Mein Berlin

Definiere: Was ist ein Berliner? Ein Pfannkuchen?

In Schleswig-Holstein sorgt ein Berliner für Streit. Also: ein Pfannkuchen. Der aber ein Berliner ist. Oder auch nicht.

Pfannkuchen - so heißen sie in Berlin. Anderswo: Berliner

Pfannkuchen - so heißen sie in Berlin. Anderswo: Berliner

Foto: Patrick Pleul / picture-alliance/ dpa

Berlin. Es kommt vor, dass man als Zugezogener mit Berliner Eigenarten hadert. Das Wort "Schrippe" zum Beispiel ging mir anfangs schwerer über die Lippen als der legendären Evelyn Hamann der Loriot-Sketch über Lord und Lady Hesketh-Fortescue auf North Cothelstone Hall. "Schrippe" kam mir ähnlich sperrig vor. Beim Bäcker war es merkwürdig. Ich hätte ebenso gut ein Känguru-Sandwich mit Schuhcreme bestellen können – das Gefühl wäre das gleiche gewesen.

Da, wo ich ursprünglich herkomme, aus Norddeutschland, heißt die Schrippe ja einfach Brötchen. Ein verniedlichtes, kleines Brot. Überhaupt ist in Schleswig-Holstein sehr vieles sehr niedlich, die vielen Schafe zum Beispiel und der plattdeutsche Dialekt. Wenn meine Oma über etwas schimpft, sagt sie immer: "Mann inne Tünn!" Das heißt so viel wie "Mann in der Tonne". Wenn man sich etwas überlegt, "klabüstert" man es auseinander, und beim Essen wünscht man sich "Mohltied!". Eine Gardine ist ein "Finsterlaaken" und ein Maulwurf ein "Mullewapp". Unfassbar süß, dieser Norden, ich bin immer ganz entzückt, wenn ich mal wieder zu Besuch war. Ich gebe aber zu: Ganz so ernst nehmen kann man ihn auch nicht immer.

Über Silvester war ich wieder in der alten Heimat und las in der örtlichen Zeitung, dass auf einem Weihnachtsmarkt ein heftiger Streit ausgebrochen war. Und wer war schuld? Ein Berliner! Es ging um einen Stand, an dem ein Verkäufer – ich übersetze das jetzt mal für die Berliner Leser – Pfannkuchen verkaufen wollte. Mehrere Sorten, mehrere Glasuren, mehrere Füllungen. Diese Pfannkuchen, die in Schleswig-Holstein aber Berliner heißen, erwiesen sich als der absolute Renner bei den Weihnachtsmarktkunden. Vor allem eine ebenfalls dort zu bekommende Mini-Variante ohne Füllung, die man mit einem Happs direkt in den Mund stecken konnte. Pfannkuchen-Fast-Food quasi.

Ohne Füllung ein Berliner kein Berliner

Aber Achtung: Das rief die Behörden auf den Plan. Ohne Füllung sei ein Berliner kein Berliner und damit ein Pfannkuchen kein Pfannkuchen, befand die örtliche Tourismus-Agentur und untersagte dem Mann den weiteren Verkauf. Der war natürlich stinkesauer. Mann inne Tünn.

Verständlich. Ich finde es ehrlich gesagt ja auch komisch, dass jetzt ausgerechnet Fischköppe festlegen, was einen echten Berliner ausmacht und was nicht. Eigentlich müsste ein Berliner ja mit weit mehr gefüllt sein als nur mit Marmelade. Zum Beispiel mit Dönerresten, Touristenmassen und einem nicht funktionierenden Großflughafen. Weil das alles aber nicht so gut zu verdauen ist, sollte man sich vielleicht doch besser nur mit Konfitüre und Pflaumenmus zufriedengeben. Oder sich doch auf die bundesweit einheitliche Bezeichnung "Pfannkuchen" einigen. Das würde nicht nur die ewigen Berliner-oder-Pfannkuchen-Diskussionen beenden, die noch schlimmer sind als die Frage, ob es "die" oder "das" Nutella heißt. Sondern auch so gruselige Wortschöpfungen wie Krapfen oder Kreppel vernichten, wie Pfannkuchen im Süden und Westen des Landes heißen. Sorry, aber Krapfen und Kreppel klingen, als kämen sie direkt aus Loriots North Cothelstone Hall. Dann lieber Känguru-Sandwich mit Schuhcreme.

An das Wort Schrippe gewöhnt man sich irgendwann ganz von alleine

Der unglückliche Verkäufer der Doch-keine-Berliner-beziehungsweise-Pfannkuchen hängte dem Zeitungsbericht zufolge dann übrigens sein Geschäft an den Nagel und widmet sich seither der Produktion von Karamellbonbons. Die sind offenbar eine eher konfliktfreie Süßigkeit.

Für einen guten Start ins Jahr 2018 schlage ich vor, dass niemand von außen festlegen darf, was ein Berliner ist oder nicht. Wäre doch schön, wenn jeder, der hier in der Stadt lebt und sich so fühlt, sich auch so nennen darf. Und so viel kann ich versprechen: An das Wort Schrippe gewöhnt man sich irgendwann ganz von alleine.

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