Mein Berlin

Warum man in Berlin immer in dieselben Läden geht

In der Stadt gibt es Tausende Restaurants und Bars. Trotzdem landet man immer wieder in seinem Stammlokal, beobachtet Nina Paulsen.

Das Stammlokal kann beim Ankommen helfen

Das Stammlokal kann beim Ankommen helfen

Foto: Gero Breloer / picture-alliance/ dpa

Berlin. Bei uns im Kiez hatte im Frühjahr ein neues Restaurant eröffnet: eine Tapas-Bar von Schauspieler Daniel Brühl. Weil wir Tapas mögen – und Daniel Brühl eigentlich auch – sagte ich zum Mann: „Du, da müssen wir unbedingt bald hin!“ Die Tage gingen ins Land, aus ihnen wurden Wochen und Monate. Bis die Tapas-Bar im November wieder schloss. Zu wenig Kundschaft, hieß es. Und ich dachte: Na super. Wegen Leuten wie uns hat schon wieder ein Laden pleite gemacht.

2017 geht zu Ende, 2018 steht vor der Tür: mein zehntes Jahr in Berlin. Ich habe seither fünf Mal den Arbeitgeber, vier Mal die Wohnung, zwei Mal den Bezirk und ein Mal den Partner gewechselt. Aber kein einziges Mal das Lieblingsrestaurant. Wir landen immer in den selben drei bis fünf Läden zum Frühstücken, Kuchen essen, zum Dinner oder für einen gepflegten Absacker.

Und irgendwie bestelle ich auch immer die selben Sachen: Käsefrühstück mit Milchkaffee, Obstkuchen mit Sahne, Pizza mit Scampi und Rucola, dazu ein Glas Grauburgunder. Obwohl in Berlin jedes Jahr Hunderte Locations neu eröffnen, jedes Jahr neues Trend-Food und neue Trend-Getränke erfunden werden, bin ich ein schlimmeres Gewohnheitstier als der Wähler in Bayern. So sorry, Daniel Brühl.

„Never change a running system“

Aber bei Computer-Nerds heißt es ja auch immer: „Never change a running system“ – wenn irgendetwas funktioniert, bloß nicht mehr dran rum schrauben. Hinlänglich bekannt ist ja auch, dass erfolgreiche Menschen immer die gleichen Klamotten tragen. Mark Zuckerberg zum Beispiel: Immer Jeans und graues T-Shirt. Angela Merkel: Immer den gleich geschnittenen Blazer, bei dem nur die Farbe varriiert. Man stelle sich die Kanzlerin mal mit Rollkragenpullover und Latzhose vor.

Dann hätte vielleicht sogar Martin Schulz eine echte Chance gehabt. Man sieht jedenfalls: Routine hilft. Bei Restaurants ist das nicht anders

Das Ding ist allerdings auch: Immer, wenn man zum Beispiel alten Schulfreunden erzählt, man wohne mittlerweile in Berlin, ziehen alle die Augenbrauen hoch und sagen: „Berlin, ja super, da hat man ja auch so viele Möglichkeiten, vor allem kulturell gesehen.“ Ja, und dann die ganzen Clubs, Cafés und Bars. Mega viel Auswahl und so, immer neue Läden, schon cool. So ungefähr reden die Leute dann. In der Theorie stimmt das natürlich alles.

Die Wahrheit ist aber, dass die wohl meisten Berliner sowieso nur einen Bruchteil davon nutzen und – zumindest in meinem Fall – den eigenen Kiez eigentlich so gut wie nie verlassen. Traurig, eigentlich. „Ich bin seit 40 Jahren in Berlin und bei mir ist das immer noch so“, sagte mein Morgenpost-Kollege Andreas kürzlich, als wir über das Thema sprachen und klopfte mir aufmunternd auf die Schulter. Ok, immerhin weiß ich jetzt, dass es auch anderen so geht.

Jeder findet seinen Platz - und sein Stammlokal

Einen Lieblingsladen zu haben, gibt einem aber auch ein extrem gutes Gefühl. Ein Gefühl von Zuhause mitten in der großen Stadt, in der sich ja immer so viel verändert. Man weiß, was man hat. Dass das Essen schmeckt, dass die Bedienung nett ist und der Weg nach Hause nicht weit. Und wenn doch, dann kennt man ihn immerhin so gut, dass man ihn zur Not auch im Schlaf zurücklegen kann, wenn man nach dem zweiten Schnaps aufs Haus schon ziemlich erschossen ist. Und das ist doch eigentlich das tolle an Berlin: Dass es bei all dem Wahnsinn, bei all dem irrwitzigen Tempo, der stets gefeierten Dynamik und den immer neuen Versuchungen in der Stadt auch Beständigkeit gibt. Einen Anker, der das Ankommen möglich macht. Der einem das Gefühl gibt: Hier gehörst du hin. Dass aus Wahlheimat richtige Heimat werden kann. Dass jeder, egal wie er ist, hier seinen Platz finden kann. Und eben sein Stammlokal.

Hach ja. Man wird eben etwas gefühlig, wenn ein Jahr zu Ende geht. Aber eine Sache, die will ich trotz allem für 2018 versprechen: Wenn ein Schauspieler nochmal ein Restaurant bei uns aufmacht, gehe ich definitiv mal hin.

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