Wer sich täglich zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch Berlin bewegt, benötigt eine ziemlich hohe Ekel-Toleranzschwelle. Vor allem an den größeren Verkehrsknoten stinkt es gewaltig: nach Frittenfett und Müll am Alexanderplatz, nach Urin und Alkohol am Bahnhof Zoo. Wo Zehntausende Menschen jeden Tag zusammenkommen, lässt sich solch eine Geruchsmelange wohl nicht vermeiden. Viele andere eklige Dinge, die Berliner in der Öffentlichkeit so tun, aber schon.
Erst kürzlich wieder, der S-Bahnsteig am Zoo. Noch zwei Minuten bis zum nächsten Zug, neben mir steht ein junger Typ. Er zieht erst geräuschvoll die Nase hoch. Und spuckt dann direkt vor seinen Füßen einen ziemlich unansehnlichen Schleimbrocken aus.
Mir geht es bei so etwas dann immer wie bei diesem oft zitierten Verkehrsunfall-Vergleich: Ich will gar nicht hingucken, kann aber irgendwie auch nicht wegsehen. Vor allem aber muss ich in solchen Momenten gegen einen Würgereflex ankämpfen – und frage mich: Geht das auch anderen so? Alle haben sich zwar irgendwie an diese Wildspuckerei auf der Straße gewöhnt – aber muss das denn wirklich sein?
Oft Männer Verursacher des Problems
Es ist ja nicht so, dass der Spucker am Zoo eine Ausnahme wäre. Gespuckt wird wie in einem Lama-Gehege – ständig und überall. Allerdings immer nur von Männern, dafür aber von Männern jedes Alters und jeder Herkunft. Der Anzugträger tut es ebenso wie der picklige Schüler.
Nicht ganz so verbreitet, dafür aber umso ekliger ist ja das Wildpinkeln in Berlin. Unter bestimmten S-Bahnbrücken der Stadt kann man wegen des Gestanks nicht mehr gehen, ohne die Luft anzuhalten. An der Kantstraße in der City West zum Beispiel, am Hackeschen Markt oder auch an der Landsberger Allee.
Auch hier, so ehrlich muss man sein, sind Männer Verursacher des Problems. Vielleicht sind das ja irgendwelche archaischen Rudimente, die trotz aller Zivilisation plötzlich aus dem tiefsten Inneren an die Verhaltensoberfläche brechen. Stichwort Reviermarkierung und so.
Es ist, als ob alle sagen: Is mir egal
Aber natürlich betrifft das Problem auch Frauen: Sonntags im Mauerpark lässt jeder seinen Grillmüll liegen oder wirft Zigarettenstummel in die ohnehin ziemlich bescheidene Botanik. Kaugummis werden natürlich immer an Ort und Stelle ausgespuckt. Das Gefühl, sich als argloser Fußgänger so ein Kaugummi unter der Sohle festzukleben und es dann abzukratzen, ist tendenziell auch eher uncool. Von Hundehaufen auf Gehwegen und Wiesen ganz zu schweigen. Oder dem Sperrmüll, der immer wieder gern einfach irgendwo an der Straße abgeladen wird.
Es ist, als ob alle sagen: Is mir egal. Was die BVG sich lässig als berlingefühligen Werbeslogan auf die Fahnen geschrieben hat, ist immer mehr zu einer kollektiven, stadtweiten Ignoranz geworden. „We kehr for you“ wirbt die Berliner Stadtreinigung lustig vor sich hin – und genau das ist das Problem. Schöner wäre, wenn jeder ein bisschen für sich selbst kehren würde.
Das Nacktjoggen im Gesetz
Das hat auch alles nichts mit provinzieller Spießigkeit zu tun. Die Freiheit, das Leben-und-leben-Lassen in Berlin und die kreative Energie werden nicht beschnitten, nur weil man vielleicht doch mal eine reguläre Toilette benutzt. Oder sein verdammtes Kaugummi in den Papierkorb wirft.
Erlaubt sind die Müllorgien in Berlin übrigens ohnehin nicht. 20 bis 35 Euro werden laut Berliner Verwarnungsgeldkatalog für das „vermeidbare Verschmutzen von Straßen“ fällig, für das Hundekot-Liegenlassen 35 Euro, wer eine Bananenschale achtlos wegwirft, muss immerhin mit 30 Euro rechnen.
Aber das ist natürlich nur Theorie, denn überwachen kann all diese Regeln ja sowieso niemand. Glücklicherweise wurde dann aber auch noch das Nacktjoggen in das sogenannte Gesetz über Ordnungswidrigkeiten aufgenommen – für 20 Euro ist man dabei. Aber wo haben Nacktjogger eigentlich Geld und Ausweispapiere dabei? Und will ich das wirklich wissen? Is mir dann doch egal. In diesem Fall wirklich.

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