Volle Buffets

Jeden Sonntag Brunch - Berlin hat ein Frühstücksproblem

Beim Sonntagsbrunch benehmen Berliner sich wie Waschbären: Sie essen einfach alles. Eine Kolumne von Nina Paulsen.

Ein Frühstücksbuffet - nicht überall geht es so geordnet zu wie hier

Ein Frühstücksbuffet - nicht überall geht es so geordnet zu wie hier

Foto: picture alliance / ZB

Kulinarisch gesehen hat Berlin eine ziemlich interessante Position auf der Landkarte inne. Als ich vor einigen Jahren für eine Reportage bei Haribo in Bonn war, erzählte mir der dortige Werksleiter, es gebe in Deutschland seiner Erfahrung nach einen Lakritz-Äquator. Soll heißen: Die Kundschaft im Süden der Republik mag es etwas süßer, kauft also eher Gummibärchen, Kirschen und Schlümpfe.

Im Norden hingegen herrscht eine Vorliebe für Lakritz. In Berlin, das geografisch grob gesagt auf der Hälfte liegt, isst man demnach beides. Im Haribo-Universum ist Berlin sozusagen das Colorado der Fruchtgummimischungen: Von süß bis herb ist von allem etwas für alle dabei. Und am Ende findet sich immer jemand, der auch die ekligen Teile nimmt.

Jetzt las ich in einer Handelsstatistik, dass außerdem noch ein Frühstücksäquator durch Deutschland verläuft: Im Süden beginnt der Tag ausgesprochen herzhaft mit Schinken, Weißwurst, Senf. Im Norden bevorzugt man es der Erhebung zufolge dagegen süß. Mit Marmelade, Nutella – und ganz vielleicht mal einer Scheibe Käse dazu.

Dass Berlin auch hier geschmacklich genau in der Mitte liegt, kann ich aber ohne Statistik bestätigen. Und jeder andere eigentlich auch, denn die gesamte Stadt ist am Ostersonntag ja mal wieder kollektiv zum Brunch gepilgert. Da muss man sich eigentlich nur mal fünf Minuten umschauen – und weiß über die Frühstücksgewohnheiten hier Bescheid.

Zwischen Wackelpudding und Thunfisch

Es ist schon ein Wahnwitz, was nicht nur an Ostern, sondern Sonntag für Sonntag auf die Buffets der Cafés und Restaurants gestapelt wird. Der Berliner ist beim Frühstück wie ein Waschbär – der frisst bekanntlich alles: Fleisch, Gemüse, Kuchen, Gartenschlauch – völlig egal. An diesem Wochenende sah ich in einem Laden in Prenzlauer Berg einen Mann, der grünen Wackelpudding zwischen Erbsen, Nudelauflauf und Thunfischcreme drapierte.

Okay, mit grünem Wackelpudding kann ich ja noch leben, vor allem, wenn er mit Vanillesoße serviert wird – aber bei Erbsen hört bei mir die Freundschaft auf. Glaubt man der Lebensweisheit „Du bist, was du isst“, sind wir Berliner beim Frühstück ein ziemlich indifferenter Haufen.

Lustig ist ja, und das ist jetzt wirklich auch die letzte Statistik für heute, dass der Deutsche nach eigenen Angaben morgens am liebsten Körnerbrot mit Quark und Marmelade zu sich nimmt. Hahaha. Ist klar. Ich habe in der freien gastronomischen Wildbahn der Hauptstadt noch nie jemanden gesehen, der wirklich diese Dinge zum Frühstück gegessen hat – mich eingeschlossen. Vielleicht ticken wir hier in der Stadt frühstückstechnisch einfach anders als der Rest.

Der kleinste gemeinsame Nenner

Dafür spricht ja auch nicht nur die Essensauswahl, sondern auch die Zeiten, zu denen Frühstück hier als allgemein akzeptierte Mahlzeit gilt. Von 10 bis 16 Uhr ist das fast überall der Fall, immer mehr Betriebe servieren ihre Frühstücksteller bekanntermaßen den ganzen Tag (und sogar in der Nacht, wie das Schwarze Café an der Kantstraße in der City West). In Hamburg zum Beispiel gibt es dagegen selbst sonntags Frühstück nur so von halb sechs bis maximal halb zehn. Und dann ist erstmal Schicht im Schacht.

Ich kann nur mutmaßen, warum das in Berlin so anders ist. Die vielen Partypeople, die Gerüchten zufolge gern mal Dienstagnachmittags aus einem Club stolpern und dann erstmal die Frühstücksplatte Mediterran mit Serrano und extra Rührei brauchen, sind sicher nur ein kleiner Teil des Grundes.

Der größere liegt wohl darin, dass Frühstück in kulinarischer Hinsicht einfach immer der kleinste gemeinsame Nenner ist. Frühstück mag jeder, darauf kann man sich einigen. Und ‘ne Stulle, quasi die to-go-Variante, ist ja sowieso immer drin. Berlin ist außerdem die einzige Stadt, in der ein Kreuzberger Wirt bei einem Frühstücksbuffet angesichts der Menschenmassen ein lustiges Schild aufstellen kann, ohne dass ihm die Gäste davonlaufen: „Bei uns können Sie vom Boden essen – dort findet man immer was.“

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