Tourismus.

Ich dachte in diesem Moment oft an Berlin, und dass es dort gewissermaßen auch so ist, wenn Hop-on-Hop-off-Busse am Dom, der alten Nationalgalerie oder der Humboldt-Uni vorbei ächzen, diese metallenen Ungetüme direkt aus der Touri-Hölle vor dieser wunderschönen historischen Kulisse. Aber anders als in Berlin herrscht in diesen Ferienorten im Süden bei alldem: Stillstand. Es sieht dort so aus, wie es vor 30 Jahren schon ausgesehen hat, als ich erstmals ein Flugzeug besteigen durfte, das uns damals nach Gran Canaria flog.

Essen auf Fotos und die unsterbliche Sangria

Noch immer gibt es Speisekarten in vier Sprachen in den Restaurants. Und für alle anderen ist das Essen auf Fotos abgebildet. Während im Rest der Welt Aperol Spritz und Gin Tonic die Gesöffe der Stunde geworden sind, ist hier die Sangria nicht totzukriegen. In den Souvenirläden sind Batik-Kleider noch immer total angesagt, Luftmatratzen in Krokodilform und Strandhandtücher mit Inselprint. An den Hotelpools trägt man selbstverständlich noch schwarze T-Shirts mit Hugo-Boss-Aufdruck in Regenbogenfarben – und Gürteltaschen, die man ganz unironisch eben wie einen Gürtel trägt. In manchen Ecken Berlins muss man aufpassen, dass man dafür nicht eine aufs Maul bekommt.

In Berlin hat der ungezügelte Tourismus tiefe, hässliche Spuren hinterlassen: vom Hostel-Strich am Rosenthaler Platz über das Gebiet rund um den S-Bahnhof Warschauer Straße in Friedrichshain bis zum erinnerungstechnisch völlig verkorksten Checkpoint Charlie. Hordenweise rennen die Massen durch diese Gebiete, müllen sie voll und fotografieren arglose Anwohner beim Einkaufen, als seien sie eine seltene Spezies im Regenwald von Papua-Neuguinea.

Auf Lanzarote kam es mir jetzt so vor, als sei der Tourismus in all seinen komischen Ausprägungen zwar irgendwann in den 80er-Jahren angekommen – ist dann aber im Großen und Ganzen auch so geblieben. Wobei es auch in Südeuropa völlig verschandelte und verbaute Landstriche gibt, da muss man nur mal die Mallorquiner fragen.

Ich kann aber dennoch verstehen, warum ältere Menschen sich seit 25 Jahren schon in immer den selben Ort in immer dem selben Hotel einquartieren: wegen der Beständigkeit. In Berlin geht die Veränderung manchmal so schnell, dass man kaum noch Luft bekommt. Das Gefühl, dass die Zeit woanders vielleicht nicht ganz so schnell rast, kann da vielleicht ganz wohltuend sein.

Für uns ist das allerdings nichts, wir haben uns am Ende wieder auf Berlin gefreut. Und als wir dann spätabends von Tegel mit dem TXL-Bus nach Hause rumpelten, wurde ich plötzlich auch ganz nostalgisch: dieses Mistding! Aber irgendwas muss ja auch in Berlin so bleiben, wie es immer schon war.

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