Mein Berlin

Keep calm and respect the BVG-Kontrolleur

Nina Paulsen hat immer ein Ticket und ist bei der Kontrolle trotzdem nervös. Noch schlimmer ist es, wenn die Polizei hinter ihr fährt.

Fahrschein-Kontrolle in Berlin - bei Nina Paulsen steigt dann immer die Nervosität

Fahrschein-Kontrolle in Berlin - bei Nina Paulsen steigt dann immer die Nervosität

Foto: Buddy Bartelsen

Berlin. Mit ein bisschen Übung erkennt man sie schnell: Die meisten sind Männer, breitschultrig, Typ ehemaliger Türsteher, oft mit Kinnbart und gegelten Haaren – auch, wenn es natürlich Ausnahmen gibt. Das unverkennbarste Anzeichen teilen sie aber alle: die Gürteltasche, traditionell um den Bauch gewickelt und nicht um die Schulter gehängt, wie es die coolen Kids jetzt tun. Jedenfalls: Wenn man ein solches Exemplar in der Berliner U- oder S-Bahn sieht, kann man ziemlich sicher sein, dass es in nur wenigen Sekunden heißt: „Die Fahrscheine, bitte! Tickets, please!“

Ich werde in solchen Moment immer wahnsinnig nervös. Habe ich meine BVG-Karte dabei? Oder ist sie mir vielleicht aus dem Portemonnaie gefallen? Und wenn nicht: Könnte die Gültigkeit abgelaufen sein? Habe ich die Rechnung bezahlt? Und war mein Konto überhaupt gedeckt? Je näher der Kontrolleur kommt, desto mehr hibbel ich vor mich hin als wäre ich als Kind in ein großes Fass Kaffee gefallen. Und versuche doch, möglichst lässig und abgebrüht die Fahrkarte aus der Tasche zu ziehen. Das Zittern in meinen Fingern endet allerdings erst, wenn eine der Kontrolletti sein komisches Scan-Dings über die Fahrkarte hält. Alles in Ordnung. Wieder einmal bin ich an der Katastrophe vorbeigeschrammt.

Haarscharf an der Katastrophe vorbei

Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich hasse Fahrkartenkontrollen. Einmal wurde ich mit einer abgelaufenen Monatskarte erwischt, von der ich aber nichts wusste, das war ein richtiges Trauma. Alle sehen dann, wie man aus dem Waggon auf den Bahnsteig abgeführt wird. Die Leute denken dann bestimmt, man schubst in seiner Freizeit auch noch kleine Enten in den Teich. Schwarzfahren wäre wirklich so gar nicht mein Ding, das würde mich nervlich irgendwann reif für die Klapsmühle machen. Ich verstehe nicht, wie manche Menschen das aushalten können.

Einmal sah ich, wie ein Mann ohne Fahrschein erwischt wurde. Auf dem Bahnsteig rannte er den Kontrolleuren einfach davon. Diese blieben nur achselzuckend stehen, was ich in dem Moment gut nachvollziehen konnte – es war schließlich ein Montagmorgen. Offenbar sind Schwarzfahrer die einzigen, die es da nicht entspannt angehen lassen.

Die vorgeschriebene Geschwindigkeit ist total verdächtig

Wenn ich Auto fahre und die Polizei im Rückspiegel sehe, ist es immer ein ganz ähnliches Gefühl. Sofort setze ich mich etwas aufrechter hin und gucke, dass ich nicht zu schnell und vor allem nicht zu langsam fahre. Exakt die vorgeschriebene Geschwindigkeit zu fahren ist, wie jeder weiß, ja auch total verdächtig. Lieber ein paar Stundenkilometer zu viel. Folgt mir ein Polizeiauto etwas zu lange durch den Straßenverkehr, bin ich meist sicher, etwas ziemlich Schlimmes verbrochen zu haben. Vielleicht habe ich jemanden überrollt, ohne es zu merken. Ich werde im Gefängnis landen, mein Leben lang.

Polizisten – und offenbar auch BVG-Kontrolleure – sind für mich Respektspersonen. Das ist so, seit mir in der Grundschule unser netter Verkehrspolizist Herr Balschatt die Regeln für sicheres Fahrradfahren erklärte. Ich finde die Polizei für einen funktionieren Staat wichtig und bin froh, die 110 oder 112 wählen zu können, wenn einer bei mir einbricht oder plötzlich der Keller brennt. Umso unglaublicher sind die in letzter Zeit sich häufenden Vorfälle, bei denen Polizisten und auch Rettungskräfte von irgendwelchen Idioten beschimpft und sogar angegriffen werden. Was läuft bei diesen Leuten bloß schief? Welche Komplexe haben diese hirnlosen Halbstarken, die sie zu kompensieren versuchen? Ich hoffe, sie bekommen eine heftige und am besten auch peinliche Strafe, Müll sammeln im Hühnerkostüm vielleicht. Ich klinge jetzt wahrscheinlich ziemlich altherrenmäßig, aber: Wo bleibt bei denen der Respekt?

So viel Ehrfurcht wie bei mir und den BVG-Kontrolleuren muss ja auch nicht sein, das ist sowieso total übertrieben. Wobei: Gleich muss ich nach Hause fahren... Wo habe ich nur mein Ticket gelassen?

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