Ein früher Morgen im April, draußen ist es noch dunkel, sanft ziehe ich die Haustür hinter mir ins Schloss. Einatmen, ausatmen, die Luft ist kühl, aber mild und vor allem: verheißungsvoll. Jetzt, wo der Winter endlich überstanden ist, geht es aufwärts, man riecht, schmeckt und fühlt es, vor allem so früh, wenn die Stadt noch schläft und der tägliche Lärm nur als ferne Erinnerung in der Berliner Morgenluft hängt.
Stattdessen: Ein Vogelkonzert, wie man es sonst nur aus der Natur kennt. Also aus der richtigen, ganz echten Natur. Nicht Natur à la Mauerpark oder Bierchen unter Bäumen im Schleusenkrug. Sondern Natur wie tief im Grunewald oder ganz weit draußen in Brandenburg, wo die Rehe fröhlich über die Felder hüpfen. So laut wie dort zwitschern früh morgens die Vögel über Prenzlauer Berg, sie sitzen auf den Bäumen und Dächern und wissen: Um diese Zeit gehört die Stadt noch ihnen allein. „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, hat Hermann Hesse einst gesagt, und wer derzeit früh durch Berlin spaziert, weiß: Da hatte er recht.
Solche Sachen denke ich, während ich um kurz nach fünf Uhr durch die sirrende Dunkelheit zur U-Bahn gehe. Ab und zu ist das so, denn auch Journalisten müssen manchmal früh raus, weil irgendwo ja immer etwas passiert. Ich gehe, nein: schlendere durch diese im Frühling erwachende Stadt und nur selten fährt neben mir ein Auto vorbei. Dieser Frieden. Wie wunderbar. Dann rutsche ich an der Eberswalder Straße fast auf Erbrochenem aus.
Netzstrumpfhose, Glitzerflitter im Gesicht
„Eklig, wa?“ sagt ein Anfangzwanziger und beißt in einen Dürüm. In seiner Jackentasche steckt eine Flasche Bier. An der Ecke stehen fünf Mädchen, die gerade aus einem der Clubs in der Kulturbrauerei gefallen sind. Netzstrumpfhose, Glitzerflitter im Gesicht. Sie sind laut, betrunken und machen lustige Selfies.
Irgendwie ist fünf Uhr morgens in Berlin eine ziemliche Unzeit. Der Vampir unter den Uhrzeiten sozusagen. Nicht mehr ganz Nacht, noch nicht neuer Tag. Eine dieser merkwürdigen Abschnitte, in denen die Welt der arbeitenden Frühaufsteher plötzlich mit der Welt der sorglos Feiernden zusammenfällt. Ich vermute, das gibt es nirgendwo sonst in diesem Land.
Klar, auch auf der Reeperbahn in Hamburg ist bis morgens etwas los, aber das ist eben auch eine klassische Amüsiermeile und wer dorthin zieht, weiß genau, woran er ist. In Berlin aber kannst du jede Nacht immer irgendwo die Party deines Lebens haben – und überall zur gleichen Zeit mit Menschen zusammentreffen, die gerade ein ganz anderes Ziel haben, zum Beispiel ein langweiliges Büro.
Ist 30 etwa doch das neue 40?
Das Problem ist: Man braucht in diesen Situationen ein ziemlich dickes Fell, um sich nicht plötzlich völlig alt und spießig zu fühlen: Bedeutet sich über Vögel und die Natur zu freuen und an Gedichte zu denken nicht, dass man theoretisch auch gleich ins Altersheim ziehen kann? Sollte ich stattdessen nicht einfach den frischen, supergesunden Smoothie in meinem Leinenbeutel mit Wodka aufgießen, ein Loch in meine Strumpfhose reißen und laut mit den Jungs mitsingen, die gerade mit einem dröhnenden „Schaaalaaalalalaaa“ aus der M10 steigen?
Ist 30 womöglich gar nicht das neue 20, sondern eher das neue 40? Hat sich im Raum-Zeit-Kontinuum der Partywelt irgendwann ein mysteriöses Wurmloch aufgetan und mich in die Welt der Verantwortung, Altersvorsorge und Einbauküchen gesaugt? Geht das alles noch mit rechten Dingen zu? Mürrisch wische ich meinen Schuh am Kantstein sauber. Vorbei ist der ganze Frieden, zur Hölle mit der Natur. Dann kommt der Typ mit dem Dürüm auf mich zu und hält mir ein Plastikpäckchen hin. „Hier, ich hab desinfizierende Feuchttücher dabei. Kannst eins haben.“
Plötzlich fühle ich mich doch wieder ganz normal. Bis ich mit desinfizierenden Feuchttüchern in meiner Handtasche auf Partys gehe, wird es definitiv noch einige Jahre dauern. Mit einem sauberen Schuh und relativem inneren Frieden kann ich zur Arbeit fahren. Am Horizont geht langsam die Sonne auf.

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